Der Song des Tages: „Chanson Abigail“ („Arthur“)

betr.: 178. Jahrestag der Uraufführung des Lustspiels „Das Glas Wasser“ von Eugène Scribe in Paris

„Das Glas Wasser“ ist ein skurriles, knallbuntes Singspiel des Regisseurs Helmut Käutner. Neben der beabsichtigten Satire der Bühnenvorlage bietet das Repertoire auch unfreiwillige Komik, z.B. den sächsischen Dialekt des Hintergrund-Chores von Gustaf Gründgens im Chanson „Ich bin Henry Sir John“ (die Geschichte spielt in England) – und natürlich das übliche schrill-affektierte Spiel von Gründgens selbst.
Am besten (nämlich gar nicht) ist ein unbetitelter „Chanson-Bolero“ von Sabine Sinjen gealtert. Der Refrain beginnt mit der Zeile: „Es muss an Arthur selber liegen, dass hohe Damen auf ihn fliegen“. Diese Darbietung kommt zu jener Selbstironie hinauf, um die sich alle übrigen Songs lediglich bemühen.
Sämtliche Liedtexte stammen von Helmut Käutner, von dem wenige wissen, dass er auch die unsterbliche Hans-Albers-Schnulze „La Paloma“ ins Deutsche übertragen hat.

Glas WasserDer Soundtrack (Gustaf Gründgens hätte gesagt: „Der Sount-Träck“) zu „Das Glas Wasser“. Kapellmeister Bert Kaempfert wird nicht genannt. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Chanson, Film, Filmmusik / Soundtrack, Kabarett und Comedy, Musik, Popkultur, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die schönsten Filme, die ich kenne (83): „Half A Man“

Das greise Fischerpaar McSweeney macht harte Zeiten durch. Ihr Sohn Winchell ist ein Spätentwickler, der sich jeder Entjungferung hartnäckig verweigert. Schließlich heuert er auf einem Schiff an, um als Matrose die harte Männerwelt prägend auf sich wirken zu lassen. Auf See muss er feststellen, dass die gesamte Besatzung weiblich ist. Die Damen bemuttern ihn nach Herzenslust und zu seinem Leidwesen. Eine Seekrankheit bewahrt ihn davor, seinen Teller leeressen zu müssen – vor solchen Bevormundungen ist er doch eigentlich geflohen.
Als er bei dem Versuch, ein Gruppenfoto zu schießen, zuviel Blitzlichtpulver benutzt, versenkt er das Schiff.
Er wird er an einer Küste angespült, doch sie gehört zu jener Insel, auf die sich auch die Damen mit ihrem Rettungsboot geflüchtet haben. Winchell ist nun der einzige Mann auf der Insel, und diesmal muss er sich zu den Nachstellungen der Frauen irgendwie verhalten …

Die Fachwelt, die sich dem Soloschaffen Stan Laurels gewidmet hat, ordnet „Half A Man“ weiter unten ein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass unmittelbar zuvor Laurels berühmte „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“-Parodie herausgekommen ist Weiterlesen

Veröffentlicht unter Fernsehen, Film, Filmmusik / Soundtrack, Kabarett und Comedy | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Der Song des Tages: „This Is My Song“

betr.: 86. Geburtstag von Petula Clark

Seine 81. Filmproduktion, von der allgemein angenommen wurde, dass es die letzte sein würde, nahm Charlie Chaplin mit 77 Jahren in Angriff: „Die Gräfin von Hong Kong“. Der Meister spielte hier ausnahmsweise nur eine winzige Rolle – er tritt als seekranker Steward auf, – und das wurde von der Kritik bedauert. In der Tat war es der geringste Vorwurf, der diesem als völlig missglückt geltenden Film gemacht worden ist.
Für den Soundtrack wollte Chaplin schweren Herzens sein unverwirklicht gebliebenes Opernprojekt geplündert haben, doch der Hit daraus, „This Is My Song“, weist starke Ähnlichkeit mit einem Filmsong aus den 30er Jahren auf: „It Can’t Be Wrong“, den Max Steiner für „Now, Voyager“ geschrieben hat*; sogar die Titelzeile taucht als Formulierung in Chaplins Version auf.
Das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Unabhängig von der mangelnden Popularität des Films ist „This Is My Song“ eines der bekanntesten Chaplin-Filmmotive geworden und geblieben. Nur „Smile“ aus „Modern Times“ ist ein noch größerer vokaler Chaplin-Evergreen. Beide Themen sind im jeweiligen Film nur instrumental zu hören.
Am Erfolg von „This Is My Song“ hat die Single-Version von Petula Clark großen Anteil. Die Nähe zu dieser Sängerin, die in jenen Jahren eine der Säulen des Swinging London war, ergab sich aus Chaplins Exil in Europa. „A Countess From Hong Kong“ entstand in den Londoner „Pinewood Studios“.

