„Verbrenn die ersten beiden Spulen!“

betr.: 37. Jahrestag der Uraufführung von „Lost Horizon“

Dass Filmkunst historisch sein und uns bewahrenswert erscheinen kann, ist eine relativ junge Entwicklung.* Frank Capras Fantasymelodram „Lost Horizon“ jedenfalls gilt inzwischen als wiederhergestellt.
Die Wikipedia berichtet von Jahrzehnten, in denen darum gerungen wurde, jenen Film zu retten, den der Starregisseur Capra für seinen besten hielt. Wie seine Zerstörung ihren Anfang nahm, darüber spricht der Meister in seiner Autobiographie: höchstpersönlich will Frank Capra die ersten beiden Spulen verbrannt haben. Und er benennt ein ganzes Kapitel nach dieser Maßnahme.

Die Handlung spielt im 1937 noch wenig bekannten Tibet, auf dem in 5000 Meter Höhe gelegenen Dach der Welt. Genaugenommen: in Shangri-La, einem grandiosen Kloster, das – auf einem Felsen thronend – über das warme, grüne Tal des Blauen Mondes blickt.
Der britische Konsul Robert Conway wird entführt Weiterlesen

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Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (17): „Das Glasauge“

17. „Das Glasauge“ von Michael Krüger nach dessen gleichnamiger Erzählung aus dem Erzählungsband „Der Gott hinter dem Fenster“ – mit Rainer Bock, Günter Lamprecht, Barbara Nüsse, Justus Hebestreit, Christian Klischat, Mara Zoe Heim; Regie: Ulrich Lampen – HR 2018 (49 min.)

„Es war totenstill. Meine Kindheit war zu Ende.

In großer Armut lebt ein Veteran des Russlandfeldzuges mit Frau und Enkel in einer ärmlichen Dachstube seines ehemaligen Hofes, der nun vom Verwalter der sowjetischen Besatzungsbehörden heruntergewirtschaftet wird. Die Familie des Kindes, des Helden der Geschichte, ist in Berlin unter Umständen ums Leben gekommen, deren Details wir nicht erfahren. Der Junge erinnert sich nicht mehr daran und kann nur ahnen, was seine Großeltern so bedrückt. Er erlebt ihren Alltag als Normalität. Dann beendet ein unerwartetes Ereignis diesen Lebensabschnitt.

Obwohl der Erzähler uns als reifer Mensch begegnet, gelingt es dem Text –der abschließenden Erzählung aus einem Geschichtenband -, uns die Entbehrungen der ersten Friedensjahre im ländlichen Osten durch die Augen eines kleinen Jungen sehen zu lassen. Diese unschuldige Perspektive zeugt von etwas, das wir seit einigen Jahren als „Resilienz“ bezeichnen und in einer Weise bei Kindern feststellen, zu der wir Erwachsenen nicht mehr in der Lage sind. Die Unverdrossenheit des Jungen richtet auch die Großeltern notdürftig wieder auf, sogar den besonders tief verbitterten Opa, den Träger der titelgebenden Prothese (Nur zu Beginn wird dieses Glasauge thematisiert).
Das Hörspiel – eine schmucklose szenische Lesung – verlässt sich ganz auf seine glanzvolle Besetzung.

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Sprechen am Mikrofon: Wer ist schuld?

Als ich im Kabarett meine ersten Gehversuche machte, meinte Bob Ziegenbalg zu mir: „Wenn der Abend schiefläuft, sind niemals die Zuschauer schuld!“ Hier sprach sicher auch das Schauspieler-Ethos aus ihm, das er sich ebenfalls erworben hatte. Ich respektierte diese Haltung als den guten Vorsatz, auf der Bühne jedesmal das Beste zu geben und sich nicht auf ein „schlechtes Publikum“ herauszureden. Ich bin aber im Laufe der Zeit zu dem Ergebnis gekommen, dass die Verhältnisse mitunter nicht so sind.
Es gibt Abende, da will einen der Saal einfach nicht verstehen. So wie man selbst manchmal schwerer arbeiten muss als gewöhnlich. Nicht zu reden von einem halbleeren Haus, das die Zusehenden verunsichert oder der Energie, die man umgekehrt von positiven Reaktionen bezieht.

