Doris Day Revisited

betr.: 98. Geburtstag von Doris Day

Hier kommt wieder ein Gastbeitrag mit bestem Dank an den Verfasser Jens Wawrczeck, der seinem Publikum als literarischer Hitchcock-Historiker und einem noch breiteren als Hörspieldetektiv bekannt ist.
Aus Anlass des Todes von Doris Day im vorigen Jahr stellte er für das und mithilfe des Hamburger Programmkinos „Metropolis“ eine Retrospektive zusammen, die er auch präsentierte und die immerhin die Hälfte ihres Filmschaffens umfasste.
Wer diese Reihe versäumt und die Programmhefte nicht aufbewahrt hat, kann diesen Text als fortlaufendes Feuilleton zu dieser wunderbaren Entertainerin lesen. Ein besonderes Aha bereitete mir der Eintrag zu „Ein Hauch von Herz“, der sowohl für Doris Day als auch für ihren Partner der größte kommerzielle Erfolg gewesen ist (wer hätte das gedacht?) und der das unzutreffende Bild von dieser Künstlerin („Frau Saubermann“ ….) hierzulande geprägt hat.

Die Doris-Day-Retrospektive im Metropolis Kino Hamburg
Juli – August 2019
von Jens Wawrczeck
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Vielleicht war es diese Mischung aus Optimismus und Melancholie, aus Stärke und Verletzbarkeit, die in ihrem Timbre hörbar, in ihrem Spiel spürbar ist, der Doris Day ihren Aufstieg zur erfolgreichsten Schauspielerin und Sängerin der 50er und 60er Jahre zu verdanken hatte. Doris Day, die neben vielen anderen Ehrungen eine Oscar-Nominierung und den Grammy Award für ihr Lebenswerk erhielt, hat die Regeln der Traumfabrik immer lächelnd ignoriert. Zur Strafe dafür verliehen ihr die Damen und Herren der Presse mehrfach den »Sour Apple Award«. Der Vorwurf der Biederkeit, der ihr angehängt wurde, ist inzwischen durch eine neue Würdigung ihres Könnens und ihrer Vielseitigkeit ad absurdum geführt worden. Man betrachte nur die Reihe der berufstätigen, selbstbestimmten Frauen, die Doris Day in ihren 49 Filmen verkörpert hat. Die feministische Filmjournalistin Molly Haskell bringt es auf den Punkt: „Doris Day ist die verkannteste Schauspielerin Hollywoods.“  Weiterlesen

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Nebenwirkung einer Katastrophe

betr.: 90. Jahrestag der Premiere des Films „Der Blaue Engel“

Der traurigste der vielen Superlative, die sich mit dem Film „Der Blaue Engel“ verbinden, ist die Tatsache, dass Ende des Zweiten Weltkriegs der komplette Stab des Films bis auf zwei Kameramänner nicht mehr dort war, wo er oder sie sich zur Zeit der Dreharbeiten befunden hatten.
An ihm lässt sich ablesen, wie die so reiche Kulturszene Berlins ausblutete, wie ein ganzes Land sein kreatives Potenzial einem anderen überließ.
Friedrich Hollaender, der die Songs für diesen Film und andere Hits der 20er Jahre geschrieben hatte, floh 1933 nach Amerika. Der Regisseur Josef von Sternberg war bereits in der Stummfilmzeit aus Karrieregründen emigriert und hatte sofort nach der Premiere des „Blauen Engels“ seinen Star Marlene Dietrich mit nach Hollywood genommen. Marlene wurde dort später zur prominentesten deutschen Antifaschistin, unterstützte vor dem Krieg und vor den Nazis geflohene Künstler finanziell und arbeitete als Truppenbetreuerin. Die Drehbuchautoren Carl Zuckmayer und Karl Gustav Vollmoeller flohen in den 30er Jahren in die Schweiz und in die USA. Der dritte Autor, Robert Liebmann, floh nach Frankreich, wurde aber dennoch deportiert und in Auschwitz ermordet. Produzent Erich Pommer („Metropolis“) wurde von den Nazis die Arbeitserlaubnis entzogen, und er ging ebenfalls nach Hollywood. Der Arrangeur der Filmmusik, Franz Wachsmann, machte dortselbst als Filmkomponist Franz Waxman Karriere und erhielt als erster in zwei aufeinanderfolgenden Jahren den Oscar für die beste Filmmusik.
Die fast geschlossene Flucht des „Blauen Engel“-Teams ist ein beeindruckender Beleg für die These, Hollywood wäre ohne Hitler in dieser Form nicht denkbar gewesen.