___________________
* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/12/28/mit-max-steiner-auf-dem-weg-nach-oben/

Veröffentlicht unter Film, Filmmusik / Soundtrack, Musik, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Was ist eigentlich komisch?

Die beiden Bedeutungen, die das Wort „komisch“ in unserem Sprachgebrauch haben kann – „zum Lachen“ bzw. „seltsam / irritierend“ – haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Sie sind einander beinahe entgegengesetzt. Dennoch hat diese Zweifachbedeutung ihre Richtigkeit. Sie hat sich mir im jahrelangen Umgang mit Redakteuren erschlossen, die für das heitere Fach zuständig sind. Wem eine Formulierung zu verwegen ist, der sagt gerne: „Das finde ich irgendwie komisch“ – im zweitgenannten Sinne. „Ich auch“, würde ich dann gerne – im anderen Sinn – erwidern.
Ein Gag hat oft mit Irritation zu tun. Ein Manuskript ist letztlich nicht zum Lesen bestimmt, sondern geschrieben, um interpretiert zu werden. So kann es bei der ersten Lektüre passieren, dass nur der seltsame Aspekt spürbar ist. Der heitere teilt sich – hoffentlich – bei wohlverstandener Umsetzung sofort mit.
Für den Autor ist die Versuchung groß, seinen Text von vorneherein so simpel zu halten, dass er auch beim Lesen sogleich funktioniert. Es ist ein vorauseilender Gehorsam: der Chef soll nicht aus dem Lesefluss gerissen werden, und der Autor hat seine Ruhe. Das Nachsehen hat in diesem Fall der Genießer des Ergebnisses. Was in zweierlei Hinsicht komisch ist, ist doppelt komisch.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vicit“.

Veröffentlicht unter Buchauszug, Kabarett und Comedy, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Excelsior Stan To The Rescue!

zum Tode von Stan Lee
Stan+Hulk
Ich meine das ganz ernst: ohne meine frühe Begegnung mit den Medien, ohne Eskapismus hätte ich meine Kindheit nicht überstanden. Und selbst wenn – mein weiteres Leben wäre niemals so erfüllt und glücklich verlaufen. Das damalige Kinderfernsehen (vor allem das Vorabendprogramm des ZDF), das deutsche Programm von Radio Luxemburg (in der Zeit, bevor ein gewaltiger Hulk namens Helmut Thoma es von einem Tag auf den anderen zu Klumpen schlug) und ein Stapel Superheldencomics, die mir mein großer Bruder überließ, waren es, die meine Verzweiflung in Melancholie umschlagen ließen und meine Alpträume in großes Kopfkino. Mit Stan Lee ist nun der Urheber jenes magischen Heftchenstapels von uns allen gegangen, nach biblischen 95 Jahren, die ihn immer erfolgreicher und als Person populärer werden ließen. Anlässlich seines letzten, kürzlich begangenen Geburtstages bekannte er, so ziemlich der glücklichste Mensch der Welt zu sein. Es freute mich, das zu hören.

DIE SPINNE 45-46Mein erstes richtiges Superhelden-Comic und gleich ein zweiteiliges Sequel: die Rückkehr der Echse! Weiterlesen

Veröffentlicht unter Comic, Hommage, Medienphilosophie, Monty Arnold - Biographisches | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Was spielst du denn da Schönes?

betr.: 73. Todestag von Jerome Kern

Der legendäre Songschreiber Jerome Kern kam am 27. Januar 1885 in New York zur Welt – eine Generation nach Victor Herbert* und eine vor Richard Rodgers.** Das trifft stilistisch ebenso wie kalendarisch zu: er baute die Brücke zwischen der alten Wiener Schule am Broadway und dem neuen Sound, der den Two-Step dem Walzertakt vorzog. Bevor er das amerikanische Musical ausdefinierte und mit „Show Boat“ eine neue Ära begründete***, war es seine Aufgabe, europäische Musiktheater-Importe mit neuen Songs aufzupeppen und amerikanischer zu machen. Und das kam so: Weiterlesen

