Der Durchlauferhitzer

Zum Tode von Alfred Biolek

Als vor einigen Jahren die intime Gesprächssendung „Thadeusz“ eingestellt wurde, ging damit das feinste Talk-Format im deutschen Fernsehen zuende. Frank Tadeusz war nicht nur höflich zu seinen Gästen, er wusste auch über sie und ihre Arbeit bescheid, ohne dass es nach Recherche aussah. Die Schattenseite: saß einmal jemand da, den ich doof fand, machte mir auch die Integrität des Gastgebers keinen Spaß mehr.
Die große Kunst des freundlichen Talkers Alfred Biolek  bestand darin, dass jeder nur so gut aussah wie er wirklich war und nicht hübscher gemacht wurde. Bioleks zugewandte Liebenswürdigkeit wirkte fast im Geheimen. Als der Moderator für seinen allzumilden Umgang mit Helmut Kohl beschimpft wurde, hatte er lediglich unterlassen, was einerseits unmöglich und andererseits nicht seine Aufgabe gewesen wäre: den ewigen Kanzler irgendeiner Sache zu überführen. Weiterlesen

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Marvels Mandarin Mix Up (2)

Fortsetzung vom 27. November 2015

The deadly hands and fists of Kung Fu

Als der Comicautor Steve Engelhart und der Zeichner Jim Starlin 1973 sich auf einer (offensichtlich etwas müden) Party dem Fernseher zuwandten, brachte sie die ABC-Serie „Kung Fu“ auf die Idee, Marvel einen Martial Arts-Helden vorzuschlagen. Warum sollte sich der Trend, den der frühe Tod des Idols Bruce Lee zurückgelassen hatte, nicht auch im Comic ausschlachten lassen?
Das Ergebnis waren 125 Ausgaben von „Master Of Kung Fu“ um den humanistischen Gangster-Sohn Shang-Chi, gestaltet von Zeichnern wie Paul Gulacy, Mike Zeck und Jim Craig.

Es folgte ein monatliches Kung Fu-Magazin mit dem Titel „The Deadly Hands Of Kung Fu“, das der deutschen Taschenbuchausgabe der Comics seinen Namen gab. In diesem Magazin gab es redaktionelle Texte über Bruce Lee, seine Ursprünge und Epigonen sowie Klatsch aus der Kampfsportszene. Außerdem erschienen dort die Abenteuer der „Sons Of The Tiger“ und von „Iron Fist“, Shang-Chi war weiterhin mit dabei. Die Geschichten arbeiteten – wie bei Marvel üblich – mit langen Handlungssträngen und Cliffhangern.

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Comedy-Seminar, bevorstehende Präsentation

Zum Abschluss des Seminars „Geschichte der Comedy“ in der Schauspielschule Zerboni werden am Freitag eigene Vorträge erarbeitet und präsentiert.* Zur zuerst genannten Möglichkeit, einen Stand-Up-Monolog aufzuführen, bieten sich noch die folgenden Alternativen:

Monolog / eigener Stand-Up
Klassischer humoristischer Monolog
Parodie / Adaption eines klassischen Monologs
Song mit neuem Text / Melodie auf ein Gedicht
Sketch / kabarettistische Spielszene
Sketch mit Musik
Poetry
Parodie
Persiflage
Pantomime oder Choreographie (zur Musik)
Chanson-Vortrag klassisch oder Eigenkreation


Wir werden gemeinsam die Erfahrung machen, dass die Entwicklung eines hübschen Stücks Unterhaltung (unsere Vorfahren sprachen etwas uncharmant von einer „Einlage“) möglich ist, und diese beruhigende Gewissheit wird euch nie mehr verlassen!
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* Ich bitte die Teilnehmenden darum, dieses zu beachten: https://blog.montyarnold.de/2014/09/17/leitfaden-fuer-solokuenstler/https://blog.montyarnold.de/2014/09/17/leitfaden-fuer-solokuenstler/

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Comedy-Seminar – Einführende Worte

für die Schauspielschule Zerboni, München

Wenn bescheidene Künstler nach dem Geheimnis ihres Erfolges gefragt werden, geben sie gerne zu, dass Glück nicht unwichtig ist. Das gilt letztlich für jeden von uns, Künstler oder nicht. In der deutschen Comedy ist es ganz besonders wichtig. Begabung ist schön, aber nicht notwendig. Entscheidend für den kommerziellen Erfolg sind persönliche Beziehungen, förderlich ist ein gewisser Sex-Appeal zu Beginn der Karriere – umso mehr als die sozialen Medien hier eine immer wichtigere Rolle spielen.
Doch schon Anfang der 90er Jahre hat Hugo Egon Balder, ehemaliger Kabarettist und einer der beiden wichtigsten Entscheidungsträger des deutschen Comedy-Booms, ganz offen gesagt: „Gute Comedians findet man nicht auf der Bühne, man trifft sie auf Parties!“

Da sich solche Dinge pädagogisch nicht vermitteln lassen, wollen wir uns in unserem Seminar dem Thema Comedy auf fachliche Weise nähern. Beschäftigen werden uns historische Verläufe, die spannenden gesellschaftlichen Hintergründe, handwerkliche Grundlagen und vor allem: Inspiration. Möglicherweise wird ja nebenbei ein komisches Talent freigelegt, das sich nach dem Verlassen unserer Veranstaltung mit dem oben Genannten kombinieren lässt.