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Geschichte des Komiker-Handwerks (6)

Fortsetzung vom 24.3.2020

Mark Twain folgte Artemus Ward in der Funktion des „Comic Lecturer“ nach und perfektionierte sie. In der Essaysammlung „How To Tell A Story“ sind seine Überlegungen in schriftlicher Form versammelt. Er analysierte den Stil von Artemus Ward in einer Weise, die auch als Beschreibung seines eigenen modus operandi verstanden wurde. Als eine besonders wichtige „Platform Technique“ (er frönte ihr ausgiebig) bezeichnete er den gezielten Einsatz der Sprechpause und würdigte die Schwierigkeit, ihre Länge richtig zu bemessen.
Nicht nur Twains makelloses Timing wurde zu einer Königsdisziplin der Comedy.
In der Wechselwirkung von Realismus und Übertreibung erkannte er ein weiteres Prinzip: der Lacher braucht die Überraschung; die eigentliche Pointe ist die Über- oder Untertreibung. Eine der wichtigsten (und prophetischsten) Grundregeln lässt seinen satirischen, mitunter tagespolitischen Selbstanspruch erkennen: „Fange mit den Fakten an, dann kannst du sie nach Herzenslust verdrehen.“ Das macht Mark Twain wiederum zu einem gemeinsamen Vorläufer von Comedians und Kabarettisten. Hingebungsvoll tüftelte er an gesellschaftspolitischen Spitzfindigkeiten, die er auf der Bühne wie spontane Eingebungen erscheinen ließ. W. C. Fields gehörte zu denen, die von der Virtuosität solcher Vorträge gelernt, ihre Kniffe in der Kunst der Stand-Up Comedy verankert und das kabarettistische Element vernachlässigt haben. In den USA hat sich das ausdrücklich kritisch-politische Element später vor allem in musikalischer Form manifestiert, während sich Protestgesang und Kabarett im deutschen Sprachraum nebeneinander entwickelten.

Das Vaudeville

Das Vaudeville war die volkstümliche kulturelle Antwort auf die Industrialisierung und ihre rabiaten sozialen Verwerfungen im späten 19. Jahrhundert. „Kultur war zu jeder Zeit systemrelevant, wenn auch nicht im notfallmedizinischen Sinne!“ (C. O.)  In den USA wie in Europa begannen die Städte zu wachsen, und Einrichtungen wie die britischen „Music Halls“ boten preisgünstiges Entertainment für jene, die sich Oper, Ballett oder Schauspiel nicht leisten konnten oder denen möglicherweise auch der Sinn dafür gefehlt hat. Die Wichtigkeit der Unterhaltung für die hart arbeitende Bevölkerung wird bis heute unterschätzt, doch sie tobte sich im Vaudeville, einer Art kultureller Subkultur, eindrucksvoll aus.
Der Ursprung des Begriffs „Vaudeville“, eine Art Varietéprogramm, ist umstritten. Immer wieder ist zu lesen, es habe sich vom französischen „voix de ville“ („Stimme der Stadt“ oder auch „Volkes Stimme“) abgeleitet. Etwas akademischer kommt der Verweis auf die Stadt Vire im Nordwesten Frankreichs daher, im 15. Jahrhundert Namensgeberin für populären Spottgesang.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vicit“.

