Einfach lächerlich

betr.: Portrait des kürzlich verstorbenen Komikers Fips Asmussen, heute abend um 20 Uhr im Deutschlandfunk

Mein Vater und ich haben einander kaum gekannt. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass wir uns jemals inhaltlich ausgetauscht hätten. Als ich – der Zweitgeborene – heranwuchs, hatte er längst mit den Klischees des Familienlebens gebrochen und zeigte sich seinem zunehmenden Nachwuchs nur noch wie ein muffiger Oberförster, der hin und wieder durchs Gehölz steigt, ohne sich mit den Geschöpfen des Waldes persönlich einzulassen.

Ein einziges Mal machte er einen versöhnlichen Versuch, Verbindung mit mir aufzunehmen.
Ich war 17 und hatte mich Weiterlesen

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (40)

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Seitenblick auf Reich-Ranicki

betr.: 7. Todestag von Marcel Reich-Ranicki

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war die spannendste öffentliche Figur in der Geschichte der Bundesrepublik. Und wer – richtigerweise! – darauf hinweist, eine Karriere wie die seine könne heute wohl niemand mehr machen, fügt am besten gleich hinzu, das sei schon damals, als sie tatsächlich gemacht wurde, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen: ein beinharter Feuilletonist, der selten über etwas anderes als sein orchideenhaftes Thema reden wollte und der es zum Popstar gebracht und sein Thema gleich mitgenommen hat. Und in der Flut der Zeugnisse, die er in verschiedenen Medien hinterlassen hat, habe ich nicht eine sentimentale Zeile gefunden.

Als Reich-Ranicki starb, wurde im Fernsehen natürlich viel über ihn geredet. In einer regulär stattfindenden Talkshow wurde ein kleiner Einspielfilm gezeigt, der ihn in den allseits bekannten explosiven Momenten zeigte – drollig-knallig formulierend, Verrisse austeilend und „diesen Preis nicht an“nehmend. In der Gesprächsrunde saß auch Til Schweiger, der nun ebenfalls gebeten wurde, etwas zum Thema zu sagen. Schweiger gab zu, er fand die Collage zwar sehr lustig, habe von diesem Mann aber noch nie gehört. Schade, er werde das vielleicht einmal nachholen.
Da war er der einzige. Alle anderen sprudelten vor Kommentaren. Ein Gast, von dem wiederum ich noch nie gehört hatte, war besonders eifrig. Er warf dem Großkritiker einen längeren Monolog hinterher, der in der kumpelhaften Aussage gipfelte, jaja, so sei er halt gewesen: entweder in den Himmel hebend oder gnadenlos verreißend, dazwischen hätte es halt nichts gegeben. Damit outete sich der Mann als völlig ahnungslos. Hätte er mehr gekannt als sekundenlange Clips, dann hätte er gewusst, dass Reich-Ranicki in seiner Kritik durchaus sehr ausgewogen und sogar leise sein konnte.
Mir war die ehrliche Reaktion Til Schweigers viel sympathischer als dieses Getue.

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Charles Laughton und Alfred Hitchcock …

Zwei Londoner Charakterköpfe

betr.: „Jamaica Inn“ erscheint als Hörbuch von Jens Wawrczeck

Es ist ein Jammer, dass ein Schauspieler wie Charles Laughton – dessen Performance in „Witness For The Prosecution“ von einigen als genialste schauspielerische Leistung im Werk des großen Billy Wilder angesehen wird – nur in zwei eher übel beleumundeten Hitchcock-Filmen auftrat. Beide wurden vom Regisseur selbst nicht geschätzt. „Jamaica Inn“, der schlechtere davon, hat es als einziger seiner Filme gar in das Buch „The Fifty Worst Movies Of All Time“ geschafft.
Zum Glück für uns ist die Romanvorlage diesmal eindeutig besser!

