Die Marvels wie sie wirklich waren: Thor (1)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Der mächtige Thor
von Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

Thor Williams #1Die erste Thor-Ausgabe des Williams Verlags. Das Titelbild zeigt eine nicht verwendete Variante. Beim US-Original (Journey Into Mystery # 83) sind es etwa ein halbes Dutzend Steinmonster weniger. Das Cover zur enthaltenen Story (JIM # 158) hatte in den USA ein völlig anderes Motiv.

Wer konnte noch mächtiger, noch gewaltiger sein als die Superhelden, die Stan Lee und Jack Kirby bisher erschaffen hatten? Die Antwort liegt auf der Hand – ein Gott! Die Marvel-Macher entschieden sich gegen den Olymp und zugunsten des nordischen Götterreichs Asgard. Eine Story wurde ersonnen, in der ein gehbehinderter amerikanischer Arzt während eines Urlaubs in Norwegen in einer verlassenen Höhle einen alten Ast findet, der ihm fortan als Krücke dienen soll. Beim Versuch, sich wieder aus der Höhle zu befreien, schlägt Dr. Don Blake verzweifelt mit dem Ast gegen einen Felsen, der ihm den Ausgang versperrt. Das Stück Holz wird zum magischen Hammer und der schmächtige Blake verwandelt sich in den mächtigen Thor, den nordischen Gott des Donners. Der Rest ist Geschichte …*

Während sich Dr. Blake nicht einmal traut, seiner Assistentin Jane Foster seine Liebe zu gestehen, bekämpft sein Alter Ego alle möglichen Schurken und bösen Mächte, als wären die nichts. Erst später soll sich herausstellen, dass Göttervater Odin selbst es war, der Weiterlesen

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Vertriebener ohne Verband

Kurz nach meinem fünften Geburtstag schaffte man mich vom Niederrhein, an den ich kaum Kindheitserinnerungen habe, ins Saarland. Da meine Eltern mich begleiteten, nenne ich das Ganze heute gern „Helikopter-Kinderlandverschickung“. Angeblich erfolgte unser Umzug in die südwestdeutsche Hochburg der Kohle- und Stahlindustrie wegen meiner schwachen Lunge. (Ich war also offiziell selbst schuld.) Wir ließen uns in einem winzigen Dorf nieder, in dem die Familie meines Vaters lebte. Dort gingen die Uhren anders, das spürte ich sofort. Der Pfarrer („de Baschdoa“) war die höchstgeachtete Person im Ort, und mein Leben und das meiner Geschwister spielte sich zunächst in der Kate unserer Großmutter ab. Dort gab es zwar schon einen modischen Ölofen, aber die einzige (nicht beheizbare) Toilette war nur durch einen gruseligen, salpeterbehangenen Keller zu erreichen. Während in Mönchengladbach die Leute bereits mit langen Haaren und in Schlaghosen herumliefen, erinnerte mich das Erscheinungsbild  meiner neuen Umgebung eher an die Zeichnungen von Wilhelm-Busch. Hier war die Tradition noch lebendig, nach der die Kinder die Klamotten ihrer älteren Geschwister und diese die ihrer Eltern aufzutragen hatten.

Saarszenen-Busch
Szenen aus dem Saarland (um 1972)

Mit ihrer typischen Attitüde eines beständig schlechten Gewissens erklärte mir meine Mutter oft, dies sei der wundervollste Ort der Welt, und auf dem Dorf sei es generell viel schöner als in der Stadt.
Wie lange ich bereit war, dieser Mär auf den Leim zu gehen, wurde mir bewusst, als ich etwa zwölf Jahre später begann, eine Bühnenlaufbahn anzustreben. Obwohl meine Mutter unsere dörfliche Kirchenorgel spielte, mochte sie mich ungern bei meinem ersten Auftritt am Klavier begleiten (einem weniger komplizierten Tasteninstrument).
Aber wen konnte man stattdessen darum bitten? Weiterlesen

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Schirme aufspannen!