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (19)

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Daheimbleiben mit … „On The Beach“

betr.: Home-Entertainment in der Corona-Krise

An sich kein Fan von laienhaften Profi-Handbüchern liebe ich die Liste der Filmtypen, in die sich laut Ted Snyder* alle bisher gedrehten Filme einordnen lassen – jenseits solcher Genres wie Western / Krimi / Schnulze.
„Eingewiesen“ heißt die Kategorie, die sich in diesen Tagen für all jene anbietet, die einen Eskapismus Light bevorzugen. Für alle, die sich nicht restlos von der Realität abkoppeln möchten, ist das apokalyptische Gesellschaftsdrama „Das letzte Ufer“ genau das Richtige!

Als erste große Kinoproduktion macht dieser Schwarzweißfilm die drohende (hier bereits vorweggenommene) Nuklearkatastrophe zu seinem Plot. Die radioaktive Wolke, die das menschliche Leben der übrigen Welt bereits dahingerafft hat, bewegt sich unaufhaltsam auf den letzten unbehelligten Kontinent Australien zu, wo rein optisch noch alles in Ordnung ist. Die Menschen genießen das Leben, solange sie noch können, der Originaltitel „On The Beach“ verweist darauf. Unterdessen verteilt die Regierung vergifteten Tee an das Volk, um ihm zu gegebener Zeit ein würdevolles Ende zu ermöglichen.
Der couragierte Filmemacher Stanley Kramer leitet ein eindrucksvolles Ensemble.
Der soeben aus dem Musical-Fach ausgestiegene Fred Astaire spielt einen Nuklearwissenschaftler und Hobby-Rennfahrer, Anthony Perkins (bereits abonniert auf nervöse Typen, aber noch unbelastet von seinen bevorstehenden Psychopathen-Rollen) einen jungen Familienvater, Gregory Peck einen amerikanischen Offizier, der sich down under in Ava Gardner verliebt hat und der nun sein Atom-U-Boot einem ominösen Hinweis hinterhersteuert. Ein wirrer Funkspruch weckt Hoffnungen, es könne „da draußen“ noch menschliches Leben existieren …

„On The Beach“ ist heute eine Kuriosität – aber eine hochinteressante. Und eine, aus der man optimistisch wieder auftauchen und sich dem Leben zuwenden kann.    
Die Bilder des bei herrlichstem Wetter menschenleeren Melbourne, die uns den Film heute so besonders nahebringen, waren nur möglich dank der Kooperationsbereitschaft der Bevölkerung (!).
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* Autor des Drehbuch-Handbuchs „Rette die Katze!“, siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2018/05/10/die-fidele-klapsmuehle/

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Daheimbleiben mit … dem „Necronomicon“

Die Corona-Krise beflügelt Wiederlektüre und Nostalgie. In den spiralförmig wabernden Nebeln des Home-Office dringen wir in papierene Schichtstufen vor, die seit ihrer Ablage keines Menschen Hand mehr berührt hat.

betr.: Die Verschwörungstheorie in Gestalt der Leichten Muse

Die Kunst der Doppelfiktion (2)

Fortsetzung vom 26.3.2020

2. Das „Necronomicon“

Sieht man einmal vom Charakter des Sherlock Holmes ab, an dessen Postadresse unzählige ernst gemeinte Bitten um Hilfe gesandt wurden (was freilich auch eine Lüge sein könnte), ist das „Necronomicon“ sicher der berühmteste Fall einer literarischen Fiktion, die es zu fast physischer Greifbarkeit gebracht hat.
Es handelt sich dabei um ein schwarzmagisches Ritualbuch, das frühzeitig geächtet und verboten wurde wie sich das gehört. Als seinen Verfasser nennt der zu Lebzeiten unbedeutende Autor H. P. Lovecraft immer wieder den „verrückten Araber Abdul Alhazred“. „Immer wieder“ bedeutet: er bezieht sich auf dieses „historische“ Quellenwerk, lässt seine Helden (viele davon Ich-Erzähler) daraus zitieren und listet es häufig in Literaturverzeichnissen auf, in denen sich ansonsten tatsächlich existierende Titel finden. Er verortet ein Exemplar davon sogar physikalisch in der Bibliothek einer Universität.
Die Konsequenz, mit der Lovecraft dies über Jahre in unzähligen Erzählungen getan hat – erstmals 1922 in „Der Hund“ – trug zu diesem Mythos ebenso bei wie seine erzählerische Hingabe. Wie grotesk es in seinen Texten auch zugehen mag, stets bewahrt er einen dokumentarischen Stil und verwebt seine Phantastereien mit historisch Nachprüfbarem, Allzumenschlichem, feiner Landeskunde und guter Recherche.
Sein zunächst überschaubares Publikum, das immer wieder auf die Existenz des „Necronomicon“ hingewiesen wurde, korrespondierte mit Lovecraft und wurde ausdrücklich ermuntert, die Fama weiterzuspinnen. Aus dieser frühen Leserschaft gingen überaus Weiterlesen