Am Mikrofon, jedenfalls im Off, ist Bobs Aussage absolut richtig. Beim Synchron kann man mogeln bzw. sich von Cutter und Tonmeister helfen lassen. In einer fließenden Erzählung fällt sofort auf, wenn man nicht bei der Sache ist, spätestens im zweiten Satz. Wenn noch weitere folgen, verliert man unweigerlich die Aufmerksamkeit auch des geneigtesten Zuhörers. Ist man dann auf sich gestellt – also in einem akustischen Medium, in dem kein begleitendes Bild eine Stütze bietet -, stimmt es ohne Wenn und Aber: „Wenn es schiefläuft, sind niemals die Hörer schuld!“

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (62)

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Auf jeden Fall zwei Mädels …

betr.:  68. Geburtstag von „Wonderful Town“

Leonard Bernsteins Musical „Wonderful Town“ (1953) von Joseph A. Fields und Jerome Chodorow basiert auf deren Theaterstück „My Sister Eileen“ nach den Kurzgeschichten von Ruth McKenney. Betty Comden und Adolph Green verfassten die Liedtexte.

Bernsteins späterer Erfolg mit der „West Side Story“ hat dazu beigetragen, dass etwa „Candide“ (1956) auch bei uns bekannt wurde (wenn auch nicht wirklich populär). Das leichtfüßige „Wonderful Town“ ist hierzulande nur dem Namen nach bekannt. Marvel Prawy legte eine deutsche Bearbeitung vor – eine Aufnahme dieser Fassung existiert nicht -, in der er einen Kunstgriff anwandte, der sehr an heutige Befindlichkeiten erinnert: er machte aus einer der beiden Heldinnen eine Schwarze. Das verändert die Geschichte grundlegend, weil Ruth und Eileen im Original Schwestern sind.
2017 fertige Roman Hinze eine neue Übersetzung an, die diesen Kunstgriff wieder ausbügelte.
Beim Stand unseres Gesellschaftlichen Diskurses würde man es vermutlich wieder anders machen: man würde Prawys Idee übernehmen und trotzdem einfach so tun, als seien Ruth und Eileen Geschwister. Und man käme sich dabei irre fortschrittlich vor. Zumindest bis auf Weiteres …

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Der Song des Tages: „Summer Of ’42“ („The Summer Knows“)

betr.: 89. Geburtstag von Michel Legrand

Der Komponist Michel Legrand hat ein farbenprächtiges Werk hinterlassen, in dem sich mehrere Hits (sprich: dreiminütige Ohrwürmer von Weltrang) finden. Zwei ragen wiederum da heraus: „The Windmills Of Your Mind“ und „Summer Of ’42“. Zuletzt – und bei Legrands Tod vor zwei Jahren wurde das sehr deutlich – war davon nur noch „Windmills“ geblieben, ein Song, der eine famose Alterskarriere hingelegt hat und der von der Wiederentdeckung seines Filmes „The Thomas Crown Affair“ profitierte (und umgekehrt). „Summer Of ’42“ mit der berühmten Startzeile „The Summer Knows“ ist irgendwie weggerutscht. Viele Jahre lang hatte sich der Titel ganz unabhängig von seinem Film (einem Coming-Of-Age-Drama von 1971, an das sich seit jeher kein Mensch erinnert) in Gestalt unzähliger Interpretationen behauptet.

Biddus „Summer Of ’42“ fetzt auf der Höhe seiner Zeit.

Welchen „Summer Of ’42“ soll man heute zu Legrands Ehrentag auflegen bzw. anklicken? Die schönste vokale Version ist für mich die von Andy Williams, dessen Spezialität es war, Songs noch größer zu machen, die bereits im großen Kino funktioniert hatten. Fast (!) noch lieber mag ich aber eine instrumentale Fassung (auch diese sind zahllos): die von Biddu aus dem Jahre 1977.

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Verehrer von Torte getroffen

betr.: 56. Todestag von Stan Laurel

Meine Liebe zu Laurel und Hardy ist eine für meine Verhältnisse trendige Leidenschaft. Immerhin treffe ich immer wieder Leute, die sie mögen oder hübsche Kindheitserinnerungen mit ihnen verbinden, und auch alle übrigen können zumindest mit ihrem Namen etwas anfangen. Als das jüngste Buch zu diesem Thema herauskam, fühlte ich mich dennoch recht einsam mit meiner Leidenschaft.

