Es regnet

betr.: das Wetter von heute / faules Arbeiten bei der Schulbuch-Illustration

Bei diesem Wetter muss ich zuweilen an meinen Französischunterricht in der Realschule zurückdenken.* Die Lektion hieß „Sur les grands boulevards“. Bei diesem Thema hätte der ohnehin nicht sonderlich motivierte Illustrator unseres Lehrbuchs eigentlich viele Menschen zeichnen müssen, die auf der Pariser Prachtstraße herumwuselten. Er umging diese Verlegenheit, indem er die Lektion an einem Regentag spielen ließ: „La rue est grise et triste.“ Einzig die Familie Leroc war an diesem Tag unterwegs (und zwar die ganze Familie). Ansonsten: Regentropfen (also diagonales Gestrichel) und eine Häuserfassade – Fertig.
Während ich damals so bei mir dachte: „Sieh sich einer diesen Wicht von einem Zeichner an! Nicht nur unbegabt, sondern auch noch faul dazu!“ (was ich nicht zurücknehmen möchte), fällt mir heute auf, dass mir dieses Bild im Gedächtnis geblieben ist: die wackere kleine Französischbuch-Helden-Familie allein auf dem dröge-feuchten Boulevard. Was suchte sie dort? …
Die Zeichnung hatte Atmosphäre. Ich bin ein bisschen traurig, dass ich sie nicht ausgeschnitten habe.
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* Näheres zu diesen aussichtslosen Bemühungen unter

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Wer macht Dada?

betr.: 94. Todestag von Hugo Ball

Der Dadaismus ist eine Kabarettströmung, die noch immer gepflegt wird, ohne dass sich ihre Heroen absichtlich dazu entschließen oder sich notwendigerweise dessen bewusst zu sein. Ich würde Helge Schneider als ihren konsequentesten und witzigsten Vertreter bezeichnen, Rainald Grebe als einen weiteren. Wenn ich etwas für Wigald Boning übrig hätte, würde ich ihn wohl auch dazurechnen.
Fest steht: die Gründungsfeier dieser Kunst war die Eröffnung des „Cabaret Voltaire“ in Zürich durch den in die Schweiz emigrierten deutschen Dichter und Regisseur Hugo Ball am 5. Februar 1916, der Name für das neue Phänomen war aber noch nicht gefunden. Das Lokal sollte zunächst einfach ein Treffpunkt für Gleichgesinnte sein, für Intellektuelle, die etwas zum Programm beitragen konnten. Am Morgen nach dem Ereignis notierte Hugo Ball: „Das Lokal war überfüllt. Viele konnten keinen Platz mehr finden. Gegen sechs Uhr abends, als man noch fleißig hämmerte und futuristische Plakate anbrachte, erschien eine orientalisch aussehende Deputation von vier Männlein, Mappen und Bilder unter dem Arm, vielmals diskret sich verbeugend. Es stellen sich vor: Marcel Janco, der Maler, Tristan Tzara, Georges Janco und ein vierter Herr, dessen Name mir entging. Arp war zufällig auch da, und man verständigte sich ohne viel Worte.“ Wenige Tage später kam Richard Huelsenbeck aus Berlin auf der Flucht vor dem drohenden Einberufungsbefehl dazu. Er rezitierte Texte und schlug dazu die Trommel. Der Bildhauer Hans Arp erinnerte sich später: „Das Publikum um uns schreit, lacht und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Wir antworten darauf mit Liebesseufzern, mit Rülpsen, mit Gedichten. Huelsenbeck schlägt unaufhörlich die Pauke, während Ball, kreideweiß wie ein gediegenes Gespenst, ihn am Klavier begleitet.“
„Ein undefinierbarer Rausch hat sich aller bemächtigt“, freute sich Hugo Ball. „Das kleine Kabarett droht aus den Fugen zu gehen und wird zum Tummelplatz Verrückter.“ Zur neuen Strömung hier nur noch so viel: „Indem man Dada sagte, sollte alles Nette und Adrette, alles Gezierte und Vermoralisierte verschwinden!“

