Klimawandel bei Agatha Christie

Der Film „Das Böse unter der Sonne“ gehört seit einigen Jahren zum Standardrepertoire der Dritten ARD-Fernsehprogramme. Er wird jährlich ungefähr ein Dutzendmal ausgestrahlt – übertroffen allenfalls von „Das schwarze Schaf“ mit Heinz Rühmann. Die Starbesetzung dieses Plüschkrimis, sowie die sonst vergessenen Ensemblemitglieder sind auf unseren Bildschirmen so regelmäßig vertreten, dass jede/r Daily-Soap-Mitwirkende neidisch werden muss.
Seit letztem Monat ist er nun auch bei arte in die Rotation aufgenommen worden, heute vormittag ist es wieder mal soweit.

Ich habe mir diesen recht amüsanten Film lange nicht mehr angesehen, schon aus Trotz. Als nun doch einmal zufällig hineinzappte fiel mir sofort zweierlei auf: bei der Anpassung der Bildqualität hat sich das Wetter verschlechtert. Wie der Titel bereits nahelegt, handelt es sich hier um einen Sommerfilm. Doch in der aktuellen Abtastung ist von Mallorca nicht mehr viel übrig.
Ein vergleichender Blick in die private Videothek bestätigte meinen Eindruck:

Nach der nächsten „Farbkorrektur“ wird aber ein neuer Titel fällig, Freunde!

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (31)

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Verschollenes Kunstwerk wieder aufgetaucht

Heute macht man so etwas per CGI, aber mehr als hundert Jahre lang musste jedes Gemälde, das in einem Film an der Wand hing, tatsächlich erst einmal gemalt werden: Ölschinken mit den Portraits verblichener Schlossherren, angeblicher Eroberer und Urgroßmütter, Arbeiten fiktiver Maler, frei erfundene Kunstschätze.
Eine Galerie, die solche Objekte einsammelt und tatsächlich präsentiert, würde einen gewissen (und vermutlich wachsenden) Zulauf haben.*

Dass solche Gemälde nach Drehschluss verschwinden, hat einen banalen, aber wenig tröstlichen Grund: dass auf ihnen häufig die mitwirkenden Schauspieler abgebildet sind, macht eine anderweitige Wiederverwertung schwierig. Für den nostalgischen Kinofan wäre dieser Faktor eher wertsteigernd.

Sogar der Rahmen ist noch dran …

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Ennio Morricone – Unsinn zur guten Nacht

Eine Gegendarstellung

Heute nacht gab es in meinem bevorzugten Kulturmagazin im Radio eine Würdigung des verstorbenen italienischen Filmmusik-Meisters Ennio Morricone. Ein „Spezialist“ für Filmmusik wurde telefonisch befragt. Auf die Frage, was denn Morricone neu und anders gemacht habe als seine Vorgänger, meinte der Befragte, bisher sei es in der Filmmusik immer so gewesen, dass der Soundtrack mehr oder weniger durchkomponiert gewesen sei. Morricone habe innovativerweise auch Pausen zugelassen, Momente ohne Filmmusik.
Das ist Unfug. Im frühen Tonfilm gab es – schon aus technischen Gründen – zunächst nur sehr wenig Filmmusik nach dem Ende des Vorspanns. In den 30er Jahren – der Blütezeit des spätromantischen Soundtracks – wurde gerne mit einem ausführlichen Underscoring gearbeitet, das teilweise sogar die Mimik und Gestik der handelnden Personen illustrierte. Aber das war eine kurze Phase, und schon da spielte das Orchester nicht durchgehend. Solches geschah nur in Ausnahmefällen (z.B. im Ballettfilm).
Weiter fragte man den „Fachmann“, was das Besondere an Morricones Stil gewesen sei, und die Antwort lautete sinngemäß, Morricone sei der erste gewesen, der mit großen Melodien gearbeitet habe. Das ist eine ärgerliche Falschdarstellung, wie schon der Blick in den Kalender beweist: Morricones erste (noch unbedeutende) Arbeiten datieren vom Anfang der 60er Jahre – da blühte bereits die Ära des Filmsongs, und eine ganze Generation von melodisch überaus verdienstvollen Musikern war bereits abgetreten.
Selbst wenn dem nicht so wäre: die Leitungen des Verstorbenen liegen jenseits solch bürokratischer Fußnoten.
Schließlich meinte der Befragte noch, heute würde ja in der Filmmusik nicht mehr so melodisch gearbeitet (womit er ausnahmsweise recht hatte), obwohl das die Kollegen sicher alle gern täten.
Na denn, Leute – lasst euch nicht aufhalten!

