Der Komiker als Filmheld (4): „Das Ende eines Humoristen“

In dieser Reihe werden Filme vorgestellt, deren Helden Komiker sind. Nach einer kurzen Inhaltsangabe werden die Filme hauptsächlich danach beurteilt, wie kundig und glaubhaft sie diesen Beruf abbilden. (Meistens entspricht dieser Aspekt aber auch der Gesamtnote.) Biopics werden an anderer Stelle behandelt.

„Das Ende eines Humoristen“, BRD 1972

Erwin Waldemann ist Alleinunterhalter (quasi die germanische Vorform des Comedians), ein harmloser, friedlicher Mensch, der seine Witze auf Betriebsfeiern und Dorffesten erzählt. Doch friedliche, harmlose Menschen sind selten komisch, und auch Waldemanns Geschäfte könnten besser laufen. Da wird seine Tochter tot in einer Parkanlage gefunden, seine wichtigste Helferin und Bezugsperson. Als Kommissar Keller die Ermittlungen aufnimmt, entblättern sich parallel eine Familientragödie und die Chronik eines künstlerischen Scheiterns …

Die historische Krimiserie „Der Kommissar“ ist immer noch sehenswert. Vieles von dem, was uns darin heute überholt und unbeholfen vorkommen mag, hat andererseits kostbares Zeitkolorit und hübschen Camp zu bieten. Die Drehbücher, die Herbert Reinecker in alle verblüffender Menge monatlich ausspuckte (die Helfer, die seine Karteikarten ausformulierten, waren zum Stillschweigen verpflichtet), hatten noch nicht das Endstadium der ewigen Wiederholungen und der ächzenden Langsamkeit seiner späteren Arbeiten erreicht, und die stimmungsvolle Schwarzweißfotografie gab den Abenteuern von Kommissar Keller und seinen vielen Helfern etwas Gediegenes, gleichsam Dokumentarisches.
Die Folge Nr. 52 „Tod eines Humoristen“ gehört zu den schwächeren Beiträgen. Die Geschichte vom peinlichen Alleinunterhalter, der lieber mordet als seine Unfähigkeit einzusehen, hätte mit – pardon – mehr Humor inszeniert werden müssen. Doch die übliche Whodunit-Struktur machte es unmöglich, die Geschichte etwa als entschiedene groteske anzulegen. Geholfen hätte die Besetzung der Hauptrolle mit einem wirklichen Charakterhumoristen – z.B. mit Curt Bois, der in zwei anderen Folgen der Reihe zu sehen war. Mit ihm hätte möglicherweise sogar dieses Drehbuch funktioniert  … na gut, vielleicht mit anderen Witzen …

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Hitchcock beim Fernsehen – Eine kritische Würdigung

betr.: 121. Geburtstag von Alfred Hitchcock

Die Corona-Krise (und eine Anschaffung zuvor) brachten es mit sich, dass ich endlich die Möglichkeit hatte, mir die zwei aneinander anschließenden TV-Serien von Meister Hitchcock vollständig anzuschauen. Da sich in der Fachliteratur eine solche nicht findet, folgt an dieser Stelle eine Bewertung dieses Mammut-Kabinettstückchens.


Auf einen Schlag für kleines Geld zu erwerben: zehn Jahre US-Fernsehen vom Feinsten! Es lebe das digitale Zeitalter!

Von Mitte der 50er bis Mitte der 60er Jahre produzierte und moderierte Alfred Hitchcock zwei TV-Serien, deren Episoden er teilweise selbst inszenierte. Ausgerechnet in dieser, seiner filmisch und filmhistorisch produktivsten und erfolgreichsten Phase, leistete er sich dieses zusätzliche Projekt, und das Produkt konnte sich sehen lassen!
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Der Komiker als Filmheld (3): „Der letzte Komödiant“

In dieser Reihe werden Filme vorgestellt, deren Helden Komiker sind. Nach einer kurzen Inhaltsangabe werden die Filme hauptsächlich danach beurteilt, wie kundig und glaubhaft sie diesen Beruf abbilden. (Meistens entspricht dieser Aspekt aber auch der Gesamtnote.) Biopics werden an anderer Stelle behandelt.

„Der letzte Komödiant“ („Mr Saturday Night“), USA 1993

Fiktives Biopic über einen Großen der amerikanischen Live-Comedy (– oder ist es nur ein Mittelgroßer? Der Film legt sich nicht hundertprozentig fest). Im reifen Alter versucht Buddy Young, seinem Leben einen neuen Kick zu geben und blickt im Gespräch mit einem Journalisten auf seine 50jährige Karriere im Lachgeschäft zurück …

Alle Klischees zu mir! Fehlende Buchstaben in der Leuchtreklame als Sinnbild bröckelnden Ruhms, private Jokes mit Backwaren, pseudo-jüdischer Humor … – dieser Film erspart einem wirklich nichts!