Laughton ist am Missraten von „Jamaica Inn“ sogar selbst schuld, war er doch einer der Produzenten. Er buchte den Regisseur erst, als das Drehbuch schon existierte und behinderte alle Reparaturen mit seinen klaren Vorstellungen. Hitchcock ordnete die Geschichte als Whodunit ein, überdies als ein besonders unlogisches Exemplar dieser von ihm verachteten Gattung. Außerdem war er Weiterlesen

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Geschichte des Komiker-Handwerks (45)

Fortsetzung vom 13.9.2020

Schwarze Stand-Up Comedians

Viele der Jokes, die auf der Comedy-Bühne und ihren Vorläuferinnen gemacht wurden, waren – auch das soll hier nicht verschwiegen werden –rassistisch. So wie die Menschen anderer Hautfarbe wollten nicht mal die Underdogs unter den Komikern sein; von den Minstrel-Shows war ja hier schon die Rede.* Bis sich die ersten nicht-weißen Comedians in eigener Sache Gehör verschaffen konnten, hatten sie einen weiten Weg zurückzulegen.
Solange im Film Schwarze nur in Handlanger- und Dienerrollen oder bestenfalls also komische Nebenrolle auftreten durften (also bis in die 50er Jahre hinein), waren sie als Solisten, die ein eigenes Publikum direkt ansprachen, erst recht undenkbar. Das berühmteste „schwarze“ Comedy-Duo Amos’n’Andy (von 1943 an erst im Radio, später im Fernsehen erfolgreich) wurde bezeichnenderweise von Weißen gespielt.
Die ersten schwarzen Comedians traten nur innerhalb ihrer eigenen Community auf (– anders als es ein halbes Jahrhundert zuvor im Jazz gehalten worden war. Hier  spielten in den Anfängen außerdem ausschließlich schwarze Musiker für ein ausschließlich weißes Publikum**).
Nach einer Phase der ironischen Selbstverhöhnung begannen Weiterlesen

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Was Hunde wirklich wollen

betr.: „Roy & Al machen Männchen“ von Ralf König / Comic-Talk mit Hella von Sinnen

Gestern abend sah ich mir die Aufzeichnung der nächsten Folgen des Comic-Talk an und lernte wie üblich etwas dazu. Ralf Königs neues Buch ist aus der Perspektive zweier ungleicher Hunde erzählt. Obwohl Ralf mit Haustier über dem Klappentext abgebildet ist, hat er keinen Hund (und zumindest in den letzten 30 Jahren auch keinen gehabt). Nun kam die Frage auf, wie gut denn sein Einblick in die Hundeseele gelungen sei. Da gäbe es ein paar Unrichtigkeiten, meinte eine Dame aus der Runde, die sich mit sowas auskennt, aber das ist ja nicht weiter schlimm.
Hunde fühlten unentwegt etwas völlig anderes als wir uns das einbilden, die ganze sprichwörtliche „Freundschaft“ beruhe wenn schon nicht auf einem gewaltigen so doch auf vielen keinen Missverständnissen.
Die Gastgeberin wollte wissen, was es denn zu bedeuten habe, dass Hunde einander zur Begrüßung am Hintern schnüffeln. Das diene dazu, herauszufinden, wie alt der oder die jeweils andere sei. Es käme vor, dass ein schnuppernder Rüde das Interesse an der Hundedame sofort verliert, wenn er sich so informiert habe.
Ein irritierender Hinweis, der noch besser zu „Herz in der Hose“, einem früheren Buch des Meisters gepasst hätte.

Was gestern keine Erwähnung fand, mir aber wieder einfiel, ist eine andere Geschichte zum Thema „der Mensch, sein Hund und die Fantasie“. Wenn ein Hund den Postboten anbellt und der danach wieder geht, hält das der Hund für sein persönliches Verdienst. Kommt der Postbote am nächsten Tag wieder, ist das eine Frechheit, die sofort eine weitere Zurechtweisung erfordert. So stabilisiert sich von Anfang an eine solide Feindschaft zwischen zwei Wesen, die privat die besten Freunde sein könnten.

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Geschichte des Komiker-Handwerks (44)

betr.: Weibliche Comedians

Fortsetzung vom 7.9.2020

Die attraktive Joan Rivers war eine Art weibliches Gegenstück zu Woody Allen: mit dem Alltag im Allgemeinen und vom anderen Geschlecht im Besonderen restlos überfordert, verkörperte auch sie den neurotischen jüdischen Großstadt-Menschen (Rivers war Halbjüdin). Ihr immens beschwerlicher Weg an die Spitze – sie schaffte es schließlich, weil sie in der „Tonight Show“ für eine erkrankte Kollegin einspringen durfte – hatte sie ebensosehr auf die Schattenseiten des Lebens ausgerichtet wie eine Kindheit als fettleibige Außenseiterin. Auch wenn sie von ihrem „persönlichen Umfeld“ sprach, zeichnete sie mit Vorliebe Portraits lebensuntüchtiger Typen. Einmal verarbeitete Joan Rivers eine aufgelöste Verlobung gleich beim nächsten Auftritt in ihrem Programm, eine künstlerische Sublimation, die in diesem Maße nur in der Comedy möglich ist.