Veröffentlicht unter Musicalgeschichte, Musik, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wo nie ein Taktstock zuvor gewesen ist – Der Komponist Bernard Herrmann (19)

Forstsetzung vom 3.11.2018

betr.: Herrmanns Jahre nach und mit den Jüngern von Alfred Hitchcock (1)

Unter Herrmanns neuen Arbeitgebern befanden sich aufstrebende Jungtalente und spätere Starregisseure, seriöse Hitchcock-Bewunderer und schluderige Hitchcock-Nachahmer. Bereits 1966 schrieb Herrmann seine erste Partitur für den längst arrivierten Francois Truffaut, der mit seinem Interviewbuch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ den wichtigsten Beitrag zur filmhistorischen Einordnung Hitchcocks – und damit auch Herrmanns – geleistet hatte. Eine Suite aus „Fahrenheit 451“ findet sich bereits auf einem der DECCA-Alben*. „Fahrenheit 451“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Ray Bradbury. Die in einem totalitären Staat der Zukunft angesiedelte Geschichte handelt von den Gewissenskonflikten eines Feuerwehrmannes, dessen einzige Aufgabe es ist, die von der Regierung verbotene Literatur aufzuspüren und zu verbrennen – jegliche Literatur! In Anlehnung an dieses Schriftverbot lässt Truffaut den Vorspann in der unbeschrifteten Titelsequenz zu Herrmanns Musik einsprechen. Besonderen Eindruck machte das musikalische Schlussmotiv, die Beschreibung der anarchischen „Book People“. Die Kritik der F.A.Z. spricht hier von „der Rettung des europäischen Geistes, der sich nur behaupten kann, wenn man die Wohlstandshäuser hinter sich verbrennt, von vorn beginnt, stockend, lernend, frierend, in den Wäldern.“ Weiterlesen

Veröffentlicht unter Film, Filmmusik / Soundtrack, Musik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Hedy Lamarr – 2. Finale

betr.: 104. Geburtstag von Hedy Lamarr

Die aus Österreich stammende Hedy Lamarr war für den Beruf der klassischen Hollywood-Leinwandschönheit, den man naturgemäß nur kurze Zeit ausüben kann, zutiefst überqualifiziert. So entwickelte sie gemeinsam mit dem „Bad Boy Of Music“ George Antheil im Zweiten Weltkrieg im Dienste der US Navy und der Alliierten eine Technik, die als früher Vorläufer der Bluetooth- und WLAN-Technologie angesehen wird.
Von ihr ist nicht nur das Todesdatum überliefert, wir können (wenn auch nicht ganz so präzise) gewissermaßen auch das Ende ihres Nachruhmes in Hollywood benennen. Darin liegt eine mitleidlos-flapsige Tragik, die gut in Kenneth Angers Skandalchronik „Hollywood Babylon“ gepasst hätte.
Ein Mitarbeiter vom Hollywooder Wachsfigurenkabinett weiß zu berichten: „2002 – nach 35 Jahren in der Ausstellung – wurde die Wachsfigur von Hedy Lamarr aussortiert und in eine Abstellkammer verbannt, weil unser Direktor sich neue und angesagtere Gesichter wünschte. Das Pikante ist, dass ein Wachmann bei uns arbeitete, der gern Mädchen vom Hollywood-Boulevard aufgabelte, die er nach Ladenschluss ins Museum brachte, um dort Sex mit ihnen zu haben. In einem Abstellraum standen nun die Wachsfiguren von Hedy Lamarr, Shirley Temple und zwei weiteren unter der Treppe neben einem Klavier. Dahin brachte dieser Mann gern seine Opfer, um sie auf dem Klavier zu besteigen. Einmal fiel er herunter, über die Figuren und brach Hedy Lamarr die Arme ab, der Kopf war auch beschädigt. Sie war nicht mehr zu reparieren. Das war’s dann mit ihr.“