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (36)

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Der Komiker als Filmheld (2): „Wahre Lügen“

In dieser Reihe werden Filme vorgestellt, deren Helden Komiker sind. Nach einer kurzen Inhaltsangabe werden die Filme hauptsächlich danach beurteilt, wie kundig und glaubhaft sie diesen Beruf abbilden. (Meistens entspricht dieser Aspekt aber auch der Gesamtnote.) Biopics werden an anderer Stelle behandelt.

„Wahre Lügen“ („Where The Truth Lies“), USA 2006

Lanny Morris und Vince Collins sind Comedy-Götter der 50er Jahre, die die Nachtclubs zum Kochen bringen. Bei einem ihrer Gastspiele wird die junge Maureen in ihrer Suite tot aufgefunden. Obwohl ihnen ein Mord nicht nachgewiesen werden kann, zerbricht ihre Partnerschaft an der Affäre.
Fünfzehn Jahre später rollt die junge Journalistin Karen O‘Connor den Fall nochmals auf. Lanny und Vince ahnen nicht, dass sie in Karen eine alte Bekannte vor sich haben …

Ungeheuerliches hat Jerry Lewis dem DeanMartin-Biographen Nick Tosches über seine wilden Jahre in Las Vegas verraten, über die Zeit, in der Martin & Lewis eine Hysterie entfachten, die von Zeitzeugen später mit der Beatlemania verglichen wurde. Er beschreibt Exzesse, alltäglichen Umgang mit Mafiosi (die hier als Veranstalter agierten), dazu viel Selbstkritisches und unsentimental Nachdenkliches. Rupert Holmes, Autor der Romanvorlage für und Mitautor am Drehbuch von „Where The Truth Lies“, hat diese Biographie offensichtlich genau studiert (wenn auch nicht begriffen) und verquickt ihre Welt der Spielhöllen und Nachtclubs  mit einer erfundenen Mordgeschichte.
Selbst wenn man die Erinnerung an die realen Vorbilder in Schach hält, ist es unmöglich, in Kevin Bacon und Colin Firth ein Comedy-Duo zu erblicken.
Die beiden sind weder komisch oder auch nur amüsant (nicht mal unfreiwillig) noch als Duo glaubwürdig, das ja eine gemeinsame Magie entfalten muss, um einen Erfolg zu haben wie er hier behauptet wird. Sie funktionieren leidlich als verkrachte, miteinander hadernde Existenzen, aber damit tut man Dean Martin und Jerry Lewis ein weiteres Mal unrecht.
Der Film versteht sich selbst als „entlarvend“, doch weder als psychologische Studie noch als Sittengemälde des Schattenreichs zwischen Entertainment und organisiertem Verbrechen hat er uns das Geringste zu erzählen – von der Welt der Comedy gar nicht zu reden.*
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* Ein ähnliches künstlerisches Desaster ist neuerer Film, der das behandelte Komiker-Duo ausdrücklich benennt: https://blog.montyarnold.de/2019/05/14/13379/

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Der Komiker als Filmheld (1): „Make Me Laugh“

In dieser Reihe werden Filme vorgestellt, deren Helden Komiker sind. Nach einer kurzen Inhaltsangabe werden die Filme hauptsächlich danach beurteilt, wie kundig und glaubhaft sie diesen Beruf abbilden. (Meistens entspricht dieser Aspekt aber auch der Gesamtnote.) Biopics werden an anderer Stelle behandelt.

„Make Me Laugh“, USA 1971

Der drittklassige Komiker Jackie Slater ist im niedersten Tingeltangel angekommen – und wird selbst dort wegen ausbleibenden Gelächters vor die Tür gesetzt. Als ihm auch noch der Agent fortläuft, betrinkt er sich in der nächsten elenden Kaschemme. In Chatterje lernt er dort einen Leidensgenossen kennen. Wenn dieser, ein echter Swami aus dem Orient, nicht bis Mitternacht ein Wunder gewirkt habe, würde er aus der Magier-Innung geworfen, erklärt er. Slater drängt ihn, dieses Wunder an ihm vorzunehmen und besteht selbst dann noch darauf, als im Chatterje gesteht, dass bei seinen Handauflegungen meistens etwas schiefgeht.
Tatsächlich geht Slaters Wunsch in Erfüllung: alle müssen von nun an über ihn lachen, welchen Stuss er auch von sich gibt. Doch Chatterjes Warnung ebenfalls.
Als Slater ihn daraufhin um einen zweiten Gefallen bittet, wird ihm auch dieser gewährt – mit noch schlimmeren Folgen …

Die meisten Filme über Komiker haben ein Besetzungsproblem, denn nicht einmal jeder gute Schauspieler kann glaubhaft einen Komiker verkörpern. Umgekehrt gilt aber ebenso: Komiker sind nicht automatisch auch Schauspieler. (Bezeichnenderweise sind die besten Beiträge zu dieser Sparte jene, in denen der Protagonist beides ist*.) Ein trefflicher Beweis dafür, wie glücklos sie selbst bei der Darstellung ihres eigenen Berufes agieren können, ist diese Folge aus der durchwachsenen ersten Staffel von „Night Gallery“. Der junge Steven Spielberg führte Regie in dieser Arbeit für ein Medium, dessen lebenslanger Verachtung er sich ebensolange gerühmt hat. Doch seine Regie ist nicht an allem schuld.
Die im Buch angelegte Tragik bringen beide Hauptdarsteller, zwei Nachtclub-Komiker, nicht zum Vorschein. Der seinerzeit recht populäre Godfrey Cambridge schneidet unentwegt derart krawallige Grimassen, dass man ihm weder seine Sensibilität abkauft noch ihn ob seiner Verzweiflung bedauert. Jackie Vernon wiederum ist schlichtweg muffig und verströmt trotz seines Turbans die magische Aura eines Schalterbeamten.
Der Autor des Drehbuchs war entsetzt und machte sich den Vorwurf, das Vaudeville wiederbelebt zu haben. Das ist in der amerikanischen Comedy-Branche eine Metapher für den unkomischsten anzunehmenden Unfall.**
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* Siehe hierzu auch https://blog.montyarnold.de/2017/04/17/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-king-of-comedy/ und die betreffenden Kapitel zu „Saturday Night Life“, beginnend mit https://blog.montyarnold.de/2020/07/29/humor-omnia-vincit-32/
** Eine differenzierte Darstellung dieser Kunstform findet sich unter https://blog.montyarnold.de/2015/06/14/die-erfindung-des-entertainers/

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Geschichte des Komiker-Handwerks (35)

betr.: „Saturday Night Live“ (iv)

Fortsetzung vom 2.8.2020

Sex And Drugs And Comedy*

Was (oberflächlich betrachtet) von Anfang an reichlich anti-established anmutete, war der enorme Konsum an Rauschmitteln, der „SNL“ begleitete. Kaum hatte John Belushi 1977 mit seinem Partner Dan Aykroyd die „Blues Brothers“ kreiert, eröffnete er im West Village die „Blues Bar“, in der die Kollegen nach dem Ende der TV-Übertragung all das wegkiffen, -spritzen und –saufen konnten, was bei der Produktion der Sendung übrig geblieben war. Der Laden war öffentlich, aber nicht für jeden zugänglich. Es war laut, voll und stickig und die ideale Umgebung für all jene, die nicht bei Sendeschluss auf eine normale Betriebstemperatur herunterschalten konnten oder wollten.
Eine Beschreibung dieses Zufluchtsortes und seiner Bedeutung für die Crew liest sich wie die ultimative Ausrede aller Menschen mit Drogenproblemen – und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Bill Murray sie formuliert hat, der ein Weiterlesen

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (35)

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Komiker als Filmhelden – Vorwort

„Jeder Beruf ist eine Verschwörung gegen den Laien.“
G. B. Shaw

Mein Vater war ein Schupo auf dem Dorfe. Hin und wieder lugte er ins Wohnzimmer, wenn meine Geschwister und ich „Einsatz in Manhattan“ im Fernsehen anschauten. Mein Vater mochte solche Serien nicht. Seine Laune wurde noch mieser als sonst, und er stieß jedesmal Laute der Missbilligung aus, ehe er die Tür wieder zumachte. Einmal fragte ihn meine Schwester, was er denn gegen seinen Kollegen Kojak habe. Vater zog sich unter unartikuliertem Gebrummel zurück, aus dem die Wörter „die mit ihren Autos und Pistolen“ herauszuhören waren.
Offenbar fand er seinen Dienstalltag nicht korrekt dargestellt. Außerdem habe ich den Verdacht, er war ganz einfach neidisch auf das coole magnetische Blaulicht, dass die Großstadt-Bullen im Fernsehen immer auf’s Autodach pappten, wenn sie jemanden jagen wollten. Und sie mussten dabei nicht einmal senfgelbe Hemden tragen.

Unter den Augen eines Spezialisten hat es jede künstlerische Erzählung schwer. Man mag sich gar nicht vorstellen, was Ärzte durchmachen, wenn sie einmal versehentlich in eine Krankenhaus-Serie hineinklicken. Noch schlimmer müsste es sich anfühlen, wenn das Publikum begeistert ist, obwohl der Künstler überhaupt nicht recherchiert hat. Als Loriot in einer Talkshow für seinen Weinvertreter in „Weihnachten bei Hoppenstedts“ gelobt wurde, gab er zu, dass er niemals einem solchen Herrn begegnet sei. Er meinte, er habe ihn sich halt so vorgestellt … und das Publikum nickte zustimmend.  

Noch schwerer sind Filme über Komiker und Komödianten – egal, ob es sich um Komödien oder Dramen handelt.
Obwohl ich Filme im Medien- und Künstlermilieu wahnsinnig mag, kenne ich nur sehr wenige, die es fertigbringen, den Komikerberuf trefflich abzubilden.
Die in dieser Reihe präsentierten Beispiele bilden eine kleine, persönliche Auswahl, von der ich hoffe, sie zeigt die Fallstricke in diesem Sub-Genre exemplarisch auf. Die meisten Besprechungen sind kritisch. Über die Glanzleistungen auf diesem heiklen Gebiet wird an anderer Stelle berichtet, z.B. in der Rubrik „Die schönsten Filme, die ich kenne“.

Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“

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