Die Auswahl des Materials orientiert sich am Kanon und wird immer dort subjektiv, wo ein Schatz zu heben (sprich: der Kanon zu erweitern) ist. Dass es bis vor relativ kurzer Zeit fast nur männliche Komiker und Humoristen gab (Warum ist das so?), spiegelt sich natürlich auch in der Auswahl der gezeigten historischen Beispiele. Eine Ausnahme erleben wir bei der 3. Präsentation zum Thema „Deutscher Humor“ (Gibt es den überhaupt?). Einer der Schwerpunkte wird hier das Kabarett-Chanson sein, das in seinen Anfängen und in seiner ersten Blütezeit in den 20er Jahren eine vornehmlich weibliche Angelegenheit war. Die Berufsbezeichnung lautete nicht etwa „Chansonnière“ sondern „Diseuse“, ein Begriff, für den es kein männliches Pendant gibt.

Bei alledem vergesst bitte nicht: „Aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher Furz!“ (Bayrische Spruchweisheit).

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Humor – Eine Frage des Standortes (2)

Fortsetzung vom 14.7.2021

Wer ein richtiger Kabarettist war, hätte eigentlich nach West-Berlin gehen müssen. In der Frontstadt war man dem Klassenfeind wie auch der Geschichte am nächsten. Das konnten natürlich nur Solisten tun. Damit wären wir wieder bei Wolfgang Neuss, der in den 60er Jahren rübermachte. Doch Berlin veränderte ihn. Der dortige Antikommunismus nahm ihm den Wind aus den Segeln. Neuss verschratete und verzottelte, haschte, ließ sich die Zähne ausfallen, wohnte auf einem kargen Fußboden und verachtete sein früheres Leben und seinen früheren Erfolg.
Nach Berlin zu ziehen, war damals überhaupt sehr angesagt, auch unter Privatleuten, die diese Maßnahme gern mit politischer Aufmüpfigkeit verbrämten. Besonders bei jungen Männern, die so der Wehrpflicht von der Schippe sprangen oder (etwa als Homosexuelle) in der westdeutschen Heimat Probleme mit dem biederen Landleben hatten. Berlins Ruf als angesagtes Pflaster war unter den damaligen Vorzeichen der deutschen Teilung ganz ähnlich wie heute. Man zog dorthin, um sein Leben aufzujazzen und seine alten Phantome und Furien loszuwerden. Viele kamen dort – Neuss nicht unähnlich – unter die Räder. Es reichte oft nur für Beendigungen: „Studium abgebrochen, Freundschaften abgebrochen, Fingernägel abgebrochen“ (Lisa Politt). Die Ausrede gab’s gratis: der Kiez hat mich kaputtgemacht.

In der Comedy der frühen 90er war Köln zunächst der Ort der Verheißung, das Arkadien, in das hinübersiedelte, wer es zu etwas bringen wollte (und nicht bereits im Ballungsgebiet wohnte). Sobald Berlin sich zu Hauptstadt und Regierungssitz mauserte, war seine Rolle als einzig wahrer Wohnort für die (Klein-)Kunst- und Medienschaffenden rasch wieder hergestellt. Als Thomas Hermanns gemeinsam mit seinem „Quatsch Comedy Club“ von Hamburg nach Berlin ging, folgte ihm ein gutes Dutzend hanseatischer Komiker. Sogar der Hausfotograf des Clubs zog ihm nach.

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Die Marvels wie sie wirklich waren: X-Men / Das X-Team (3)

Die X-Men (Fortsetzung vom 24.9.2019)

Nachspiel und Siegeszug

Obwohl mit Stan Lee, Jack Kirby, Jim Steranko und Roy Thomas hochkarätiges Personal an den Abenteuern der „X-Men“ gearbeitet hatte, war die Serie langsam versandet. Ab #66 wurden nur Wiederholungen gedruckt. Erst nach dem Ende des Silver Age sollte die Stunde der jungen Mutanten schlagen.
1975 schufen Autor Len Wein und Zeichner Dave Cockrum eine neue internationale Mannschaft. Zu ihr gehörten der deutsche Teleporter Nightcrawler, der russische Stahlmensch Colossus und die afrikanische Wettergöttin Storm. Zu einem Star sollte sich der virile Kanadier Wolverine entwickeln, den animalische Instinkte, ein Heilungsfaktor, Adamantium-Krallen und ein loses Mundwerk auszeichneten. Herb Trimpe hatte den Mutanten erstmals in „Hulk“ #180 gezeichnet. Obwohl ein Einzelgänger, mischte Wolverine in seiner Heimat bei „Alpha Flight“ mit und wurde später ins Team der X-Men integriert.