Veröffentlicht unter Film, Gesellschaft, Popkultur | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die wiedergefundene Textstelle: Mutter Marais

betr.: 20. Todestag von Jean Marais

Als ich den Schauspieler Jean Marais zur Kenntnis nahm, spielte er „Fantomas“ in der gleichnamigen Filmreihe, die damals im Fernsehen ausgestrahlt wurde und die jeder Halbwüchsige gesehen haben musste.
Meine Mitschüler und ich hatten keine Ahnung, wer dieser Jean Marais war – und es interessierte uns auch nicht besonders, da ihm Louis de Funès als glückloser Inspektor Juve irgendwie die Show stahl. Wir wussten nicht, dass sich Jean Marais in den Jahren zuvor als schneidiger Held zwischen Kostüm- und Actionfilm bewegt hatte und dass er noch früher der jugendliche Teil eines berühmten schwulen Künstlerpaares gewesen war. Dazu passte die Geschichte seiner besonderen Mutter-Sohn-Beziehung:

Als ich zur Welt kam und meine Mutter merkte, dass ich ein Junge bin – sie hatte vor meiner Geburt eine zweijährige Tochter namens Madeleine verloren, und sie wünschte sich wieder ein Mädchen – darum sagte sie nach meiner Geburt: „Ich will ihn nicht sehen!“ Am Anfang war ich also nicht sehr willkommen.
Aber später hat meine Mutter mich sehr geliebt, und ich habe meine Mutter sehr geliebt.
Es war schon seltsam: als Spielzeug bekam ich als Junge Puppen, aber da meine Mutter ein Mädchen wollte, behandelte sie mich wie ein Mädchen – zumindest die ersten sechs, sieben Jahre. Zwischendurch war sie drei Monate, sechs Monate, sogar vier Jahre lang weg. Und das war sehr geheimnisvoll. Ich wunderte mich auch, dass sie immer so viele Pakete und Geschenke mitbrachte. Bei uns war jeden Tag Heiligabend. Sie beschenkte meine Großmutter, die Kinder, alle möglichen Leute. Und – naja, so mit achtzehn Jahren begann ich zu ahnen, dass da etwas nicht stimmte. Und meine Tante sagte zu mir: „Ja, mein armer Kleiner. Deine Mutter ist eine Kleptomanin!“

Veröffentlicht unter Film, Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die schönsten Filme, die ich kenne (82): „Ja Zuster! Nee Zuster!“

Schwester Klivia führt in einer holländischen Kleinstadt ein Pflegeheim für Menschen, die an Skurrilität „leiden“, das Lebensgefühl ist das einer alternativen WG. Dem Vermieter und Wand-an-Wand-Nachbarn Boordevol sind Klivia und ihre schrillen Vögel ein Dorn im Auge. Er versucht, sie rauszumobben und zu –klagen, um in diesen Räumen ein Altenheim zu eröffnen – was ruhigere Mieter bedeuten würde. Er scheitert damit regelmäßig, was seinen Hass ins Unermessliche steigert.
Das Heim bekommt Zuwachs in Gestalt des jungen Charmeurs Gerrit, in den sich die hübsche Jet verliebt. Sie will Gerrit von seiner Kleptomanie kurieren. Als nebenan eingebrochen und eine Uhr gestohlen wird, scheint der Täter augenblicklich festzustehen.
Um Boordevol auszubremsen, probiert einer der Heimbewohner eine selbstentwickelte Wunderpille an ihm aus, die alles Böse gut werden lässt. Es klappt: der alte Piesepampel wird lieb und umgänglich. Sogar zu seinem Ex-Geliebten Wouter, der schräg gegenüber einen Frisiersalon betreibt, nimmt er wieder Kontakt auf. Alles könnte so schön sein, doch das Medikament wirkt nicht unbegrenzt. Während eines nostalgischen Dia-Abends erleidet Boordevol einen Rückfall in seinen Urzustand – und tobt.
Nachdem sich Gerrit als unschuldig erwiesen hat, schafft es Boordevol, Schwester Klivia zur Hauptverdächtigen zu machen. Das Ende der Wohngemeinschaft ist besiegelt, die Lage scheint aussichtslos. Doch dann geschieht ein Wunder …

Ja Zuster, Ne Zuster

„Ja Zuster! Nee Zuster!“ („Ja Schwester! Nein, Schwester“) ist ein schwules Musical, das auf einer niederländischen Kultserie der 60er Jahre basiert. Die Serie ist nicht mehr erhalten*, Weiterlesen

Veröffentlicht unter Film, Kabarett und Comedy, Musicalgeschichte | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar