Die schönsten Comics, die ich kenne (12): „The Fantastic Four“ # 39 – 51 (i)

Lange bevor sie das Kino und weite Teile unserer übrigen Pop- und Merchandisingkultur mit ihrem „Cinematic Universe“ eroberten, leisteten die damals noch gedruckten Marvel Comics eine Reihe erstaunlicher Innovationen, die alsbald auf andere Genres und Medien übergreifen sollten. So gab es erstmals in der Comic-Kultur so etwas wie Alterung und biografische Weiterentwicklung – solches war bisher nur im heiteren Zeitungs-Strip „Gasoline Alley“ (seit 1919) gewagt und als unwiederholbares Unikum betrachtet worden. Weiterhin war bei Marvel frühzeitig jene „horizontale Erzählweise“ angelegt, die wir heute in US-Dramaserien so schätzen. Sieht man einmal von „Die ruhmreichen Rächer“ („The Avengers“) ab, deren Teamgeschichte von Anfang an (also ab September 1963) eine Art durchgehende Familiensaga bildete, kam Novität, von Superhelden in Mehrteilern zu erzählen, erst einige Jahre später zur Vollendung. Wie sich das gehört, geschah dies in der Marvel-Gründungsserie „Die Fantastischen Vier“. Ihre Erlebnisse wurden über Monate so spitzfindig miteinander verzahnt, dass man sie als großen Roman hätte lesen können, wäre damals schon jemand an dieser Sichtweise interessiert gewesen. Sieg oder Niederlage ereigneten sich nicht wie üblich am Ende einer Ausgabe, sondern auf Seite 6 oder 7. Wenn das Heft zuende war, steckten die Helden schon wieder im nächsten Schlamassel oder in einer neuen Stufe (auf einem höheren Level) ihres Falles. Weiterlesen

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Die schönsten Filme, die ich kenne (17): „Die Morde des Herrn ABC“

Um die Aufregungen seines Lebens als weltberühmte Denkmaschine zu zerstreuen, reist Hercule Poirot nach London. Er bleibt jedoch nicht dabei, sich neu einkleiden (d.h. von seinem blasierten Schneider demütigen) zu lassen, denn zur selben Zeit beginnt in der Stadt ein Serienmörder sein Unwesen zu treiben, der seine Opfer in alphabetischer Reihenfolge abmurkst. Poirot macht in der Sauna die verstörende Bekanntschaft mit der mutmaßlichen Täterin (einer offenbar verwirrten Blondine) und des britischen Agenten Hastings, der von der Regierung als seine Leibwache abgestellt wurde. Widerwillig beteiligt der Gast aus Belgien den skurrilen Briten an seinen Ermittlungen. Sie führen das ungleiche Gespann hinein in das Intrigengespinst einer reichen Londoner Familie. Poirot braucht nach dem ersten noch einen zweiten Showdown, um den Fall schließlich aufzuklären.

Als ich „Die Morde des Herrn ABC“ zum ersten mal im Wohnzimmer meines Elternhauses sah, begriff ich nicht, was ich da Einzigartiges vor mir hatte – zumal mir der Anfang entgangen war. Der Anblick der beiden Charakterkomödianten Robert Morley und Tony Randall ließ mich am Rohr bleiben, und nach wenigen Minuten schaute ich ein kleines Wunder: die leibhaftige Miss Marple alias Margaret Rutherford kam mitsamt ihrem Mr. Stringer um die Ecke (- die charakteristische Musik spielte dazu). Sie sah den Protagonisten des Films – den anderen der beiden weltberühmten Krimihelden aus der Feder von Agatha Christie – kurz irritiert und etwas angeekelt an und setzte dann wortlos  ihren Weg fort. Weiterlesen

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Die Outtakes von Ralf König (60): „Jago“ (xvi) (Schluss)

Jago Kopfzeile

„Jago“ von 1998 spielte mit allerlei Shakespeare-Motiven. In dieser Serie werden Passagen präsentiert, die im Buch ausgelassen oder noch einmal verändert worden sind. Fast immer handelt es sich bereits um Reinzeichnungen, hin und wieder auch um Skizzen, Vorstudien und Entwürfe.
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Die Tränen des Fleischfressers

betr: 92. Geburtstag von Sam Peckinpah (†) / SPIEGEL-Titel Nr. 8 / 18.2.2017 „Gewissensbisschen“

Mit Männerfilmen wie „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“ und „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“ ging der US-Regisseur Sam Peckinpah an die Grenze des Zumutbaren. Er schonte, wie es dann immer so schön heißt, weder sich noch seine Schauspieler/innen. Das bisher nicht auf Deutsch erschienene Buch „Peckinpah: A Portrait in Montage“ von Garner Simmons, Limelight Editions (1982), versammelt Lebenserinnerungen und Briefe des Regisseurs und Statements von seinen Kollegen.
Jedes Kapitel enthält in etwa so viel Testosteron wie ein beliebiger Film aus seinem Werk.