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Die Hölle der Drittprominenz, A. D. 1848

betr.: 173. Jahrestag des Arbeitsunfalls von Phineas Cage

Der fabelhaft aussehende Einäugige auf dem historischen Foto trägt keine Augenklappe, er posiert mit einer Eisenstange. Das Bild aus dem Privatbesitz des Abgebildeten Phineas Cage tauchte im Jahre 2009, 149 Jahre nach seinem Tode, wieder auf und brachte die Hirnforscher völlig aus dem Häuschen.
Cage war als Vorarbeiter beim Eisenbahnbau in Vermont verunglückt: bei der Vorbereitung einer Sprengung hatte ihm eine 3 cm dicke und 109 cm lange Eisenstange unterhalb des linken Jochbeins den Schädel durchstoßen. Cage überlebte nicht nur wundersamerweise, er blieb sogar bei Bewusstsein. Innerhalb weniger Wochen erholte er sich weitgehend: Intelligenz, Gedächtnis und Geschicklichkeit waren unbeeinträchtigt. Was er verlor, waren sein linkes Auge und seine Persönlichkeit. Aus dem als sympathisch und gewissenhaft beschriebenen Kollegen wurde ein jähzorniger Widerling. Cage wurde außerdem kurzzeitig prominent – als Gegenstand der Hirnforschung – und landete danach offensichtlich beim Tingeltangel. Das aufgetauchte Foto wird allgemein so gedeutet, dass er sich als Attraktion zur Schau gestellt hat. Das geschah zur damaligen Zeit in fahrenden Freak-Shows. 

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Pfeifregister, letztes Loch

betr.: 99. Geburtstag von Yma Sumac

Die Konsequenz, mit der sich die Kino-Diven Greta Garbo und (mit einem Moment der Schwäche) Marlene Dietrich der Öffentlichkeit entzogen haben, fand ich seinerzeit ein wenig übertrieben. Das war weniger Voyeurismus als Vielmehr der Wunsch, die Damen zu ihren späten Lebzeiten noch einmal wiederzusehen (besonders im Fall von Marlene).
Die komplexen Gründe für einen solchen Rückzug konnte ich noch nicht begreifen: dass große Künstler beiderlei Geschlechts im Alter nicht nur verändert aussehen, sondern sich auch anders bewegen und verhalten. Dass sie außerdem anders klingen. Und dass sie beides nicht immer unter Kontrolle haben. Ich lernte es dann auf die harte Tour, als der Auftritt der greisen Zarah Leander – die auch sonst nicht öffentlichkeitsscheu war – in einer Wiederholung von der Berliner Funkausstellung 1975 im Fernsehen kam: ein ebenso grauenvolles wie unvergessliches Ereignis.
Ein paar Nummern kleiner fiel meine letzte Begegnung mit dem mexikanischen Stimmwunder Yma Sumac aus.

Anders als die Leander hat sie durchaus versucht, sich weiterhin so zu bewegen und zu verhalten wie in ihrer Glanzzeit – freilich mit verkürzten und weniger wohlkehligen Oktaven, aber in unvermindert rassig-leidenschaftlichen Verführungsposen, die bei älteren Damen allenfalls dann sympathisch wirken, wenn diese nach mehreren Likörchen vom plötzlichen Auflegen einer Milva-Platte überrascht werden – in privater Runde also. Frau Sumac jedoch wurde in dieser Situation vom Norddeutschen Fernsehen (N3) übertragen. Es war Mitte der 90er Jahre.
Die Sängerin arbeitete sich durch einen ersten Song, dann ließ sie sich vom Moderator begrüßen und kündigte einen zweiten an: ein Schlummerlied, bei dem sie nun ein imaginäres Kind in den Armen wiegen würde. Ihr ohnehin strenger Gesichtsausdruck – der uns wohl sagen wollte: das ist eine ernste Sache, was ich hier mache, und das kann nicht jeder (was ja beides stimmt) – verfinsterte sich nochmals, als sie der Band zum Einsatz einen ruckartigen Blick zuwarf. Nach wenigen Tönen brach sie ihren Vortrag ab, und ihre Miene wurde nun weich, beinahe privat. Nein, nein, das ginge nicht, sagte sie in die Stille des ergeben lauschenden Auditoriums hinein. Eine Zuschauerin habe gelacht. So könne sie nicht arbeiten, sie müsse nun abbrechen. Sumac ließ sich noch einmal bitten und ging ab.
Reflexhaft setzte sich mein emotionaler Aufräumdienst in Bewegung. Ich versuchte, Verständnis für dieses Betragen zu generieren. Sah das Bühnenbild (die nachgemalte Innenwand einer aztekischen Stufenpyramide) nicht doch ein wenig imperialistisch aus? War der Gastgeber der Sendung nicht etwas unwürdig gekleidet (Corny Littmann, der seinen einstigen Aktivismus nun zur besten Sendezeit in betont alberner Aufmachung auslebte)? Und dass die Reeperbahn, von wo das Ereignis übertragen wurde, keine reine Bums-Meile mehr war, sondern gerade eine Wiedergeburt als nationaler Entertainment-Hotspot erlebte, hat die von weit angereiste Sängerin ja nicht wissen können …
Es half nichts. Mein Verständnis ist ausgeblieben.

