Die wiedergefundene Textstelle (24): „Der Glanz des Hauses Amberson“

betr.: 150. Geburtstag der Berliner Straßenbahn / BVG

Orson Welles / Booth Tarkington: Prolog zu „Der Glanz des Hauses Amberson“

Unmittelbar nach seinem epochemachenden Projekt „Citizen Kane“ stürzte sich Orson Welles in einen Historienfilm, eine Familiensaga vor dem Hintergrund des beginnenden Automobil-Zeitalers: „Der Glanz des Hauses Amberson“. Der heißblütige Jungfilmer verzettelte sich, brach noch vor der Endfertigung des Films nach Mexiko auf, um sich in das nächste (dem Untergang geweihte) Unternehmen zu verstricken. Das Studio drehte unterdessen nach und schnitt seine „Ambersons“ auf den Achtzigminüter herunter, der uns heute vorliegt.
Dieses persönliche Drama sollte sich für den weiteren Lebens- und Schaffensweg des Regisseurs als prophetisch erweisen.

Robert L. Carringer rekonstruierte „The Magnificent Ambersons“ immerhin in Buchform. Der Prolog dieses Films nach einer Erzählung von Booth Tarkington schildert das Leben der Menschen in den USA der Jahrhundertwende ab 1873, ihre Bräuche, ihre Kleidung – und ihre öffentlichen Verkehrsmittel.

In jenen Tagen kannte dort jede Frau, die in Seide und Samt ging, alle anderen Frauen, die Seide und Samt trugen, und jeder kannte Pferd und Kutsche von allen anderen Familien. Das einzige öffentliche Verkehrsmittel war die Pferdebahn. Eine Dame konnte sich vom Fenster ihres Hauses aus bemerkbar machen, und schon hielt der Wagen und wartete auf sie – während sie das Fenster schloss, Hut und Mantel anlegte, die Treppe hinunterstieg, einen Schirm nahm, dem Mädchen sagte, was es zum Abendessen geben sollte und aus dem Hause kam – zu langsam für uns heute, die wir umso weniger Zeit haben, je schneller wir vorwärtskommen.

In den ersten Jahren jener Zeit, als man sich wegen der Damen sozusagen auf den Kopf stellte, verstanden die Herren jeden Alters unter einem Hut nur jenes hohe, steife Gebilde aus Seide, das auch den Spitznamen „Ofenpfeife“ erhielt. Es kamen die langen Jahre, in denen die Herren vom Derby besessen waren. In der einen Saison krönte sie so etwas wie ein Eimer, in der nächsten eine Art Löffel. Jedes Haus hatte noch seinen Stiefelknecht, aber die hohen Stulpenstiefel wichen den Schuhen, den Kongreß-Gamaschen. Die wurden durch die Mode immer wieder verändert – mal sahen sie vorne wie das Ende einer Schachtel aus, mal wie der Bug von schnellen Schiffen. Hosen mit Bügelfalten wurden als plebejisch angesehen. Die Bügelfalte verriet, dass die Hose im Regal gelegen hatte. Sie war „von der Stange“. Zum Abendanzug trug der Gentleman einen Überzieher, der so kurz war, dass die Rockschöße fünf Zoll darunter hervorschauten. Aber eine Saison später war der Überzieher so lang, dass er bis an die Fersen ging. Der Gentleman schlüpfte aus den engen Hosen und stieg in weite Hosen – Hosen wie Säcke.

In jenen Tagen hatten die Menschen Zeit für alles: Zeit zum Schlittenfahren, für Bälle, Gespräche, Gesellschaften, sie besuchten einander am Neujahrstag, und immer wieder hielten sie Picknick im Walde. Sie hatten Zeit für den vielleicht schönsten der vergangenen Bräuche: Das Ständchen. In einer Sommernacht zogen junge Männer unter das Fenster eines hübschen Mädchens. Aus Flöte, Harfe, Geige, Cello, Horn und Baßgeige stiegen dann die Klänge empor zu den süßen Sternen da oben.

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