Glanz und Untergang eines Schauplatzes

betr.: der Einzelhandel in der Corona-Krise / Konsumtempel als Filmthema

Die Corona-Krise beschleunigt den bereits voranschreitenden Niedergang der Konsumtempel – der Kaufhäuser und Shopping Malls -, und möglicherweise besiegelt sie ihn sogar. Ein knappes Jahrhundert säumten solche Einkaufsparadiese unsere Innenstädte. Seit einigen Jahren wirkt dieses Rundumversorgungs-Modell überholt, und man shoppt lieber am PC. Die Häuser schließen, und verödete Einkaufszentren sind zusammen mit verrotteten Fabrikhallen Gegenstand mehrerer Bildbände vom „Scheitern des amerikanischen Traums“.

In seiner langen Erfolgsgeschichte war das Warenhaus immer wieder der Schauplatz von Filmkomödien. Schon der frühe (noch sehr anarchische) Charlie Chaplin legte eine Flucht auf der Rolltreppe hin (die in rasendem Tempo aufwärts fuhr, während die Schauspieler abwärts zu rennen versuchten). In seiner reiferen Phase kehrte er noch einmal dorthin zurück: in „Moderne Zeiten“ amüsierte er sich in einem menschenleeren Kaufhaus und spielte mit Rollschuhen und dem Kindheitstraum, nachts an einem Ort herumzulungern, der eigentlich versperrt ist. Weiterlesen

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (68)

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Die wiedergefundene Textstelle: „Der Kongress“

betr.: 55. Geburtstag von Robin Wright

In der futuristischen Filmsatire „Der Kongress“ wird der Schauspielerin Robin Wright angeboten, sich ganzkörperscannen zu lassen, damit man künftig ohne die Mitwirkung ihrer selbst – einer natürlich alternden Person – Robin-Wright-Filme drehen könne. Der Haken: sie selbst darf sich von nun an nicht mehr blicken lassen.
Diese Offerte ist ein wenig skurril, denn inzwischen ist die Schauspielerin so intensiv geliftet, dass es genügen würde, einen Gipsabdruck von ihr zu machen. Doch der Plot ist fesselnd, und manche(r) über 30 schluckt erst einmal. Wer weiter zusieht, landet nach einem Zeitsprung in einen Zeichentrickfilm, der der Erzählung „Der futurologische Kongress“ von Stanislaw Lem nachempfunden ist.

Dies ist der Monolog mit dem der dämonische Studioboss die Schauspielerin einzuwickeln versucht – was ihm schließlich gelingt. Er stammt aus einem Drehbuch von Ari Folman.

Ja, das weiß ich noch. Ich weiß noch, wie das war, als du das erste Mal ins Studio kamst. Ich war ein junger Zahlenfuzzi am Ende des Ganges. Alle haben gesagt: „Ah, da komm Sie! Sie ist wunderschön! Sie ist sexy! Sie hat was auf ’m Kasten, Power, ist vornehm, bescheiden und wild, fantasievoll … Hä hä hä!“ Ja, und sie ist eine von uns, verdammt, sie ist aus Texas! Sie ist nicht – sagen wir – so ’ne Schauspielerin irgendwo aus Australien, die auf ’ner abgelegenen Farm aufgewachsen ist und tagelang laufen musste, um zum nächsten Kino zu kommen, wo der Projektor mit Bunkerdiesel* angetrieben wird. Weiterlesen

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Die schönsten Filme, die ich kenne (105): „Der Ladenhüter“

Die Qualitätsunterschiede im Werk von Jerry Lewis sind ähnlich gewaltig wie bei Roman Polanski. Doch während man bei Polanski nie auf den Gedanken käme, die Filme zu verwechseln oder über einen Kamm zu scheren, droht das bei Lewis allezeit. Es lohnt also, eine Kostbarkeit aus dem Strudel herauszufischen.

