Die wiedergefundene Textstelle: Erich Kästners „Alles über Eva“

betr.: 41. Todestag von Erich Kästner

Erich Kästner, dieser wundervolle deutsche Evergreen, ist mir immer etwas fremd geblieben. Schon sein muttersöhnchenhaftes Verhältnis zu Frauen (nicht nur zu seiner Mutter) macht ihn mir des tiefen Mentalitätsunterschiedes verdächtig. Trotzdem: einem Genie entkommt man nicht so leicht. Auch bei mir gibt es kleine Hitparade von Kästner-Lieblingsarbeiten.

Platz 3: „Marschlied 1945“ (1946)

Dieses Chanson wurde für die Kabarettistin Ursula Herking geschrieben, in der Münchner „Schaubude“ von ihr interpretiert und auch von TV-Kameras festgehalten: gesungen von einem Mädchen mit Rucksack auf einer tristen Landstraße; eine definitive Interpretation, wie man so schön sagt. Dass ich die Nummer zu meiner Überraschung auf Youtube nicht gleich gefunden habe, bedeutet: sie ist wohl noch immer ihr Geld wert, und das ist eine gute Nachricht.

Platz 2: „Kleines Solo“ (1947)

In diesem Text findet sich die Refrainstelle: „Stehst am Fenster. Starrst auf Steine. Sehnsucht krallt sich in dein Kleid. Einsam bist du sehr alleine – und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit“. Es ist jenes Gedicht Erich Kästners, das mir die größte Gänsehaut bereitet hat und das überdies eine wichtige, wenn auch ungern eingestandene Wahrheit transportiert.

Platz 1: Das Synchronbuch zu „All About Eve“ (1950)

Die Synchronarbeit war in der Nachkriegszeit eine Sache, derer sich nur die edelsten Größen annehmen durften. Am Mikrofon glänzten die gleichen Künstler, die auch auf der Theaterbühne standen, Dialogregie führten Weltstars wie Bernhard Wicki, und um die Autorenarbeit wurde u.a. Erich Kästner gebeten. Er sagte zu, ohne sich klarzumachen, welche Mühe es erfordert, die Texte nicht nur gut zu übersetzen, sondern sie auch noch lippensynchron zu formulieren. Der Kunde war begeistert und legte Kästner gleich den nächsten Auftrag auf den Tisch – es hätte Charlie Chaplins Gattinnenmördergeschichte „Monsieur Verdoux“ werden sollen. Kästner lehnte entrüstet ab: nie wieder eine solche Schufterei! So blieb „All About Eve“ sein einziges Dialogbuch: ein Hollywood-Klassiker, eine frühe Altersrolle für Bette Davis, der erste wahrlich glanzvolle Auftritt für Marilyn Monroe, eine weitere famose Schurkenrolle für George Sanders und vieles mehr.
Es geht um die „Leute vom Theater“ – also um Schauspieler, Autoren, Regisseure, Produzenten, Kritiker … – die (heiligen) Bretter, die die Welt bedeuten und um ein ruchloses junges Biest, das im persönlichen Umgang so fabelhaft schauspielert, dass sie es deshalb bis ganz nach oben schafft. Joseph L. Mankiewicz schrieb des Drehbuch und führte Regie – in diesen beiden und vier weiteren Kategorien gab es den Oscar sowie noch acht Nominierungen.

Wer heute nicht dazu kommt, den Film vor lauter Freude gleich noch einmal anzuschauen, aber auf Erich Kästners Beitrag trotzdem nicht völlig verzichten möchte, dem seien hier zwei Monologe aus seiner Übersetzung gereicht.
Da wäre zunächst einmal jene Selbstanalyse einer alternden Schauspielerin, die von Bette Davis am Ende des zweiten Aktes in einem stehenden Wagen gesprochen wird – zu den Klängen von Liszts „Liebestraum“, der gerade im Radio läuft. Zur selben Musik hat Bette Davis diese Ansprache später auch auf Schallplatte interpretiert, in der Synchronfassung übernimmt Eva Eras den Part:

