Die Marvels wie sie wirklich waren: Spider-Man (4)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Die erstaunliche Spinne (Spider-Man) (Fortsetzung vom 2.4.2019)
von Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

Sensational Spider-Man 192

Ja wo denn nun? – Gwen Stacy und der Brücken-Fall

Manchmal scheint die Arbeitsteilung nach der „Marvel-Methode“ Schwierigkeiten zu bereiten. Der Autor bespricht mit dem Zeichner den Plot – quasi eine kurze Zusammenfassung der Geschichte – lässt ihm freie Hand bei der Ausarbeitung und setzt anschließend die Sprechblasen und den Text ein. Danach geht das Ganze zum Letterer und Inker. Stan Lee erfand diese Methode, um der Arbeitsüberlastung zu entgehen, da für komplett ausgearbeitete Skripts meist einfach keine Zeit blieb. Letzten Endes kam das den Comics zugute. Die Zeichner konnten sich bei der Gestaltung und den Seitenlayouts frei entfalten, und „Stan The Man“ konnte sich textlich in den Sprechblasen austoben. Das fertige Produkt trug seinen Stempel, gewürzt mit einer ordentlichen Prise seines persönlichen Humors. Solch ein Zusammenspiel gab es vorher nicht. Die Verlagskonkurrenz von DC arbeitete zum damaligen Zeitpunkt ausschließlich mit exakt ausgearbeiteten Skripten. Damit gaben die Autoren das Layout vor, was im Endeffekt oftmals sehr steril aussah. Irgendwann musste auch DC einsehen, dass Stan Lees Marvel-Methode das bessere Ergebnis lieferte. Seither wird im Superhelden-Bereich generell so gearbeitet. Von daher war Jack Kirbys Vorwurf, Stan Lee hätte nie auch nur eine einzige Zeile verfasst nicht ganz unbegründet (John Romita merkte einmal an, dass Kirby niemals auch nur eines seiner eigenen Hefte im Nachhinein gelesen hätte. Er erledigte seinen Job, bekam sein Honorar und kümmerte sich um den nächsten Auftrag). Weiterlesen

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Die schönsten Filme, die ich kenne (91): „Mid90s“

Los Angeles in den 90er Jahren: Der 13-jährige Stevie (Sunny Suljic) wächst in ärmlichen Verhältnissen bei seiner alleinerziehenden Mutter Dabney (Katherine Waterston) auf, mit der er die altersüblichen Meinungsverschiedenheiten hat. Schwerer wiegt, dass er von seinem Bruder – einem 18jährigen perspektivlosen Kraftprotz – regelmäßig aus nichtigem Anlass verprügelt wird. Dennoch bewundert er ihn, seine (vermeintliche) Coolness und seinen Musikgeschmack, denn andere männliche Bezugspersonen sind nicht in Sichtweite. Doch das ändert sich. Der etwas ältere Ruben ist der Kleinste in seiner Clique und freut sich, in Stevie jemanden gefunden zu haben, auf den er ein wenig herabsehen kann. Auf diese Weise kommt Stevie mit einer Gang zusammen, die sich im lokalen Skateshop trifft, und bei der er sich erstmals akzeptiert fühlt. Die Jungs ziehen den Kurzen gehörig auf, nehmen ihn aber auch mit zum Skaten, wo er sich mächtig ins Zeug legt und seine sportlichen Möglichkeiten rasch entwickelt. Etwas schwieriger ist es mit dem anderen Jungs-Zeug, das nun in seinem Leben Einzug hält: verbotene Partys, Mädchen-Bekanntschaften, Alkohol und Ärger mit der Polizei. Als Mutter Dabney dahinterkommt, ist sie außer sich. Doch obwohl ihr der neue Umgang ihres Jüngsten nicht geheuer ist, ahnt sie, dass es Stevie mit dieser Freundschaft ernst meint. Dann baut die Clique einen schweren Autounfall, bei dem Stevie das meiste abkriegt …

„Mid90s“ ist ein Debütfilm, der als Drama wie auch als Komödie annonciert wird (beides ist richtig). Und er ist so makellos, dass ich nur hoffen kann, sein Regisseur Jonah Hill möge es mit seiner Weiterentwicklung langsamer angehen lassen als der kleine Stevie.  Weiterlesen

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Die Outtakes von Ralf König (149): Wiedergefundenes aus der Steinzeit

Afrika vor Millionen Jahren. Saftiger Urwald weicht der trockenen Savanne, und die Affen beschließen: „Runter vom Baum!“ Aber auf dem Boden der Tatsachen wächst mit dem aufrechten Gang das Gehirn, und Flop, der Australopithecus, denkt den ersten bewussten Gedanken der Menschheit: „Ach du Scheiße…“

Am 21. Mai erscheint Ralf Königs neuer Comic „Stehaufmännchen“. Der Künstler hat sich schon häufiger mit unseren urzeitlichen Vorfahren beschäftigt – z. B. vor gut 25 Jahren auf diesem Fundstück.