Hinter diesem drolligen Cover lauert das Werk eines hauptberuflichen Horror-Autors.

Ich wollte „Stan“ von John Connolly gerne kaufen, weil man ja nicht alle Tage eine solche Neuerscheinung geboten bekommt, befürchtete aber das Schlimmste.
Dass es heute so viele gut zugängliche Informationen über alte Filmstars gibt wie nie zuvor, ist nicht unbedingt ein Vorteil, denn auch die unrichtigen sind zahlreich und gut zugänglich. (Connolly hat sich außerdem im „Stan Laurel Correspondence Archive“ in Kalifornien durch 1.500 Briefe gearbeitet.) Leider nimmt die Zahl jener Exegeten stetig ab, die die Ära, um die es hier geht (die 25 Jahre rund um die Einführung des Tonfilms) wirklich verstehen wollen und einordnen können.

Um mich nicht über einen vermeidbaren Fehlkauf ärgern zu müssen (denn bei Stan und Ollie bin ich sehr empfindlich!), versuchte ich, etwas über die Qualität des Buches herauszufinden.  Es war aussichtslos. Der Artikel wurde routinemäßig gelobt. Die RezensentInnen freuten sich artig über das hübsche Sujet („Die beiden sind Kult!“ …), nahmen es aber nicht übermäßig ernst. Meinen Buchhändler konnte ich nicht fragen, der hatte es nicht gelesen.
So brachte ich einige Wochen mit nagenden Zweifeln und organisch gewachsenen Vorurteilen zu, ehe ich schließlich zugriff.

Da John Connolly trotz aller Googelei inhaltlich nichts Neues zu erzählen hat, nimmt er sich Stans Laurels zahlreiche unglückliche Ehen zum Anlass zotige Histörchen zu schildern, die man sich auch selbst denken kann – nur wozu?
Da John Connolly über keinen Stil verfügt, tut er sich und uns die quälende Marotte an, Stan nicht beim Namen zu nennen, sondern ihn immer nur „Er“ und Hardy „Babe“ zu nennen. (Das sei ja tatsächlich Hardys Spitzname gewesen, freuten sich viele Rezensenten.)
Da John Connolly nicht in der Lage ist, erhellende Informationen von unwichtigen zu unterscheiden, häuft er sie übereinander, als würde er nach ihrem Gewicht bezahlt. (Die lästige Fußnotenschreiberei entfällt, da er sich ja für die „Romanform“ entschieden hat.)
Da es heute nicht mehr als zumutbar gilt, Kunstfiguren ihre Würde zu lassen, muss alles dekonstruiert werden, worüber sich frühere Generationen amüsiert haben. James Bond muss zurück in die Ruine seines Internats, um seine unglückliche Kindheit aufzuarbeiten, Comic-Cowboys und Disney-Hexen dürfen nicht mehr rauchen, Laurel und Hardy (die Darsteller, nicht die Figuren) waren vor allem tragisch und verkorkst, und Laurels Landsmann und Kollege Charlie Chaplin war tatsächlich ein übler Strolch, der zuviel rumgemacht hat.

Schon nach wenigen Seiten fühlte ich mich, als wäre ich in eines der Schlammlöcher getreten, die sich bei Stan und Ollie so gern in der Innenstadt plötzlich auftun: nicht körperlich verletzt, aber gedemütigt.

Monate später hat mich ein guter Bekannter angerufen und gefragt, ob er mir seine Taschenbuchausgabe von „Stan“ überlassen soll. Das Buch sei aber Scheiße, warnte er mich …
Timing ist sehr wichtig, besonders in der Comedy!

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Bengel von Beruf

betr.: 27. Jahrestag der dänischen Premiere von „Papillon“

Ein Kinderstar zu sein, ist ein zweischneidiges Glück. Viele moderne Überlieferungen ranken sich um das zumeist Schlimme, das allzu frühem Ruhm gefolgt ist. Ganz selten – wie etwa im Falle von Liz Taylor – mag das Publikum den kleinen Liebling auch noch im Erwachsenenalter. Und nur hin und wieder nimmt die Öffentlichkeit Anteil an einem erfüllten Leben danach – wie bei Shirley Temple. Weitaus häufiger verkrachen solche Existenzen, und manchmal betrifft das sogar ihr Elternhaus.