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Die beiden Jungs auf dem Boot

betr.: 78. Geburtstag von Michael York

Michael York gehört zu den Schauspielern, die – obwohl es weitaus bedeutendere gibt als sie – über ein Alleinstellungsmerkmal verfügen. Es ist ein sehr spitzfindiges Alleinstellungsmerkmal, aber es kam mir wieder in den Sinn, als ich dieses Foto in den Lebenserinnerungen des Kameramannes Christopher Challis entdeckte:

Zwei Jungs auf einem Boot – brave, pullovertragende Kerle in Küstennähe an einem Sommertag, keine Seebären, die den Elementen trotzen müssen – das ist ein Motiv, das (vielleicht nicht nur mir) Weiterlesen

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Daheimbleiben mit … „The Navidson Record“

Die Corona-Krise beflügelt Wiederlektüre und Nostalgie. In den spiralförmig wabernden Nebeln des Home-Office dringen wir in papierene Schichtstufen vor, die seit ihrer Ablage keines Menschen Hand mehr berührt hat.

betr.: Die Verschwörungstheorie in Gestalt der Leichten Muse

Die Kunst der Doppelfiktion (1)

Es liegt gar nicht so lang zurück, da haben sich zum bisher letzten Mal einige Schlaumeier in einer uralten Kunst der Mediengeschichte versucht: ein Werk erst zu erfinden, es dann zurückzudatieren und schließlich als verschollen zu melden, um einer Legende Vorschub zu leisten. Das passte schon vor gut zehn Jahren nicht mehr in unsere Zeit, die geheimnislosen Tage der fast schon automatischen Reproduzierbarkeit und Verbreitung alles Geschaffenen über die sozialen Netzwerke.
Aber sehen wir uns diesen und einen älteren, klassischen Fall dennoch aus der Nähe an.

1. „Das Haus“

Mark Z. Danielewski wurde vom Feuilleton das vergängliche Kompliment gemacht, mit „House Of Leaves“ (im Frühjahr 2000 als Buch, zuvor im Internet veröffentlicht) „das erste Kultbuch des 21. Jahrhunderts“ geschrieben zu haben, sei doch „alles daran (…) entweder wahr oder genial inszeniert“.
Die Geschichte: Im Haus der Familie Navidson in Wisconsin taucht Anfang Juni 1990 der Zugang zu einem schier endlosen Höhlensystem auf. Bei der Erkundung dieses Zugangs zur Hölle sterben drei Menschen. Diese Ereignisse seien belegt durch Filmfragmente, die der Dokumentarfotograf Will Navidson aufgenommen habe, den sogenannten „Navidson Record“. (Trotz des Pulitzerpreises, den dieser angeblich erhalten hat, verweigert die Wikipedia ihm einen Eintrag.) Weiterhin habe ein Amateur-Kinematologe namens Zampano Aufzeichnungen zusammengetragen, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Zu mir drang das Phänomen nur ein einziges Mal vor: 2009 in Gestalt eines Hörspiels „in drei Ebenen“ mit dem Titel „Das Haus“. Im Prolog wird der Film „The Navidson Record“ dem „Kulturgut der USA“ zugerechnet, und das Hörspiel wollte ihn sowie das überirdische Phänomen dazu nun rekonstruieren.
Schon beim Prolog spürte ich: der Unterhaltungswert der Produktion fußte vollständig auf der Voraussetzung, das man zumindest in dem Maße geneigt ist, die Geschichte zu glauben, in der man z.B. bereit ist, den Schauspieler Anthony Hopkins zwei Stunden lang für einen Kannibalen zu halten. Die Macher trauten der Sache selbst nicht. Zu klein sind die Brötchen, die gebacken werden, wenn es im Vorwort heißt: „Obwohl ihn mittlerweile Hunderttausende gesehen haben, bleibt der Film ein Rätsel. Manche behaupten steif und fest, dass er echt ist, andere halten ihn für eine Posse wie Orson Welles‘ ‚Krieg der Welten‘. Und viel größer ist die Zahl derjenigen, die noch nie etwas davon gehört haben, da der Film kurz nachdem er in die Kinos gekommen war, zurückgezogen wurde. Bis heute kursieren Szenen aus dem Film in Internet-Foren wie Youtube. Ihre Echtheit wird bezweifelt.“