Steinzeit-1 Weiterlesen

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Ein Lied über eine Type

betr.: 23. Todestag von Ernst Meibeck

Ernst mit ...Ernst Meibeck mit Kirsty Butts aus Edinburgh, Leadsängerin und Arrangeurin sowohl bei „Honeymoon Sicks“ als auch bei „Musik liegt in der Luft e.V.“*, in den 80er Jahren. (Foto: Renate Meyer-Kubik)

Der Hamburger Sänger, Entertainer und Bürgerrechtler Ernst Meibeck gehört aufgrund seiner Lebensdaten und dem Verfehlen medialen Ruhmes zu den Künstlern, die in den McLuhan-Graben rutschen, in jene noch immer wachsende Kluft, die sich am Übergang vom analogen ins digitale Medienzeitalter auftut. Will meinen: er ist im Internet praktisch nicht auffindbar.
Der Titel seines Chansonprogramms „Heute Nacht im Dschungel“ (1989) ist auch der eines Gedichtbandes von Detlev Meyer, dessen Texte hier von Erwin Spinger vertont wurden. Dies ist der letzte mir vorliegende Song aus dieser Suite.

„Fortschritt“ von und mit Ernst Meibeck (Text: Detlev Meyer, Musik: Erwin Spinger)

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2018/10/10/ernst-meibeck-und-seine-projekte/

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Nostalgie am zweiten versemmelten Brexit Day

betr.: Verschiebung des geplanten Ausstiegs Großbritanniens aus der EU auf Halloween

Es war doch eine schöne Zeit, als sich Europa noch eindeutig näher kam. Bonn war noch Regierungssitz, und wenn ein Ministerium den jugendlichen Zielgruppen etwas zu erzählen hatte, was nicht auf einen Flyer passte, verteilte es Compact-Cassetten wie diese, die z.B. von Désirée Nosbusch moderiert wurden, damals allen noch gut erinnerlich als polyglottes Wunderkind von Radio Luxemburg.

Europa '92

An Tagen wie heute ist der Inhalt dieser Antiquität zum nahenden europäischen Binnenmarkt schon wieder was ganz Neues:

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Mensch und Motörchen

betr.: 87. Jahrestag der Premiere von Bertolt Brechts Theaterstück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“

Das Smartphone ist der edelste Teil von einem Menschen. Es kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandekommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Smartphone niemals. Es besteht aus seltenen Edelmetallen und sitzt voll der raffiniertesten Technologie vom letzten Schrei der Forschung. Dafür wird es auch geschätzt und teuer bezahlt, wenn es frisch auf den Markt kommt. Weil es Sachen kann, die sein Vorgängermodell nicht konnte, während ein Mensch so gut oder so fähig sein kann wie er will – das bedeutet noch lange nicht, dass er geschätzt und gut bezahlt wird. Weiterlesen

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Die Marvels wie sie wirklich waren: Spider-Man (3)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Die erstaunliche Spinne (Spider-Man) (Fortsetzung vom 2.4.2019)
von Daniel Wamsler
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Der Fall Gwen Stacy – Kein Opfer ist je vergessen

LeserbriefseiteLeserbriefseite aus „Amazing Spider-Man“ # 125 mit der Erklärung für Gwen Stacys Tod.

„Wer ist wirklich schuld am Tod von Gwen Stacy?“ ist eine Frage, die Comicfans seit Jahrzehnten beschäftigt. Ein Versuch der Aufklärung des Falls durch Interviews mit den Verantwortlichen Stan Lee, Roy Thomas, Gerry Conway, John Romita und Gil Kane im Jahr 1999 (Comic Buyer’s Guide # 1277), führte zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. 2005 griff Physikprofessor James Kakalios die Schuldfrage erneut auf. Er suchte die Antwort jedoch nicht bei den Comic-Schaffenden, sondern in den bestehenden Naturgesetzen. Damit muss die Frage lauten: „Hätte Peter Parker alias Spider-Man seine geliebte Freundin überhaupt retten können?“
Zumindest die Aussage des Grünen Kobolds, dass jeder beim Fall aus einer solchen Höhe bereits vor dem Aufprall gestorben wäre, scheint an den Haaren herbeigezogen. Gwen Stacy war bewusstlos, also kann sie kaum vor Angst gestorben sein. Und Fallschirmspringer, Skydiver, Base- und Bungeejumper beweisen immer wieder, dass man von weit höher frei fallen kann, ohne gleich zu sterben. Hatte Norman Osborn, Chef eines Forschungsimperiums wie Oscorp, keine Ahnung von Physik? Wohl kaum. Eher scheint es, als wollte er Spideys Hass auf ihn schüren, indem er dessen Hilflosigkeit gegenüber der gestellten Aufgabe (Gwens Rettung) überspitzt.