P.S.: Abbrechen ist nicht gleich Abbrechen. Helge Schneider hat kürzlich aus ganz anderen Gründen einen Auftritt vorzeitig beendet und dies vor wenigen Tagen bei „maischberger. die woche“ erläutert. Er hat mein vollstes Verständnis.

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An den Fingern abgezählt

betr.: Anatomie in der Trickfilmwelt

Seit den frühen Tagen des Trickfilms ist es üblich, dass Cartoonfiguren nur vier Finger haben. Bei anfänglich 24, nach 1939 immerhin 12 Einzelbildern pro Sekunde kann man sich die Gründe gut vorstellen.

Wie dieses sehr frühe Standbild beweist, hatte die Begrenzung auf vier Finger pro Hand neben der Senkung der Herstellungskosten auch kosmetische Gründe. Außerdem wollte man den Kunstgeschöpfen vielleicht einfach den Alltag erleichtern.

Die Comics übernahmen diese Regel, und auch wenn es um menschliche Wesen geht – wie etwa bei den Figuren von Ralf König – wird sie meistens befolgt.
Als die Macher der Mainzelmännchen einmal gefragt wurden, wie es sich denn mit den Zehen* der kleinen Helden verhielte, gaben sie die kecke, aber unaufrichtige Antwort, Hihi, das wüssten sie selber nicht. In der Tat gingen die Mainzelmännchen auch schon mal baden oder liefen im Schlafanzug herum, und dann waren die vier Zehen an jedem Füßchen gut zu sehen.
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* Komplizierter ist bei der Frage „Wie viele Zehen hat der Hulk?“ Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2019/02/13/der-unglaubliche-hulk-2/

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„Museumsführung“

Hier kommt mal wieder ein alter Monolog aus einem der versunkenen Solo-Programme. „Vernissage“ hieß er damals im Programmablauf, was gar nicht korrekt ist, denn der Sprechende ich ein Museumsführer, der diese Sache schon tausendmal erzählt hat. „Bilder einer Ausstellung“ wäre theoretisch in Ordnung gegangen. Der Text stammt aus dem Herbst 1988, mein Saarbrücker Abschiedsprogramm mit dem Titel „All That Arnold“. Ich hatte sogar ein Jazz-Trio an meiner Seite!

… und hier, meine Damen und Herren, sehen Sie ein Spätwerk des kürzlich verstorbenen französischen Künstlers Guillaume Pélépain-Lacaze: „Bildnis einer sitzenden Gouvernante“. Bitte, beachten Sie die feine Pinselführung gerade in den kraftvollen Passagen der unteren Gesichtshälfte. Weiterlesen

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Erlesene Vielfalt

aus dem gleichnamigen Buch von Susanne Homann

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Technicolor für die Ohren – Die Kunstkopf-Stereophonie (3/3)

Fortsetzung vom 5.9.2021

Ein anderer Mangel ist inzwischen längst überwunden. Die frühen Kunstkopf-Aufnahmen klingen mangelhaft, wenn man sie am Lautsprecher hört („sub-optimal“, wie man heute sagen würde): ihr Klang ist hohl, und sie wirken untersteuert. Man vergleiche „Demolition“ oder diese Aufnahme von einem Kunstkopf-Live-Album des Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch …

„Kunstkopf, nicht Kindskopf“ aus „Nachtvorstellung“, Hamburger Schauspielhaus 1976

… mit diesem Trailer zu einem erratischen Beitrag von 2013.