Phoebe Tuttle (Agnes Moorehead, „Citizen Kane“), die selbstherrliche Chefin eines Kaufhaus-Konzerns, will die Heiratspläne ihrer einzigen Tochter Barbara (Jill St. John) sabotieren. In ihren Augen hat sich das Mädchen in einen Trottel (Jerry Lewis) verliebt. Sie stellt Norman, einen unglücklichen Pudel-Ausführer, in einem ihrer Warenhäuser an, in dem auch Barbara als Liftgirl arbeitet. Dann gibt sie ihrem Personalchef Quimby (Ray Walston, der unangenehme Mr. Dobisch aus „Das Apartment“) den Auftrag, ihm unlösbare und schmachvolle Aufgaben zu übertragen. Damit soll er sich vor Barbara nach Strich und Faden blamieren. Doch die jungen Leute meinen es ernst, und halten zueinander, allen angerichteten Verwüstungen zum Trotz.
Norman freundet sich mit Mr. Tuttle (John McGiver) an, der das junge Paar unterstützt und bei dieser Gelegenheit erkennt, wie sehr ihm der Despotismus seiner Frau zuwider ist. Einen Haken hat das junge Glück: Barbara hat Norman verschwiegen, dass sie eine Millionenerbin ist. Norman wäre viel zu stolz, um ein reiches Mädchen zu heiraten …

Sieht man einmal vom einschlägigen Filmschaffen gewisser Stummfilm-Stars ab, zählt „Who’s Minding The Store“ zu den absoluten Glanzleistungen im Reich der Klamotte, jenes ungeheuer schwierigen und weithin unterschätzten Sub-Genres der Filmkomödie. Weiterlesen

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Guy Peellaert vorher – nachher

betr.: 87. Geburtstag von Guy Peellaert

Eine Farbdramaturgie wie im Siebdruck und auch sonst museumsreif: der frühe Peellaert. Zwölf Jahre liegen zwischen der dieser und der untersten Abbildung. (Carl Schünemann Verlag 1967)

Die meisten Zeichner verändern ihren Stil über die Jahre. Einige sind in der Früh am besten (der Disney-Zeichner Luciano Bottaro etwa oder der Marvel-Künstler John Buscema), andere werden besser und besser (Jack Kirby – jedenfalls solange er sich von Marvel-Leuten tuschen ließ). Und dann gibt es jene, die ihren Strich im Laufe der Jahre bis zur Unkenntlichkeit verändern und es dem persönlichen Geschmack überlassen, welche Phase man lieber mag. Hier wäre (wieder bei Disney Europa) Massimo de Vita zu nennen. Oder Guy Peellaert.
Der erregte 1966 Aufsehen mit einem Comic, der die Stilmerkmale, die die Pop Art dem Comic entwendet hatte, dorthin zurückbrachte: „Jodelle“ („Les Aventures de Jodelle“). Die Heldin ermittelt im Rom des Jahres 007 (!), in einer poppigen Antike, in der es Nachtclubs und die Beatles gibt und in der die Autos von Pferden gezogen werden. Weiterlesen

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Horror corona vacui

betr.: verrutschte Größenverhältnisse im Fernsehen der Corona-Krise

Kürzlich fiel mir wieder auf, wie hilflos das Fernsehen mit der Corona-Situation umgeht. Formate, die seit eh und je auf das Stattfinden vor großem Publikum ausgerichtet sind, finden noch immer in den selben bzw. gleichen Dekorationen statt. Zwar haben sich bei einigen Kabarett/Comedy-Shows die Stuhlreihen gelichtet und der Abstand zur Rampe vergrößert, aber das war’s im Wesentlichen. Noch immer spielt etwa DSDS in einer pompösen Shiny-Floor-Arena von römischen Ausmaßen. Hin und wieder erweist sich das fehlende Publikum als angenehm*, aber nur Joko und Klaas gehen wirklich kreativ mit der Lage um. In allen übrigen Live-Shows tut man einfach so, als würde hoffentlich niemand merken, dass da heute keiner sitzt. Da werden auch Komödianten schonmal besinnlich. Christian Ehring wirkt in seiner Kulisse seit Monaten wie bestellt und nicht abgeholt, Oliver Welke findet im „Spiegel“ angemessen pathetische Worte, um die soldatische Tapferkeit zu beschreiben, die von einem Comedy-Chairman gefordert ist, wenn die Leute zu Hause selber lachen müssen – einzeln, Lichtjahre entfernt und unhörbar für einander.
Nach einem Jahr Corona wirkt solch selbstzufriedene Lahmarschigkeit ein bisschen wie Regierungsfernsehen.