Ich erinnere mich daran, wie ich meinen dritten Hirsch geschossen habe. Er stand am Rande eines Abhangs, vielleicht hundert Yards entfernt. Es schneite. Ich pirschte mich an, schlich um eine Baumgruppe herum und schoss ihm in den Hals. Als ich näher kam, hing er halb über dem Rand, aber lebte noch. Und er blickte mich beim Näherkommen mit einer Mischung aus Furcht und Resignation an. Ich hätte gern gesagt: „Es tut mir leid!“ Eigentlich hatte ich ihn gar nicht töten wollen. Die Jagd hatte mich mitgerissen. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als ihm eine Kugel in den Kopf zu schießen, um sein Leiden zu beenden. Danach kniete ich im Schnee neben dem Kadaver nieder, um ihn auszuweiden, und es war mir nicht möglich, meine Tränen zurückzuhalten. Ich fühlte mich diesem Tier unglaublich verbunden. Ich hätte alles dafür gegeben, es wieder laufen zu sehen. Aber wenn man wirklich jagt, dann besteht eine enge Beziehung zwischen dem Mann und dem, was er tötet, um zu essen. Man kann das Menschen schwer erklären, die glauben, das Fleisch käme aus ihrem Supermarkt. Oder diesen Typen, die alles schießen, was sich bewegt, um eine Trophäe zu kriegen. Weiterlesen

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Zum Tode von Klaas Akkermann

Der folgende Nachruf wurde mir von seinem Autor Johannes Blunck von fp frontpage communications GmbH zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanken möchte. Klaas Akkermann war der einzige PR-Mann bundesweit, der vier konkurrierende Major-Filmstudios betreute.

Matrix
Typische Post aus dem Büro Akkermann. Zuletzt gab es keine gedruckten Pressemappen mehr, aber der handgemachte Schreibmaschinen-Look der Einladungen blieb.

Datum: Donnerstag, 16. Februar 2017 22:18
Betreff: Klaas

Liebe Journos, liebe Kollegen, liebe Freunde,

einige von Euch haben es sicher schon gehört: nun ist auch Klaas von uns gegangen. Leider habe ich bis eben nicht die Muße finden können, Euch zu schreiben. Seine Tochter rief mich heute morgen an. Ich bin ein bisschen böse auf Klaas. Gerade er hätte wissen müssen, dass man in dieser Branche am Startdonnerstag manchmal andere Sachen um die Ohren hat!

Diese Branche für die Klaas in meinen Anfangsjahren der Stellvertreter auf Erden* war. Er war eine Lichtgestalt, an der man nicht vorbeikam – so kam es mir zumindest vor. Ich war noch ein kleines Vorführerlicht und meine Schwester stellte mich ihm vor. Von da an durfte ich auch mal an diesen legendären Pressevorführungen teilnehmen. Da stand er nun – vorne im Rang und verlas von einem kleinen Zettel die kommenden Pressevorführungen (eigentlich waren Einladungen gar nicht notwendig, wenn man regelmäßig kam). Weiterlesen

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Schall und Rauch und vieles mehr

betr.: 1. Todestag von Umberto Eco

Umberto Eco hat als Geschichtenerzähler naturgemäß ein besonderes Verhältnis zu Namen und ihrer Erfindung. Dazu passt eine Geschichte, die er gern über sich selbst erzählte: „Die Herkunft meines Namens ist nicht ganz klar. Mein Großvater väterlicherseits war ein Findelkind. Damals – und ich glaube, das ist heute noch so – verpasste der Rathausangestellte den Findelkindern einfach einen Namen. Da gab es auch ganz sadistische Angestellte, die scheußliche Namen vergaben. Das Findelkind war manchmal sofort daran zu erkennen, dass es einen geradezu obszönen Namen hatte. Und dieser Angestellte war auf die Idee gekommen, mir den Namen Eco zu geben. Ich habe mich immer gefragt, warum. Es ist der Name einer Nymphe aus der Mythologie. Wie konnte ein Rathausangestellter so gebildet sein und solch poetische Neigungen haben?  Ein Kollege, der in der Bibliothek des Vatikans mit alten Texten arbeitete, hatte eine von Jesuiten erstellte Liste von Namen gefunden, die man den Findelkindern gab. Einer lautete Eco, und das bedeutet „ex caelis oblatus“ – das heißt: ‚vom Himmel gegeben‘ oder ‚… geschenkt‘. Also ist er gar nicht so übel, der Ursprung meines Namens. ‚Vom Himmel geschenkt‘, nicht von der Hölle – und das ist doch nicht schlecht.“