Der Autor Chris Claremont ließ die Truppe mit Hilfe des Zeichners John Byrne für Jahre zur beliebtesten Marvel Heftreihe werden. Die Stories „Dark Phoenix Saga“ und „Days Of Future Past“ gelten als Meisterwerke dieser Phase. Jim Lees „X-Men #1 (Vol. 2)“ wurde 1992 mit über fünf Millionen Heften zum meistverkauften Comic aller Zeiten.
Dieser Erfolg trug maßgeblich dazu bei, dass man nach den missglückten Adaptionsversuchen in den 70er und frühen 90er Jahren mit „Spider-Man“ und „The Fantastic Four“ die „X-Men“ als Realfilm ins Kino brachte. Das war im Jahre 2000 und startete die heutige Flut von Marvel-Verfilmungen.

Die Comics erregten im Jahre 2012 noch einmal ein gewisses Aufsehen, als in „Astonishing X-Men“ #51 ein homosexuelles Paar aus dem Umfeld des Mutanten Northstar in New York heiratete, obwohl die gleichgeschlechtliche Ehe noch längst nicht in allen Bundestaaten möglich war.

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Humor – Eine Frage des Standortes (1)

Das ungeschriebene Gesetz, Kabarett müsse selbst verfasst sein, wurde von Wolfgang Neuss auf zweierlei Weise missachtet. Wenn nicht Kollegen wie Volker Ludwig, Jens Gerlach oder Horst Tomayer für ihn schrieben, klaute er sich eben was zusammen. Wobei ihm Hochachtung dafür gezollt wurde, wie gut er es schaffte sich dieses Material zueigen zu machen („einzuneussen“). Jedenfalls unter den Kollegen (das Publikum erfuhr es nicht). … Zumindest sagten das die Beklauten nach Neuss‘ Tod.
In den Anfängen der Comedy galt diese Regel ebenfalls: auch abseits politischer Botschaften stand der Comedian zu dem, was er erzählte, sprach tatsächlich über sein Umfeld, seinen Alltag, seine Freundin.
Erst nach und nach leistete man sich fremde Autoren. Die Vorbilder aus Amerika machten es schließlich schon immer so. Dort galt seit alters her die Regel, dass man ab einer gewissen Frequenz auf gekauftes Material gar nicht verzichten kann, will man seine Qualität nicht gefährden.

Es gibt noch mehr Parallelen zwischen Kabarett und Comedy: die Existenz einer Hochburg, in der sich niederzulassen als eine Art Verpflichtung gilt.
In der frühen Bonner Republik galt der Standort des „Düsseldorfer Kom(m)ödchen“ zunächst als etwas unglücklich, weil er so nah an der damaligen Hauptstadt lag, dass die Politiker gern mal rüberkamen, um sich ins Publikum zu setzen und Applaus von der falschen Seite zu spenden. Doch auch die entlegenere „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ wurde bald von diesem Problem eingeholt. Ihre TV-Präsenz und –Prominenz brachte es mit sich. (Die onkelhaft „über sich selbst lachenden“ Politikergesichter im Publikum sind auf den Mitschnitten der alten Silvestershows verewigt.)

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Der unbekannte Bekannte

Auf Andi*s Facebookseite ist immer schönes Wetter. Meistens ist er draußen und in hipper, deutlich jüngerer Gesellschaft. Da es sich bei allen Fotos um Selfies handelt, befindet er sich stets rechts im Bild, ein klein wenig nach unten versetzt. Dass auch seine Miene (und die der wechselnden Übrigen) jedesmal die gleiche ist, hat einen eigenartigen Effekt, wenn man sich länger auf der Seite umsieht.
Immer häufiger beschleichen mich beim Besuch seines Profils ein paar Gefühle, die ich nicht unter Kontrolle habe. So ertappe ich mich bei folgender Vision: Ich bin bei der Mordkommission einer coolen Stadt, Miami zum Beispiel. Und Andi ist umgebracht worden. Noch tappen wir hinsichtlich Täter und Motiv im Dunkeln. Es existieren keine persönlichen Aufzeichnungen des Opfers, nur diese Facebook-Seite. Und nun soll ich versuchen, mir ein Bild von diesem Menschen zu machen.
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* Name von der Redaktion geändert

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Tierhaargespräche

gerfährt von Monty Arnold

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