Reine Wagenholerei

betr.: 32. Todestag von Erik Ode

Da der Krimi als solcher der Deutschen liebstes Genre ist°, sei der Hinweis gestattet: Erik Ode°° war der erste Serienkommissar im Deutschen Fernsehen. (Die Serie „Stahlnetz“ lief zwar schon einige zuvor, aber hier gab es in jeder Folge einen neuen Ermittler.) Sein Erfolg im ZDF hat die ARD dazu veranlaßt, die „Tatort“-Reihe ins Leben zu rufen, und das ZDF startete angesichts dieses Erfolges die Reihe „Derrick“. Für kurze Zeit liefen „Der Kommissar“ und „Derrick“ parallel, stets auf der Grundlage der Drehbücher von Herbert Reinecker. War das nicht zuviel für einen Autor? Erstaunlicherweise waren beide Serien in jener Phase sehr unterhaltsam. Fritz Wepper, der als Harry aus der alten Reihe in die neue gewechselt war, zeigte noch schauspielerische Ambitionen, und Horst Tappert war zwar weniger abgründig und verschwiemelt als Erik Ode, aber auch er hatte noch sichtliches Vergnügen an seiner Arbeit. Das sollte sich bald ändern.
Komischerweise brach diese Qualität nämlich merklich ein, als Ode in Rente ging und sich Reineckers Freitagabend-Pensum halbierte.
Weiterhin wurde der Autor für seinen Bienenfleiß beständig in Leserbriefen und Interviews gelobt – besonders vom ZDF selbst und von Leuten, die seine Arbeit nur aus der Fernsehzeitung kannten.

Ende der 70er etablierte sich der typische Derrick-Stil, der sich in 20 Jahren immer weiter verfestigen sollte.
Ein lahmes Tempo, das man als „Fernsehen zum Mitschreiben“ bezeichnen könnte. Zuletzt können die auf 60 Minuten angelegten Filme kaum mehr als vier oder fünf Drehbuchseiten stark gewesen sein.
Die große Ermittlerfreundlichkeit der Täter, die immer aus dem allerengsten Umfeld ihrer Opfer kamen (zumeist notgeile ältere Herren mit vermurkster Mutter- oder / und Gattinen-Beziehung), die Derrick nicht zu überführen sondern nur lange und streng genug aus seinen untertassengroßen Augen anstarren mußte, um sie zu einem Geständnis weichzukochen.
Lange, predigthafte Dialoge, die eher Monologe waren und in denen Reinecker seine philosophischen bzw. dichterischen Ambitionen austobte.

Ich dachte immer: das klingt alles, als würde der Autor seine Traktate mit angehängter Figurenkonstellation an studentische Hilfskräfte geben, die dann nach Schema F daraus ein Drehbuch machten. Das war schon ziemlich frech von mir.
In den 90ern lernte ich einen Jungregisseur kennen, der meinen Verdacht bestätigte. Die Studenten kamen von der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film.

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° Angeblich hat niemand eine Erklärung dafür. Im Blog https://blog.montyarnold.de/2015/02/15/alle-lieben-krimis/ steht sie!
°° siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/01/04/harrys-erste-zeugenvernehmung/

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