Doch wenn Frauen selfdeprecating Humor praktizieren, ist das nicht das Gleiche wie wenn Männer es tun.
Rivers, Phyllis Diller und Totie Fields, den drei populärsten weiblichen Stand-Up Comedians der 60er Jahre, wurde von Karen H. Stoddard in einer Fachpublikation der Vorwurf gemacht, mit ihrer Darstellung die vorherrschenden frauenfeindlichen Strukturen untermauert zu haben.
Später fanden sich auch Fürsprecher. Martin & Segrave lobten die Eisbrecher-Funktion, die diese Damen für jüngere Kolleginnen ausübten, auch für jene, die ganz andere Wege beschreiten wollten. Die selbstbewusste Lily Tomlin konnte Ende der 70er Jahre von ihrem Erfolg profitieren. In den 80er Jahren machte eine ganze Reihe von Komikerinnen Furore, etwa Gilda Radner, Carol Siskind, Elayne Boosler oder Sandra Bernhard*. Sie alle wurden noch von Whoopie Goldberg überstrahlt, die als Schwarze noch eine Reihe zusätzlicher Ressentiments zu überwinden hatte.
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* To her everlasting glory verewigt in … https://blog.montyarnold.de/2017/04/17/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-king-of-comedy/

Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“

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Satire – Das große Alles-Dürfen

betr.: Leserbriefseite SPIEGEL 36/20210: der Witz in Deutschland steckt in Schwierigkeiten

Die rhetorische Frage, was Satire darf, wird häufig gestellt. Dabei müsste zuvor etwas ganz anderes geklärt werden: ist die besagte Provokation eigentlich komisch? Wäre sie es nämlich nicht, hätten wir es nicht mit Satire, Comedy, Humor o.ä. zu tun sondern mit reiner Bosheit, mit einer unnützen Beleidigung. Einiges wurde in dem betreffenden Artikel nur deshalb untersucht, weil es üblicherweise in einem Kabarett-Format, in einem Comedy-Kontext an uns herankommt. Ansonsten käme vielfach niemand auf die Idee, es hier überhaupt mit einem Witz zu tun zu haben. Es ginge einfach als Gezeter durch, das kein Schwein zur Kenntnis nähme – besonders in Österreich, der Heimat der „umstrittenen“ „Comedienne“ Lisa Eckhart, wie mir ein Einheimischer kürzlich versicherte. Deren auf flotten Krawall hin konstruierte Texte mögen zuverlässig „Hört hört!“-Reaktionen auslösen, „Also sowas“-Rufe oder „Jetzt mach mal’n Punkt“-Reflexe, Zustimmung auf „Ho-Ho“, aber mit Lachen („lachen müssen“ wie es im Sprachgebrauch ja so schön heißt) haben die Geräusche im Saal wirklich nichts zu tun.
Wer die Freiheit der Satire in Anspruch nimmt, sollte erst einmal witzig sein! Auch wenn uns Frau Eckhart vormacht, dass man es offensichtlich nicht muss, um in unserer Humorgesellschaft Erfolg zu haben. 

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Rolltreppe ins Nichts

betr.: 52. Geburtstag von Dave Wasson

Vor fünf Jahren habe ich an dieser Stelle Dave Wasson zum Geburtstag und zur Erschaffung der Cartoon-Serie „Time Squad“ gratuliert. Meine Einordnung seiner Arbeit (ziemlich ganz oben) ist bis heute unverändert, immerhin kennt das Internet inzwischen sein Geburtsjahr.
Neue Arbeiten sind leider nicht aufzuspüren, was bei einem solchen Könner bedauerlich ist und nachdenklich stimmt.
Der Link zu seiner angeblichen Homepage führt zu einem ominösen Reklameportal. Immerhin ist er auf einer Branchenseite vertreten.

Wasson-Werk-Übersicht auf acemfilmworks.com

Da die Abwesenheit vom Medienzirkus ja für ihn selbst (wenn schon für darbende Fans wie mich) kein Unheil bedeuten muss, hoffe ich, Dave lässt sich heute angemessen feiern!

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (39)

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