Eine ganze Menge Menschen kennt mich, aber ich kenne mich nicht. Ich wünschte, jemand erzählte mir mal was über mich.
Margo Channing – irgendein Name. Weiter nichts als eine Lichtreklame, glaube ich.
Ein Etwas, das Temperament hat, welches im Grunde darin besteht, dass ich auf einem Besenstiel herumreite und mit schriller Stimme Töne von mir gebe.
Kinder benehmen sich so wie ich es tue: sie schreien und sind furchtbar ungezogen. Sie betränken sich, wenn es könnten, falls sie nicht kriegen, was sie möchten. Wenn sie sich überflüssig fühlen … oder unsicher … oder ungeliebt.
Ich liebe Bill mehr als alles andere auf Erden. Ich brauche Bill und möchte, dass er mich auch braucht. Aber mich, nicht Margo Channing. Doch er kann keinen Unterschied machen, so wenig wie ich.
Bill ist verliebt in Margo Channing. Er hat für sie gekämpft, mit ihr gearbeitet und liebt sie.
Aber in zehn Jahren wird Margo Channing aufgehört haben, zu existieren. Und was bleibt dann übrig? Was?
(Er mag nur acht Jahre jünger sein als ich, aber) Acht Jahre dehnen sich mit der Zeit aus, das habe ich bei anderen beobachtet. (Nicht bei uns?) Das hab ich schon zu oft gehört!
Oder nimm Eve – ich glaube, zu der war ich auch nicht sehr fein. – Bitte, versuch nicht, mich zu entschuldigen, gerade jetzt nicht, wo ich in mich gehe.
Ich war eine Zeitlang überempfindlich, ich geb’s zu. Wahrscheinlich, weil sie so jung ist, so weiblich und so .. hilflos. Eben so, wie ich gern für Bill sein möchte.
Merkwürdige Sache, die Karriere einer Frau. So viele wirft man über Bord, um vorwärts zu kommen.
Und vergißt, dass sie einem fehlen werden, wenn man wieder eine Frau sein will. Denn die Karriere, die alle Frauen einmal machen müssen, ist die, eine Frau zu sein, ob wir wollen oder nicht.
Früher oder später kommen wir alle einmal dahin. Gleichgültig, was wir sonst erreicht haben oder erreichen wollen.
Denn letzten Endes interessiert dich ja doch nur das Eine: wenn du beim Essen aufschaust oder dich im Bett umdrehst, dass er da ist. Wenn nicht, bist du keine Frau! Dann bist du weiter nichts, als eine Lichtreklame an einer Hauswand. Ein Sammelband voller Pressenotizen. Aber du bist keine Frau.
Langsamer Vorhang.
Ende.

Und dann wäre da noch der Prolog des Films. Hier hören wir im Original den kultiviert-gewissenlosen Bariton von George Sanders als Gedankenstimme, in der deutschen Fassung den Weltstar O. E. Hasse:

Meine Damen und Herren! Ich wäre nicht sonderlich überrascht, wenn Sie nicht wissen sollten, worum es sich bei dem Sarah-Siddon-Preis* eigentlich handelt. Man macht von ihm nicht entfernt so viel Aufhebens wie von durchaus fragwürdigeren Ehrungen, z.B. dem Pulitzer-Preis oder den mit großem Tamtam verliehenen Filmpreisen.
Dieser distinguiert aussehende Herr ist sehr, sehr alter Schauspieler – und Schauspieler hören sich bekanntlich gern reden. Was er redet, dürfte für Sie weniger interessant sein, als zu erfahren, wo Sie sind und warum Sie hier sind. Also: Sie befinden sich anlässlich des Jahresbanketts und der damit verbundenen höchsten Ehrungen, die unsere Theaterwelt kennt, im Festsaal der Sarah-Siddon-Gesellschaft. Diese ehrwürdigen Wände und viele der nicht weniger ehrwürdigen Gesichter, haben noch die Modjeska und Minnie Fiske** erblickt. Mansfields gewaltige Stimme erfüllte dereinst den Raum, und man wird den Eindruck nicht los, als seien seit seinem Ableben die Fenster nicht mehr geöffnet worden.
Die unwichtigeren Preise sind, wie Sie sehen, bereits verteilt worden – so für den erfolgreichsten Dramatiker und für den besten Regisseur des Jahres. Ihre Aufgabe war es schließlich nur, einen Turm zu errichten, damit von seiner höchsten Zinne aus ein Licht aufleuchten konnte. Und nie zuvor hat ein Licht unsere Augen so geblendet wie Eve Harrington. Eve … nun, später mehr von ihr oder sogar alles über Eve.
Nun ja …
Und jetzt scheint es mir an der Zeit, dass ich mich denen unter Ihnen, die nicht ins Theater gehen, kein Buch lesen, kein Radio besitzen und auch sonst nichts von jener Welt wissen, in der sie leben, endlich selber vorstelle: mein Name ist Addison de Witt, und das Theater ist meine eigentliche Heimat. Freilich plage ich mich weder als Direktor noch deklamiere ich Rollen. Nein, ich bin Theaterkritiker, und das heißt: ich bin für das Theater unentbehrlich!***
Das ist Karen Richards, die Gattin eines Bühnenschriftstellers. Sie hat quasi ins Theater eingeheiratet. Weder Geburt noch Erziehung hätten sie näher an die Rampe gebracht als bis Sperrsitz, fünfte Reihe Mitte. Aber während ihres letzten Schuljahres hielt Lloyd Richards im Radcliffe College einen Vortrag über das moderne Drama, und ein Jahr später war sie seine Frau.
Es gibt zwei Sorten von Theaterdirektoren. Die einen haben reiche Bekannte, denen es nichts ausmacht, Geld zu verlieren, wenn sie nur den Betrag von der Steuer absetzen können. Diese haben künstlerischen Ehrgeiz. Für die anderen bedeutet jede Premiere Leben oder Tod, deshalb drehen sie jeden Pfennig zehnmal um. – Darf ich Ihnen den Theaterdirektor Max Fabian vorstellen? Er brachte das Stück heraus, worin Eve jene Rolle spielte, die ihr den Sarah-Siddon-Preis eintragen sollte.
Margo Channing ist ein Star! Und sie wurde es bereits im Alter von vier Jahren. Sie erschien damals als Fee im Sommernachtstraum zur allgemeinen Überraschung splitternackt auf der Bühne. Sie ist ein Star geblieben, ein großer, ein wirklicher Star. Sie war nie etwas anderes, und sie will nichts anderes sein.
Nachdem unser hochverehrter Präsident nicht nur die Geschichte der Sarah-Siddon-Gesellschaft in wahrhaft erschöpfender Gründlichkeit dargestellt hat, sondern auch noch die Geschichte des Theaters, seit Thespis den bekannten Karren anschob, ist er endlich dort angelangt, wo wir ihn längst erwarten.

Zugegeben: der Originalton hat gegenüber der deutschen Fassung einen unbestreitbaren Vorteil. Während der der deutsche Ton genauso klingt wie das Bild aussieht – wie ein Klassiker mit ehrenvoller Patina – hören sich die Originalstimmen überaus lebendig an, so als würden sie genau jetzt, in diesem Augenblick gesprochen.

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* Wie im Bild deutlich zu erkennen, heißt die fiktive Schauspielgröße, nach der die Trophäe benannt ist, eigentlich Sarah Siddons.
** Im Original wird hier noch Ada Rehan aufgerufen. Die Auslassung erklärt sich möglicherweise damit, dass Deutsch immer etwas länger braucht als Englisch.
*** Das Original ist etwas präziser. Hier heißt es „… so unentbehrlich wie die Ameisen bei einem Picknick.“ (siehe hierzu auch den Blog vom 15. Mai 2015) Die Betonung der Textstelle läßt die Vermutung zu, der Nachsatz könnte aus Zeitgründen nachträglich geschnitten worden sein.

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Eine Antwort auf Die wiedergefundene Textstelle: Erich Kästners „Alles über Eva“

  1. Werner Dechent sagt:

    „Alles über Eva“ kann man in deutscher Fassung im Internet oder – besser für E.K.-Fans – im Erich Kästner Museum in Dresden kaufen.

    Nicht in allen E.K.-Biografien ist diese Filmarbeit von ihm vermerkt, um so schöner, dass hier ausführlich darauf eingegangen wird.

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