Mit Miss Marple in Dänemark

betr.: 12. Todestag von Ron Goodwin

“Miss Marple’s Theme” ist das bei uns beliebteste instrumentale Filmmotiv neben “Paulchen Panther” und dem “Dritten Mann”. Gewisse Musikfreunde unterstellen bzw. verübeln ihm eine  Ähnlichkeit mit Mozarts „Rondo A-Dur“ (KV 386), unzählige Musiker nutzen es für pupsige Plagiate (so Otto M. Schwarz für die Serie “Agathe kanns nicht lassen”), Techno-Songs (Scooter in “Back In The U.K.”) oder gekonnte Nachdichtungen (John Williams in “Family Plot”).*

1994 hatte ich die Freude, Ronald Alfred Goodwin, den Komponisten dieses Klassikers, persönlich kennenzulernen. Das kam so: in meiner Lehrzeit hatte ich – traurig darüber, dass es den “Miss Marple”-Soundtrack nicht zu kaufen gab – mit meiner Tonbandmaschine die Musikpassagen aus den fünf Filmen mit Margaret Rutherford herauskopiert und zu einer Suite zusammenmontiert, immerhin 42 Minuten fast ohne Dialog. Über den Filmmusikhändler und -spezialisten Richard Kummerfeldt kam die Aufnahme dem Komponisten zu Ohren. Der konnte sich über diesen seltsamen Deutschen, der “nichts Besseres zu tun hatte”, nur wundern – eine so abfällige Haltung gegenüber dem eigenen Werk war in jener Generation von Soundtrack-Schreibern weit verbreitet. Doch anstatt ihm zuzustimmen, begannen alle sofort, die Melodie nachzusingen. Das überraschte Goodwin und machte ihm bewußt, wie populär und unvergessen sie ist. Und er hatte keine Antwort auf die nun häufig gestellte Frage: warum gibt es bis heute keine Platte davon?
Ron Goodwin plante zu diesem Zeitpunkt, eine weitere Aufnahme von “Where Eagles Dare” mit dem Odense Symphony Orchestra einzuspielen – wohl die dritte oder vierte Veröffentlichung dieser Musik. Er änderte die Dispo und nahm stattdessen eine 22minütige Suite für die CD “The Miss Marple Films” auf. Weiterhin waren noch “Force Ten From Navarone” und “Lancelot And Guinevere” als Suiten darauf zu hören. Ich durfte den Aufnahmen in Odense beiwohnen, die nun folgenden Liner Notes für die CD schreiben und Mr. Goodwin zu mir sagen hören: „You know my music better than I do!“

Ron Goodwin kam am 17. Februar 1925 in Plymouth zur Welt und begab sich bereits mit fünf Jahren in die Hände eines Klavierlehrers. Schon zehn Jahre darauf dirigierte er sein erstes eigenes Orchester.
Über den Dokumentarfilm kam er zur Filmmusik, aus seiner Sicht „ein sehr gutes Training“. Er arbeitete als Ghostwriter u.a. für Phil Green, Stanley Black, Geraldo und Peter Yorke. Über eine Tätigkeit im BBC-Hörspiel „Variety Playhouse“, das seine Akteure von der Rank Organzation bezog, kam er mit dem Amerikaner Larry Hartman in Berührung. Hartman war auf der Suche nach einem jungen Komponisten für sein Projekt „Whirlpool“ – das sollte im Jahre 1958 Ron Goodwins erster eigentlicher Soundtrack werden. Nachdem Hartman Anfang der 60er Jahre zum Chef der englischen MGM-Niederlassung aufgestiegen war, bearbeitete Goodwin pro Jahr vier bis fünf Filme für ihn, darunter die berühmten Agatha-Christie-Verfilmungen. In diesen Jahren entstanden auch „Lancelot And
Guinevere”, „633 Squadron“, „Of Human Bondage“ und „Operation Crossbow“, mit denen er seine Position in der Branche endgültig stabilisierte. Im Jahre 1971 wurde er als Ersatz für Henry Mancini (seinerseits der Ersatz für den gefeuerten Bernard Herrmann) mit Hitchcocks „Frenzy“ beauftragt. Hitchcock wünschte sich für diesen in London spielenden Film kurioserweise „Musik wie für einen London-Dokumentarfilm“.
Ron Goodwins 1986 entstandener Soundtrack für den Zeichentrickfilm „Walhalla“ schließt eine Filmographie von rund 70 Titeln ab – Goodwin hat nie für das Fernsehen gearbeitet, das er als „große Würstchenfabrik“ bezeichnet.

In den letzten 20 Jahren ist er in erster Linie als Dirigent gut besuchter Filmmusik-Konzerte unterwegs – in Skandinavien, Neuseeland, Australien, Singapur und natürlich in den USA – und veröffentlicht sinfonische Pop-Alben.
Sein in Deutschland und den skandinavischen Ländern sicherlich beliebtester Soundtrack – die Musik zu den Miss-Marple-Filmen – ist (abgesehen von einer englischen Single im Jahre 1966) nie veröffentlicht worden. Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste besteht in der MGM-üblichen Art und Weise, Originalpartituren nach Gebrauch zu verbrennen, ein bürokratisches Gesetz, dem nicht einmal Miklós Rózsas Oscar-gekrönte Musik zu „Ben Hur“ entgangen ist. Ein Kompositionsauftrag war damals nichts weiter als ein Kompositionsauftrag, und zu einer Zeit lange vor dem Fotokopierer war es für einen Komponisten durchaus unüblich, seine Partituren zu archivieren. Das Material zu der 20minütigen Suite rekonstruierte Mr. Goodwin von Videocassetten und aus seiner Erinnerung heraus.
Der zweite Grund liegt in der großen Bescheidenheit eines Musikers, der sich über den eminenten Unterhaltungswert seiner Arbeit kaum Gedanken macht.
Ron Goodwin lebt mit seiner Frau Heather in Brimpton Common, Reading, England.

Ron Goodwin ging alljährlich um die Jahreswende auf Konzertreise. Er starb im Januar 2003, kurz, nachdem er von seiner 32. Tournee zurückgekehrt war.

 

* Am Ende der Filme “Murder She Said” und “Murder Most Foul” liefert Goodwin selbst parodistische Variationen seiner Titelmusik.

 

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2 Antworten auf Mit Miss Marple in Dänemark

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