Hin und wieder lässt sich – anders als bei den Amtmännern seiner Heimat – erraten, wie er bei der Taufe seiner Figuren vorgegangen ist. Weiterlesen

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Broadway’s Like That (45): Der Frauenversteher Jule Styne (ii)

15. Das Ende der Tin Pan Alley (4)

„Gypsy“ von 1959 gilt als Jule Stynes reifstes Werk. Von der Idee zu einem Musical auf der Basis einer Autobiographie bis zum fertigen Bühnenwerk war es ein weiter Weg. Von Anfang an sollte Ethel Merman die Hauptrolle spielen. Mehrere Autoren bissen sich an dem Stoff die Zähne aus; Komponisten wie Cole Porter und Irving Berlin zeigten den Produzenten die kalte Schulter. Der designierte Regisseur und Choreograph Jerome Robbins brachte den jungen Songtexter der „West Side Story“, Stephen Sondheim als möglichen Komponisten ins Spiel. „Gypsy“ geht auf die Memoiren der seinerzeit berühmten Striptease-Tänzerin Rose Louise Hovick alias Gypsy Rose Lee zurück. Es führt in die weniger glanzvollen Bereiche des Show Business: Vaudeville und Burlesque der 20er und 30er Jahre. In diesem Umfeld spielt die Geschichte einer ehrgeizigen Mutter, die ihre Töchter unbedingt auf die Bühne bringen will. Eine davon ist die spätere Gypsy Rose Lee, die den Striptease schließlich salonfähig machen sollte und in Rodgers’ & Harts „Pal Joey“ mit dem Song „Zip“ geehrt wurde. Weiterlesen

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Die schönsten Filme, die ich kenne (16): „Du lebst noch 105 Minuten“

Die schwerreiche Leona Stevenson liegt im Bett und telefoniert – durchs Fenster sehen wir, wie sich der Abend über New York legt. Sie macht sich Sorgen, wo ihr Mann bleibt, doch in seinem Büro kann man ihr nicht weiterhelfen. Durch einen Vermittlungsfehler belauscht sie das Telefonat zweier Männer, die sich offensichtlich für einen Mord verabreden. Entschlossen, ein gutes Werk zu tun, denn Mrs. Stevenson hält sich für einen außerordentlich guten Menschen, teilt sie ihr Erlebnis im folgenden Anruf einem Polizeibeamten mit. Wieder erreicht sie nichts – denn selbstverständlich hat sie zu wenige belastbare Hinweise. Und vermutlich war das Ganze ohnehin nur Einbildung, meint der Polizeibeamte. Mrs. Stevenson sieht das anders – und telefoniert weiter …

So beginnt „Sorry, Wrong Number“ (USA 1947), der im Deutschen „Du lebst noch 105 Minuten“ heißt (was nicht der Länge des Films, aber in etwa der Handlungszeit entspricht). Weiterlesen

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Zombie mit Köpfchen

Betr.: 94. Jahrestag der Öffnung der Grabkammer des altägyptischen Königs der 18. Dynastie, Tutanchamun durch Howard Carter

Als Howard Carter das Grab des Tutanchamun öffnete, war die Mumie als solche noch ein rein archäologischer Topos.
Knapp zehn Jahre später machte sich der früh verstorbene Monarch auf den Weg in die Popkultur. In Hollywood war der sanftmütige Schauspieler William Pratt als Boris Karloff und dieser als Monster von „Frankenstein“ zu Weltruhm gelangt, und bei Universal überlegte man, welches Horrorwesen er als nächstes verkörpern konnte; der „Dracula“ war bereits an einen ungarischen Kollegen vergeben. Man erinnerte sich des sensationellen ägyptischen Fundes vom Februar 1923 und kam auf die Idee, Karloff eine wiedererwachte Mumie spielen zu lassen. Dieser Film mit einem Budget von unter 200.000 Dollar wurde ebenso erfolgreich wie seine beiden Vorgänger, und das Gruselkabinett war um einen Protagonisten reicher. Von allen seither gedrehten Mumien-Filmen – es gab deren nicht wenige – erlangte nur der erste Klassikerstatus. Weiterlesen

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Die Outtakes von Ralf König (59): „Jago“ (xv)

Jago Kopfzeile

„Jago“ von 1998 spielte mit allerlei Shakespeare-Motiven. In dieser Serie werden Passagen präsentiert, die im Buch ausgelassen oder noch einmal verändert worden sind. Fast immer handelt es sich bereits um Reinzeichnungen, hin und wieder auch um Skizzen, Vorstudien und Entwürfe.
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