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Auf einmal war es Morricone

Zum Tode von Ennio Morricone

Das erste Mal las ich den Namen Ennio Morricone auf dem Cover der Single „Das Lied vom Tod“, die meine Mutter sich gekauft hatte. (Unter diesem Titel wurde das berühmte Stück Schallplatte damals in Deutschland verkauft.) Das erste Mal, dass ich mich mit jemandem über deren Komponisten unterhalten konnte, war einige Jahre später im Plattenladen von Richard Kummerfeldt* (und das ist auch schon wieder 35 Jahre her). Mit seiner Hilfe versuchte ich, den italienischen Meister richtig einzuordnen. Er war nicht mein allergrößter Liebling, aber ein Argument war nicht von der Hand zu weisen. „Morricone ist der Musiker, bei denen die Leute die Filmmusik wirklich bemerken!“ meinte Richard.

So richtig groß geworden war Morricone zusammen mit dem Regisseur Sergio Leone, auf den die Single aus der Sammlung meiner Mutter verweist.
Ihre erste Begegnung beschrieb Leone so: „Als ich ‚Für eine Handvoll Dollar‘ drehte, wollte ich Ennio Morricone nicht, weil Weiterlesen

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Sprechen am Mikrofon: ON und OFF (5)

Fortsetzung vom 1. Juli 2020

Im OFF wird der Unterschied zwischen der Arbeit des Schauspielers und der des Sprechers bzw. Erzählers, die in Praxis und Alltag gern verwechselt bzw. gleichgesetzt werden, besonders deutlich.
Der Unterschied liegt in der Perspektive.

Der Theaterbesucher (oder Filmfreund) blickt den Schauspieler an. Der Schauspieler ist Teil des Bildes, das der Zuschauer sieht.
Der Zuhörer blickt gemeinsam mit dem Erzähler auf das Bild, das der Text heraufbeschwört. Der Sprecher sollte es beim Vortrag vor Augen haben, dann sieht es der Zuhörer auch.
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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (31)

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Die wiedergefundene Textstelle: „Bonjour Tristesse“

Ein berühmter Literaturkritiker erklärte einmal, alle Belletristik sei autobiographisch, und für das erste Buch gelte das in besonderem Maße.
Die Figur der Cécile in „Bonjour Tristesse“ ist ihrer Erfinderin Françoise Sagan in der Tat zum verwechseln ähnlich: ein junges Mädchen, das von seiner materiellen Sorglosigkeit eine gewisse Leere davonträgt.
Ihr Erstlingswerk machte die 18jährige Literaturstudentin aus wohlhabendem Hause so reich, dass die Ähnlichkeiten neuerlich beflügelt wurden.