Den Abstand zur Kamera wieder zu verkleinern und auf Kammerspiel zurückzusetzen, klingt schräg in den Zeiten extrabreiter Bildschirme, aber im Kino geht sowas ja schließlich auch (wenn auch nur live on tape).
Zur Inspiration, wie eine solche Neuordnung der Bildregie aussehen könnte, lohnt ein Blick ins Archiv.
Ich erinnere mich an einen Besuch von Gilbert Bécaud bei „Was bin ich?“– ein dynamischer Weltstar, dessen ausladendes Temperament ihm den Titel „Monsieur 100.000 Volt“ eingetragen hatte, in einem winzigkleinen, faden Studio. Als der Sänger erraten worden war, bat ihn Robert Lembke noch um ein Chanson. Bécaud machte das Beste aus den beengten Verhältnissen. Er ließ sie vergessen.
Das Licht ging aus, und der Künstler schritt nun zwischen zwei gegenüberliegenden Kameras hin und her – nur wenige Schritte jeweils – die ihn aus leicht erhöhter Position von zwei Seiten einfingen. In diese hinein schleuderte er sein immens fetziges „La solitude, ca n’existe pas“. Es war ganz großes Kino.
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* Der St. George Herald berichtete unter https://blog.montyarnold.de/2020/06/18/16127/

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (67)

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Keimzelle ist auch Zelle – Familienglück als Ideal und Schreckgespenst (2)

Fortsetzung vom 2. April

Die Familie sei nicht komisch

Im letzten Jahrhundert war die Welt zumindest in der Kunst noch in Ordnung.
Entertainment-Formate, in denen Blut wirklich dicker als Wasser war und das Ideal der loyalen Mischpoke allzu rührselig geschildert wurde – wie die Produkte aus dem Hause Disney oder TV-Serien à la „Unsere kleine Farm“ oder „Die Waltons“ – wurden beiläufig verspottet. Doch der Erfolg gab ihnen recht. Sie trugen den Hohn mit Fassung, den die Gegenstücke des Mainstream über sie ausschütteten. Beider Botschaften ergänzten sich, wie es ja auch in der Realität glückliche und weniger glückliche Hausgemeinschaften gibt.
Zum letzten Mal wurden Verhöhnungen des Klischees in den 90er Jahren zu großen Erfolgen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: die Serien „Eine schrecklich nette Familie“ („Married… With Children“) – die abwechselnd ihren traurigen Helden und dessen Angehörige in kleinen Scharmützeln obsiegen ließ – und „The Simpsons“ – die von den Medien als „chaotisch“ und „dysfunktional“ beschrieben wurden, obwohl sie letztlich ein sehr gutes Team waren.

Um die Jahrtausendwende begann die Situation zu kippen. Während das positive Bild im Sozialkundeunterricht (wie ich annehme) beim Alten blieb, bekam die mediale Darstellung eine Schlagseite. Familienkritik wurde zunehmend als unanständig empfunden. Weiterlesen

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Keimzelle ist auch Zelle – Familienglück als Ideal und Schreckgespenst (1)

Die zweite Ehe des Vaters ist durch ständige heftige Streitereien gekennzeichnet. Zuweilen geht es bei den Zeligs so laut zu, dass die Kegelbahn über der sie wohnen, sich über ihren Lärm beschwert. Als Junge wird Leonard häufig von Antisemiten schikaniert. Seine Eltern, die sich nie für ihn einsetzen und ihm für alles die Schuld geben, stellen sich auf die Seite der Antisemiten. Oft schließen sie ihn zur Strafe in einen dunklen Wandschrank ein. Wenn sie besonders wütend sind, gehen sie mit ihm hinein.

Woody Allen in „Zelig“, 1982

Denn so von Herzen hundsgemein
kann auf der ganzen Welt kein Fremder sein.