Billy Mumy ist einer der wenigen, die über Jahrzehnte Entertainer geblieben sind. Seit seinem 5. Lebensjahr spielte er ein zahllosen TV-Produktionen, darunter in der klassischen „Twilight Zone“ und in einer der berühmtesten Folgen von „Alfred Hitchcock Presents“: er ist der Junge mit der vermeintlichen Spielzeugpistole in „Bang! You’re Dead“. Besondere Grazie entfaltet er in einer späteren Episode an der Seite des großen Claude Rains.
Charles William Mumy Jr. war ein guter Schauspieler und rein optisch ein Lausebengel wie aus dem Bilderbuch. Er sah aus wie Alfred E. Neumann aus den „MAD“-Heften – und das auch dann  noch, als ihm die Zahnlücke zugewachsen war. Später hatte er feste Rollen in Science-Fiction-Serien und arbeitete als Synchronsprecher im Trickfilm. Mit Bill Murray hat er in einer Band gespielt – das müsste lustig gewesen sein.

Zu Mumys Karriere passt auch sein Abgang von der Leinwand. Es ist nicht wirklich sein letzter Auftritt, doch die Szene lässt sich als Epilog seiner Kindheit vor der Kamera lesen – zumal es wirklich ein grandioser Film ist, in dem sie sich vollzieht.
Als zu Beginn von „Papillon“ die Sträflinge mit einer amtlichen Schmäh-Rede zur Teufelsinsel verabschiedet werden, lässt sich ein junger Mann lieber noch vor der Abreise auf der Flucht erschießen. Es ist Billy Mumy.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Ein A für ein U

betr.: richtige Aussprache ausländischer Helden-Namen

Der Literaturjournalist Denis Scheck wurde einmal gefragt, ob es „Donald Dack“ heißen muss, oder ob man es auch „Donald Duck“ aussprechen könnte. Er antwortete, das hinge vom Kontext ab. Geht es um die Prominenz der berühmten Ente oder den Weltkonzern Disney, muss es natürlich „Donnlt Dack“ heißen. Im Zusammenhang mit Erika Fuchs und unserer Heftchen-Kindheit sei es vollkommen richtig, „Donald Duck“ zu sagen. Ich erinnere mich, dass es in den alten Comics sogar Gags gab, in denen sich der Name der Entenfamilie auch auf „ruck-zuck“ gereimt hat – ganz dem kindlichen Textverarbeitungssinn entsprechend.

„Für alle, die laut mitlesen …“*

Ähnlich verhielt es sich auch mit dem damals weniger populären „unglaublichen Hulk“. Ich las ihn immer mit „U“, obwohl mir längst klar war, dass man mit amerikanischen Namen anders umgehen muss. Es hatte – vor meiner Zeit – sogar Veröffentlichungen gegeben, wo er als „Halk“ bezeichnet worden war, aber das bestärkte mich eher in meiner Lesart. Auch hier gab es übrigens im redaktionellen Begleittext hin und wieder Scherze mit irreführenden Reimen („Es ist fürwahr kein Ulk“ …).
Mittlerweile ist der Hulk ein Filmstar, und sein Name wird häufiger gehört als gelesen. „Halk“ klingt wirklich nach dem gefährlichen Wüterich, der sich aufbäumt (was sein Name ursprünglich bedeutet), um Schwung für eine vernichtende Klopperei zu holen. Was hingegen verloren geht, ist die Traurigkeit dieses kommunikationsunfähigen Kerls, der ja zuallererst ein unverstandenes Riesenbaby ist. Das wird durch das kindlich-unrichtige „Hulk“ sehr gut ausgedrückt. Außerdem ist es mit U für mein deutsches Ohr einfach witziger, und Witz war bei den Marvel-Comics immer sehr wichtig.**
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* Anfang eines hilfreichen Begleittextes des Marvel-Übersetzers bei einem amerikanischen „Soundword“.
** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2018/05/09/ein-schrecken-ohne-ende/

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