Kürzlich ermunterte mich ein Freund, ihn zu einem Stummfilmabend mit Live-Musik zu begleiten. Gegeben wurden Laurel und Hardy, der aufspielende Pianist mit dem melodischen Adelstitel wurde mir als große Nummer dieser kleinen, feinen Nischenkunst angekündigt.
Dass auf dem Begrüßungsdia im Saal der weiter unten stehende Name der Komiker falsch geschrieben war, schreckte in mir ein ironisches Misstrauen auf. Was dann tatsächlich zur Aufführung kam, übertraf meine grausigsten Befürchtungen. Weiterlesen

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Die Outtakes von Ralf König (143): Studie „Ungeile Typen“

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Je weniger realistisch ein Comic gezeichnet ist, desto größer ist – im Gelingensfalle – die darin enthaltene Kunst, mit wenigen verknappenden Strichen eine Emotion beim Betrachter auszulösen. In den Comics von Ralf König spielt – naturgemäß – körperliche Attraktion eine große Rolle. Ehe wir uns beim nächsten Mal den aufregenden Exemplaren zuwenden, werfen wir heute einen Blick auf die „Trinen“. Sie sind nicht leicht zu zeichnen, haben aber den Vorzug, dass sich garantiert niemand portraitiert bzw. angegriffen fühlt.

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Fortsetzung folgtCopyright by Ralf König

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Oma 100

betr.: die saarländische Mentalität / Demografischer Wandel

Ich habe gelesen, dass besonders gesunde, robuste Menschen ab einem bestimmten Lebensalter – wohl irgendwann nach 80, 85 –  nicht mehr weiteraltern, sondern in eine Art lebendiges Mumienstadium übergehen. Wie eine eingetrocknete Blüte in einem Herbarium, die noch immer jeden Morgen ihren Kelch öffnet.
Meine Großmutter väterlicherseits war so ein unverwüstliches Exemplar.
In ihren 90ern hatte sie hin und wieder keine Lust mehr. Dann erklärte sie ihren Angehörigen, es gehe mit ihr zuende. Sie legte sie sich ins Bett, setzte ein Gesicht auf, das sie für eine Leichenmiene hielt, und dachte, sie müsse nur stillhalten, dann würde der Herr sie schon zu sich rufen.
Nun war sie aber so stabil, dass der Herr nichts dergleichen tat.
Nach ein paar Tagen wurde ihr langweilig, und sie stand wieder auf. Ihrer Familie erklärte sie dann: „Isch läwe nummo nou!“ („Ich lebe wieder neu!“) und nahm den Alltag wieder auf.
So machte sie das von Zeit zu Zeit, und niemand nahm die Sache sonderlich ernst.

Oma muss 97 gewesen sein, da Weiterlesen

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Das große „Captain Marvel“-Schmähbuch

betr.: die „Captain Marvel Anthologie“ von Panini

Als Leser der „Captain Marvel Anthologie“ sollte man kein allzugroßer Fan von „Captain Marvel“ sein. Die zuständige Redaktion ist es jedenfalls nicht.

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„Captain Marvel – zwischen den Sternen“ ist offensichtlich ein Begleitbuch für die anlaufende Filmreihe mit Brie Larson in der Hauptrolle, tut aber auch so, als wolle es die wichtigsten Kapitel in der wechselvollen Geschichte dieses Helden-Charakters* noch- oder erstmals zugänglich machen. Vor jedes darin nachgedruckte Heft – das erste erschien auf dem Höhepunkt von Marvels Silver Age – wurde ein kundiger Artikel gesetzt. Gemeinsam mit den Stories wollen diese Texte einen roten Faden von „The Coming Of Captain Marvel“ (1967)** in die Gegenwart spinnen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn die Auswahl der Geschichten strotzt nur so vor Desinteresse am Thema des Bandes, „den PANINI extra für den europäischen Markt zusammengestellt hat“. Weiterlesen

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Die Marvels wie sie wirklich waren: Der unglaubliche Hulk (2)

Unglaublich aber … Hulk! (Fortsetzung vom 8. Februar 2019)
von Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

Vermächtnis der Raumfahrer_S.1
Eröffnungsseite aus Hit Comics Nr. 143 (Hulk # 110). Nach Marie Severin war Herb Trimpe lange Zeit “federführend”. Während Williams die niedrigeren Hulk-Nummern aus „Tales To Astonish“ chronologisch veröffentlichte, erschienen die späteren, sowie die Abenteuer nach der Serien-Aufsplittung (Incredible Hulk ab # 102 / Sub-Mariner ab # 1) fast ausschließlich beim bsv und in den Taschenbüchern bzw. Alben von Condor.