In seinem Buch „Physik der Superhelden“ (US-Ausgabe 2005, dt. bei Rogner und Bernhard, 2006) formuliert James Kakalios die entscheidende Frage deshalb folgendermaßen: Weiterlesen

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Dem Fürsten der Füchse

betr.: 101. Geburtstag von Rolf Kauka

Peter Wiechmann – wichtige redaktionelle Kraft und Serien-Erfinder im verwehten Comic-Imperium von Rolk Kauka – hat in editorischer und handwerklicher Eigeninitiative eine zweibändige Prachtausgabe mit Comics des Magazins „Primo“ (1971-74) angefertigt und herausgebracht: „Primo Premium“*. In diesem Sammlerstück – ich habe es vor wenigen Tagen freudig ausgepackt – voller klassischer Serien und kundiger Artikel darf eine Hommage an Rolf Kauka nicht fehlen. Sie erzählt nebenbei so viel über die deutsche Comic-Geschichte, die deutsche Rezeption großer frankobelgischer Serien und die Mechanismen unserer heimatlichen Popkultur, dass ich Herrn Wiechmann bat, sie hier wiedergeben zu dürfen. Ich danke herzlich für die sogleich erteilte Genehmigung.

Honi soit qui mal y pense!
(Ganz frei übersetzt: „Ein Schelm, der Böses unterstellt!“)

Kauka 101

Ein adliger Aufschneider, ein närrischer Possenreißer, zwei ausgefuchste Reinekes, ein (canis lupus) Isegrimm, ein hochweiser Galgenvogel, Familie Maulschmeißer und Meister Petz … oder kürzer: Ein blaublütiger Schelm, ein Narr, zwei Füchse, ein Wolf, Rabe, Maulwurf, Bär … mit dieser Minimalbesetzung einer volksfestlichen Possenbuden-Bühne Millionen in Bann und millionenfach monetären Vorteil daraus zu schlagen, davon ist selbst Intendant Rudolf Kauka anfänglich wenig überzeugt. Millionär will er werden, das schon – aber so wie dieser Disney da überm Teich. Jener Walt ist trickfilmisch am deutschen Märchenwesen genesen, da beißt seine Maus keinen Faden ab. Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen … nicht wahr? Und ehe dieser Amerikaner weiterhin heimische Überlieferungen aus Grimms Feder plündernd in Beschlag nimmt, soll ihm kreativer Widerstand erwachsen … Weiterlesen

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Sprechen am Mikrofon – Woran man einen (un)seriösen Anbieter erkennt

Zunächst einmal gilt die alte römische Spruchweisheit von der Welt, die gern betrogen sein will. In unserem Falle bedeutet das: zumindest die Mehrheit der am Sprecherberuf und somit an einem Mikrofonsprechkurs Interessierten will weniger in den Genuss einer tatsächlichen Schulung kommen, die auf eine berufliche (Neu-)Orientierung ausgerichtet ist. Die meisten möchten einfach ein lustiges Wochenende haben, mal für etwas Ungewohntes gelobt werden oder folgenlos in der Annahme bestärkt werden, Synchronsprecher täten im Grunde auch nichts anderes, wir alle, die wir ja auch jeden Tag reden (so als sei „Sprechen“ und „Reden“ dasselbe). Insofern haben auch nicht-seriöse Veranstalter solcher Kurse ihren Platz im Leben.
Wer es mit der Belegung einer solchen Weiterbildung ernst meint, der kann an fünf besonders deutlichen Merkmalen erkennen, ob er den richtigen Anbieter gewählt hat.

1. Die Aufforderung „Bringt gern eure Texte selber mit“
Das ist zunächst einmal irreführend, weil professionelle Sprecher niemals ihr Material selber aussuchen bzw. mitbringen. Weiterhin ist nicht jeder Text gleich gut geeignet, an das Thema herangeführt zu werden. (Selbst mitgebrachte Texte sind sowieso ungeeignet, weil man sie in der Regel schon kennt, und das ist bei Sprecherjobs vielfach nicht gegeben.) Und schließlich ist diese Aufforderung ein Indiz für faules Arbeiten. Wer also sagt: „Schreibt selber was!“ oder eine zufällig herumliegende Illustrierte aufs Pult packt, hatte zur Vorbereitung des Kurses offensichtlich keine Lust.
Hinreißend auch dieser (häufig beobachtete) Fall: In einem „Hörspielkurs“ wird eine Szene aus „TKKG“ eingesprochen. Die entstandene Aufnahme wird den Teilnehmern „aus rechtlichen Gründen“ vorenthalten. Warum er es unterlassen hat, ein eigenes Skript herzustellen – z.B. die Bearbeitung einer Sequenz aus einer gemeinfreien Vorlage – wird der Veranstalter in der Regel praktischerweise nicht gefragt.

2. Die Aufforderung „Mach’s nochmal!“
Wenn ein Take nicht zu gebrauchen ist, gibt es dafür immer einen konkreten und benennbaren Grund. Daraus ergibt sich,

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Die Outtakes von Ralf König (148): Studie „Schwere Jungs“

Schwere JungsDiese Bleistiftskizze mit zwielichtigen Figuren ist zeitlich schwer einzuordnen und thematisch (und von der Form der Nasen her) etwas ganz Besonderes. Mit dem Krimi-Genre hat sich Ralf seit „Kondom des Grauens“ nicht mehr beschäftigt. Welches packende Abenteuer aus der Welt der Geheimdienste mag uns da entgangen sein?

Fortsetzung folgtCopyright by Ralf König

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