Kurt Tucholsky: „Fang nie was mit Verwandtschaft an“, 1921

Im Sozialkundeunterricht hat man uns vor vielen Jahren beigebracht, dass die Familie die Keimzelle unserer Gesellschaft sei, ihr Kern, ihre wichtigste Stütze – und was der Superlative mehr sind. Etwa um die selbe Zeit begriff ich endgültig, Weiterlesen

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Bogart, nein danke!

betr.: 58. Geburtstag des ZDF

Je nachdem, auf welchem Fuß sie mich erwischen, bedeuten die Buchstaben ZDF für mich „gewaltige Schatzkammer großer Medienereignisse“ (wenn ich ans Archiv und längst abgesetzte Formate denke) oder „tragische Mutation eines öffentlich-rechtlichen Senders, der alle Nachteile des Privatfernsehens nachgemacht oder gar übertroffen hat, ohne dessen Vorzüge ebenfalls zu kopieren“ (wenn ich es tatsächlich einschalte). War das ZDF nicht nur jener Kanal, der immer so gut verstand, mich im Vorabendprogramm frühkindlich an wegweisende Cartoons und Klamotten heranzuführen? Habe ich mich nicht „im Zweiten Programm“ erstmals über ein ins Szenenbild eingeblendetes Senderlogo geärgert (das müsste im Herbst 1983 gewesen sein)? Und (fünf Jahre später) über das erste Dauerlogo, dass gar nicht mehr ausgeschaltet wurde? Meckerte dort nicht der olle Reich-Ranicki? Stimmt alles. Fast noch wichtiger: es war das ZDF, in dem ich meine ersten Begegnungen mit Alfred Hitchcock und Billy Wilder erleben durfte, meine ersten Musicals (serienmäßig).
Es war in einem anderen Leben.
Weitaus seltener als in der ARD mit ihren zahlreichen Sendestationen gibt es im ZDF heute etwas zu sehen, was in früheren Zeiten ganz wesentlich zur Attraktivität und Beliebtheit des Fernsehens an sich beigetragen hat: Hollywood-Klassiker.

Diese Grafiken aus der „TV Spielfilm“ (März 2017) zeigen die Anzahl von Filmen mit Produktionsjahr 1960 oder früher, die pro Kalenderjahr in ARD, ZDF und den Dritten liefen.  

Wie gesagt: in der ARD sieht es nur unwesentlich besser aus. 1984 rühmte man sich dort, in den USA für 80 Millionen Dollar ein Filmpaket mit sage und schreibe 1350 Hollywood-Produktionen erworben zu haben, darunter viele Klassiker.
Nach der Jahrtausendwende liefen diese Senderechte nach und nach aus, und die alten Meister verschwanden aus dem Free-TV.  Spricht man Redakteure, Filmeinkäufer oder Sender-Presseleute darauf an, wissen diese immer ganz genau, dass das Publikum so was eh nicht mehr sehen wolle – was teils schlichtweg eine freche Behauptung, inzwischen aber auch die Folge dieser Entscheidung ist, nicht deren Ursache. Bei der Kulturverachtung, die aus ihren Argumenten spricht, glaubt man, einen Politiker reden zu hören: „Auch Klassiker werden nicht jünger. Ein Film von vor 1960 ist eben heute mindestens 60 Jahre alt.“ Wer so redet, ignoriert (aus Ignoranz oder aus Berechnung) den Umstand, dass der Blick in eine andere Zeit gerade zu den besonderen Vorzügen solcher Werke gehört. Der Tipp, sie einfach zu streamen oder sich auf DVD zuzulegen, hat den Haken, dass man ein Angebot erst einmal kennen muss, um es nutzen zu wollen. Und es treibt – wieder einmal – die potenziell Interessierten weg von der Glotze und hin zu jenen Medien, die ihr den Rang ablaufen.

Immerhin der deutsch-französische Kulturkanal arte zeigt noch regelmäßig historische Filmkunst. Das hängt mit den Gebührengeldern aus Frankreich zusammen, wo der Film traditionell einen höheren Stellenwert genießt.

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