„Hulk essen!“ – Platzsparender Satzbau

Der Condor Verlag ließ den Hulk 1979 mit eigener Album-Reihe gefolgt vom Taschenbuch auferstehen. Zwar hatte er noch zu Williams-Schlusszeiten Auftritte bei den FV, Spinne und den Rächern, doch die waren jeweils nur von kurzer Dauer. Obwohl man bei Condor keinesfalls von einer vorbildlichen Edition sprechen konnte, schaffte es der Verlag die Figur zu etablieren und vorhandene Lücken zu schließen (z.B. „Hulk“ # 3, 5, 6 und Annual # 1). Interessant dabei ist die Sprache des Hulk, der perfekt in die heutige Zeit von Kurzmitteilungen (SMS) und Neudeutsch, Weiterlesen

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Peter und Thomas

betr.: 30. Todestag von Thomas Bernhard

Der Herrgott muß a Weaner sein,
dabei gibt’s nix zu lachen,
er hat erfunden d’Liab und ‘n Wein,
und andere schöne Sachen.                                         (Wienerlied, 19. Jahrhundert)

Der Tod, das muss ein Wiener sein.                          (Georg Kreisler, Nachkriegszeit)

Entgegen seiner stets offen zur Schau gestellten Zentralbotschaft, dass er nicht nur die Gegenwart von Menschen unerträglich finde, sondern vor allem die Menschen an sich, wird er heute geliebt und gefeiert. Besonders in Österreich, das er stets zum Zentrum seines Weltekels gemacht hat. Da rundet sich das Bild: große Kultur-Österreicher sind immer auch große Österreich-Hasser. Das ist zumindest seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs so, wenn mich meine eigene biografische Froschperspektive nicht täuscht.

Ich lag auch auf dieser Line, aber zunächst habe ich er nicht bemerkt, bin ich doch mit einer ganz anderen Art von Österreicher aufgewachsen.
Das Phänomen Peter Alexander war eine Säule in der Popkultur der jungen Bundesrepublik, und rückblickend betrachtet war dieser Entertainer der einzige junge Ösi, der keinen Hang zur Nestbeschmutzung hatte. Entsprechend heiß wurde
er von meinen Landsleuten verehrt (die sich ja nicht lange zuvor ganz gerne von einem Österreicher hatten regieren lassen). Weiterlesen

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Wie man ein Dialogbuch schreibt (9)

Es ist allgemein bekannt, dass man für ein und die selbe Aussage im Deutschen mehr Silben braucht als im Englischen. Der Übersetzer Harry Rowohlt, der ein Dialogbuch verfasste und diesen Job dann als „elende Schinderei“ nicht weiter verfolgen wollte, sprach von „16 bis 34%“ Zuwachs.
Sind die sprechenden Personen im Bild – also nicht im Off (außerhalb des Bildes) oder im Conter (im Bild, aber mit verdeckter Mundpartie) – muss sich der Autor der deutschen Synchronfassung für eine Methode entscheiden, um die hinzukommenden Silben irgendwie einzusparen oder sie leicht versetzt an anderer Stelle unterzubringen.

Die eleganteste Methode ist: man verknappt die Sache sinngemäß, lässt Redundantes weg und nutzt zum Beispiel „äh“s und das im Amerikanischen allgegenwärtige „well“, um stattdessen inhaltlich zu werden.
Leider wird diese Variante häufig zurückgewiesen, weil die Redaktion / Produktion es sich leicht macht und nach der Devise verfährt: alles muss rein!
Dann bleibt dem Autor nichts anderes übrig, als mehr Text in den Dialog zu packen und die Sprecher schneller reden zu lassen. Das ist der Grund, warum deutsch synchronisierte Szenen – vor allem in Sitcoms – oftmals so geschwätzig wirken.

Hier sind ein paar besonders hübsche Beispiele für die unterschiedliche Textmenge des Englischen gegenüber dem Deutschen:

need or not
ob man es braucht oder nicht Weiterlesen

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Die Outtakes von Ralf König (142): Nahaufnahme

Ralf König zeichnet im selben Format, das wir auch in seinen Büchern sehen – eine Methode, die sich einerseits aus der Praxis der ersten jugendlichen Kritzeleien erhalten hat und die andererseits die Arbeit nicht leichter macht. (Man stelle sich vor, eine Seite aus einem „Lustigen Taschenbuch“ 1:1 abzuzeichnen …) Diese Gewohnheit hängt auch mit den Stiften zusammen, die Ralf benutzt, sogenannte Fineliner, die bei unterschiedlichem Druck die Strichstärke geringfügig verändern. Sie tun das übrigens nur für kurze Zeit. Die Stifte dürfen weder zu neu noch zu abgenutzt sein.

In Youth Is Pleasure 1

Wenn in seinen Comics Großaufnahmen zu sehen sind, sind sie in aller Regel per Fotokopie vergrößert, was man am kräftigeren Strich erkennen kann. Dies ist eine nicht vergrößerte Detail-Abbildung, bei der Ralf mit einem anderen Arbeitsgerät experimentiert hat. Weiterlesen

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