Radiotrailer für das Kunstkopf-Hörspiel „Der Kauf“ von Paul Plamper.*

Wer eines der späten Kunstkopf-Hörspiele am Lautsprecher verfolgt, verpasst zwar den grandiosen Effekt, hat aber darüberhinaus ein ungetrübtes Hörerlebnis.

Die Kunstkopf-Produktionen gingen mehr und mehr zurück. Heute kann mit dem Begriff, selbst auf den Fluren der Funkhäuser, kaum noch jemand etwas anfangen.
In den 90er Jahren entstanden so viele Titel wie im ersten Jahr nach der Einführung. Die letzten versprengten Produktionen hatten häufig Performancecharakter, es war viel vom „Stadtraum“ die Rede, in den etwas gesetzt werde, von „Aktionen“, von Projekten mit gesellschaftspoltischer Relevanz. Dabei würde jede Erzählung vom klassisch erzählten Kammerspiel bis zur phantastischen Geschichte von diesen klanglichen Vorzügen profitieren.  Dann verschwand der „augenlose Kopf“ vollständig aus den Hörspielstudios. Zum Glück wurde er nicht verschrottet wie die die Bandmaschinen und die alten Mikrofone. Es ist theoretisch möglich, ihn wieder herauszusuchen.  
Zumal sich die Rezeptionsbedingungen in den letzten 50 Jahren gewaltig verändert haben. Die Nutzung von Kopfhörern ist in unserer Zeit der mobilen Abspielgeräte, die auch auf Mediatheken zugreifen können, nicht mehr die Ausnahme, sondern der Regelfall.
Andererseits ist unsere Produktionsmentalität heute von jenem frühen Morgen in Zehlendorf denkbar weit entfernt. An eine „ökonomische“ Arbeitsweise wie sie mittlerweile bei Hörspiel-Aufnahmen für Tonträger üblich ist – das auch im Synchron geläufige „Ixen“ einzelner Sprecher, die erst später zusammengemischt werden, die Möglichkeit, einzelne Sprecher auszutauschen weil einer der zahlreichen Mitverantwortlichen es wünscht, das Mogeln, um einzelne Fehlleistungen zu retuschieren … – ist bei einer Kunstkopf-Produktion von vorneherein ausgeschlossen.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2021/06/30/paul-plamper-der-kauf/

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Technicolor für die Ohren – Die Kunstkopf-Stereophonie (2/3)

Fortsetzung vom 3.9.2021

In den Hörspielredaktionen war man Anfang der 70er Jahre von diesem Qualitätssprung hellauf begeistert, der vom Konsumenten mit gewöhnlichen Kopfhörern genossen werden konnte. Der Hörspielregisseur Ulrich Gerhardt (Leiter der Abteilung Wortproduktion beim RIAS Berlin 1970-80) war es, der der neuen Technik den Weg in die Rundfunksender ebnete. Zur Präsentation auf der Berliner Funkausstellung 1973 und zur Ausstrahlung auf RIAS, BR und WDR wurde der amerikanische Science-Fiction-Krimi „Demolition“ als erstes Kunstkopf-Hörspiel weltweit aufbereitet. Alfred Besters zugrundeliegender Roman „The Demolished Man“ von 1953 spielt im 24. Jahrhundert: Telepathie wird zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt, und die beiden letzten Wirtschaftsimperien des Sonnensystems bekriegen sich. Das Hörspiel hatte nicht nur die abendfüllende Länge von 100 Minuten (üblich sind maximal 55 Minuten, um problemlos ins Sendeschema zu passen), seine Besetzung wartete auch mit einigen der beliebtesten Synchronsprecher auf:  Gert Günther Hoffmann, Arnold Marquis und Friedrich W. Bauschulte.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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