Die Sorge war begründet. Nicht einmal bei Kopfhörergenuss und geschlossenen Augen (und das sagt ein ausdrücklicher Freund des Eskapismus, der es liebt, sich von Erzählern hinters Licht führen zu lassen) stellte sich bei mir irgendeine Form von Anteilnahme her.
Vielleicht schielten die Autoren aber auch auf eine völlig andere Zielgruppe als mich: auf das stetig wachsende Publikum der Verschwörungstheoretiker (für das es in früheren Zeiten weitaus unfreundlichere Bezeichnungen gab). Und sie machten nur den Fehler, für ihren medialen Feldversuch einen politisch zu wenig missbrauchstauglichen Stoff gewählt zu haben. 

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Augen zu, Ohren auf: „Tante Daniele“

Schlechte Filme mit guten Soundtracks (7)

Sozial unverträgliche Zeitgenossen, ihre miese Laune und ihr loses Mundwerk können im Film großen Spaß machen. In den 80er und 90er Jahren wurde die weibliche Variante dieses Rollenfachs besonders ausgelotet, etwa in Serien wie „Absolutely Fabulous“, „Roseanne“ oder „Golden Girls“. Natürlich ist das nicht so einfach wie es im Gelingensfall hinterher aussieht, denn man braucht dafür verdammt gute oder doch wenigstens routinierte Autoren. Die waren bei der Herstellung der französischen Komödie „Tatie Danielle“ (1989) offensichtlich nicht zu finden, und so lässt man die greise Heldin vor allem Böses tun.
Das geschieht unablässig, ohne Charme und vollkommen unmotiviert. Wir erfahren immerhin (nur im Pressetext, der Dialog verrät es nicht), dass Danieles Gatte Edouard, ein Offizier, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs durch einen lächerlichen Unfall ums Leben gekommen ist.

Schlimm war nicht nur der Film selbst, sondern auch die Reaktionen darauf. Die Kritiken waren überwiegend positiv, sei doch die darin enthaltene „Frechheit“ und „politische Unkorrektheit“ so „erfrischend“. (Als ob eine unwitzige Komödie frech sein könnte und durch „Unkorrektheit“ allein witziger würde.) Noch unerfreulicher waren die wenigen Verrisse, die den Film gar nicht wirklich beurteilten, sondern pauschal argumentierten, die Abbildung böser alter Menschen zeichne ein falsches Bild dieser Gesellschaftsschicht. Um sich den Ruch der Objektivität zurückzuholen, lobten einige davon die „glänzende Besetzung“ der Hauptrolle – was nun wirklich unkorrekt ist.