Ach, Jacques, mein guter Jacques. Er wird sich doch nicht in mich verliebt haben, der Ärmste?!?
Nach dem Rennen wird er mich zum Abendessen einladen und danach zum Tanzen und am Donnerstag zum Tennisturnier und am Sonntag auf’s Land.
Eine solche Zeitverschwendung, lieber Jacques.
Eine so hoffnungslose Zeitverschwendung!
Er sieht gut aus, und er ist nett. Und ich würde ihn gerne warnen.
Aber er würde es nicht begreifen. Ich kann nichts von dem empfinden, was er sich wahrscheinlich wünscht, weil eine Mauer um mich ist. Eine unsichtbare Festung unvergesslicher Erinnerungen, die ich nicht niederreißen kann.
Aber auch zwischen meinem Vater und mir ist es nicht mehr so wie früher. Nichts ist mehr so wie früher! Werde ich je wieder so glücklich sein wie ich es damals war?
So lebe ich weiter, von meinen Erinnerungen eingeschlossen wie in einer Falle, aus der es kein Entkommen gibt!
Und oft frage ich mich, ob auch er, wenn er allein ist, von seinen Erinnerungen erdrückt wird.
Ich hoffe, nicht!

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Sprechen am Mikrofon: ON und OFF (4)

Fortsetzung vom 29.6.2020

Im ON versuche ich mit meinen Kollegen, so glaubhaft und natürlich wie möglich, eine Kommunikation zwischen mehreren Menschen nachzubilden. Was Friedrich Schoenfelder in seinem Geleitwort zum „Lexikon der Film- und Fernsehsynchronisation“ über dieselbe sagt, trifft auf jeden Dialog an Mikrofon und auf praktisch jede künstlerische Darstellung zu: „Einen perfekt synchronisierten Film sollte man daran erkennen, dass man in keiner Sekunde auf den Gedanken kommt, dass er synchronisiert wurde!“ Es sollte sich gar nicht erst nach einem Vortrag anhören.
Wer im ON spricht, bildet somit etwas Alltägliches nach. Das ist nicht ohne – schließlich dauert eine Schauspielausbildung drei bis vier Jahre. Doch das OFF ist noch schwieriger, weil eben nicht alltäglich.
Hier muss das eigentlich unlösbare Kunststück vollbracht werden, körperlos zu sprechen.
Dabei ist folgendes zu beachten:

1. Meine Aussprache muss korrekt sein (ohne übertrieben korrekt zu wirken). Sobald ich davon abweiche – durch eine Sprachmarotte, Schmatzen, Rascheln, zu lautes Atmen etc. – richtet sich die Aufmerksamkeit des Zuhörers sofort auf mich und die Frage: wer liest denn da? Weiterlesen

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Geschichte des Komiker-Handwerks (28)

Fortsetzung vom 25. Juni 2020

An einem Ort mussten alle gastieren, die in den 60er Jahren in der Szene etwas gelten wollten. Die Clubs des New Yorker Greenwich Village mauserten sich zum Dreh- und Angelpunkt des Comedy Club Circuit.
Das Programmschema dieser Spielstätten hat sich bis heute erhalten: vor Live-Publikum wurden (planmäßig) 15- bis 20minütige Routines präsentiert, an manchen Abenden wurden neben Lokalgrößen und Stars Amateure präsentiert, andere Nächte gehörten den Amateuren allein, die ohne Gage ihr Material testen durften.

Eine Erkenntnis hatte sich als Goldene Regel durchgesetzt: das Scheitern vor Publikum war der einzige Weg, das Handwerk zu erlernen.
Immerhin dürfen wir davon ausgehen, dass das Subklutur-Auditorium um einiges wohlwollender war als die Touristen im Borscht Belt, mit denen die Vorgängergeneration konfrontiert war.
Auch die Atmosphäre dieser Einrichtungen erleichterte den Auftritt wie auch den Kunstgenuss. Die Nähe (Intimität) beförderte den Dialog zwischen Künstler und Konsument, die Zuschauer saßen so dicht, dass sie einander mit ihrem Lachen anstecken konnten. Wie wichtig und beglückend diese Interaktion gewesen ist, lässt sich heute sogar an ihrem Verschwinden ablesen: ein wirklich erfolgreicher Comedian unserer Tage tritt in einer möglichst großen Halle bzw. Arena auf, in der sich eine völlig andere Art von Austausch entfaltet, die eher an ein Rock-Konzert erinnert.

Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“
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