Wieder einmal musste die Musik als Trösterin hinzuspringen. Der junge Gabriel Yared komponierte ein beschwingtes Thema, das er – zugegeben – mangels alternativen Materials zu häufig strapaziert.* Aber davon abgesehen verbreitet sein Walzer eine gewisse Heiterkeit, auch in den Variationen der Szenenmusik. In der Vokalversion der Singer-Songwriterin Catherine Ringer ist das Stück dem unglücklichen Edouard gewidmet. Was heißt unglücklich? – „Tante Daniele“ ist ihm immerhin erspart geblieben. __________________
* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/10/07/die-petitessen-des-monsieur-yared/

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Geschichte des Komiker-Handwerks (5)

Fortsetzung vom 21.3.2020

Mark Twain ist die Quintessenz der amerikanischen Erzähltraditionen, des „Native American Humor“. Walter Blair schreibt in seinem gleichnamigen Quellenwerk: „In gewisser Weise sind seine Arbeiten die Summe des ur-amerikanischen Humors im 19. Jahrhundert. Sie bringen ihn gleichsam zur Vollendung.“ Mark Twain alias Samuel Longhorne Clemens wuchs in die großen Witz- und Erzähltraditionen Amerikas hinein: den „Down East Humor“, den „Humor In The Old South West“ und die Kultur der „Literary Comedians“. Er wurde dafür geschätzt, das Parlando seiner Zeit und ihrer Menschen einfangen zu können, den „Oral Style“. Diese Qualität des Welterfolgs “The Adventures Of Huckleberry Finn” (1884) findet sich bereits in der Kurzgeschichte„The Celebrated Jumping Frog Of Calavas County“, die 1867 Twains Durchbruch bedeutete. Sein feines Ohr für die Sprache seiner Mitmenschen erlaubte ihm eine präzise Figurenzeichnung, doch im Gegensatz zu seinen Vorläufern ging es ihm nicht darum, seine Figuren (mittels Vorführung ihres Slang oder Dialektes) der Lächerlichkeit preiszugeben. Indem wir über sie lachen, ertappen wir uns auch stets ein wenig selbst.

Ein Mittel, das Twain gern zur Anwendung brachte, war die Bildung ungleicher Wortpaare, die Kombination eines aufwertenden Adjektivs mit einem negative konnotierten Hauptwort: imposing insanity, charming absurdity, majetsic ignorance, illustrious guttersnipe. Ganze Absätze konnten nachdiesem Prinzip gefertigt sein.
Wie La Rochefouchauld oder Oscar Wilde machte auch Twain den Aphorismus zu seinem Spezialgebiet. Und auch aus seinen Bemühungen sind geflügelte Worte hervorgegangen: „Nichts bedarf der Veränderung so sehr wie die Gewohnheiten anderer Leute.“ oder „Alle reden übers Wetter, aber keiner tut was dagegen.“.
Sie sind in den Schatz jener Witze übergegangen, deren Verfasser zumeist nicht mehr feststellbar sind und die davon leben, weitererzählt zu werden. Die weniger geläufigen von Twains Einzeilern sind ebenso trefflich („Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das in der Lage ist, zu erröten – und das einzige, das es nötig hat.“ …)

Da Mark Twain sich auf den unterschiedlichsten literarischen und journalistischen Gebieten betätigte, hatte er stilistisch freie Hand, in allen vier Disziplinen der schriftlichen Komik zu glänzen: „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. 
Doch seine Gags wurden derber, sein Ton zunehmend pessimistisch.
In seiner Autobiographie (die inzwischen, wie von ihm verfügt, 100 Jahre nach seinem Tode veröffentlicht wurde) wird abermals deutlich, was sich schon dem chronologischen Leser offenbarte. Eine Reihe von Schicksalsschlägen, der wachsende Ekel vor den Torheiten und Unzulänglichkeiten der menschlichen Gesellschaft und nicht zuletzt der schiere Zahn der Zeit am eigenen Leibe machten Twain nach und nach zu einem Spezialisten für Schwarzen Humor.
Bei fähigen Humoristen muss auch Bitterkeit der Qualität ja nicht abträglich sein.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vicit“.

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