Der Song des Tages: „Wenn die Nacht erwacht“ (mit Noten)

Betr.: 185. Geburtstag von Henri Meilhac

Henri Meilhac war der Librettist und Liedtexter von Jacques Offenbach, dem Erfinder der Operette, und das macht ihn auch zu einer zentralen Figur der Chanson-Kunst (um einen attraktiven Nebenschauplatz zu nennen).
Im 3. Akt von „Pariser Leben“ erklingt das Rondo der Metella, eine bis heute unverwüstliche Einlassung zum Thema „Wochenende“, „Komasaufen“, „Feiern“, „Ausgehen“, „Party“ – was immer Sie mögen.
„Wenn die Nacht erwacht“ hat alle Vorzüge eines Offenbach-Songs: es ist musikalisch mitreißend, von treffsicherer Komik und schonungslos erkenntnisreich, ohne den Zeigefinger zu heben.
Es ist ein archetypisches Großstadt-Chanson.
Wenn die Nacht_dt. Intro
.       Vollständige Noten weiter unten

Wenn die Nacht erwacht
„Pariser Leben“
Text: Henri Meilhac, Musik: Jacques Offenbach
Übersetzt von Carl Treumann, bearbeitet von Karl Kraus

Wenn die Nacht erwacht, erwacht hier das Leben,
den Wagen entschweben die Gäste zu zwein:
die reizendsten Herrn, die lieblichsten Damen,
die alle nur kamen, um fröhlich zu sein.

Ein Kaleidoskop von Blonden, Brünetten,
von Rötlichen, Schwarzen pulsiert ohne Ruh‘.
Die reizenden Herrn aus vielerlei Gassen,
von Klassen und Rassen ein buntes Ragout!

Ja!
Schon fängt es an: Man weiht sich der Freude,
es knistert die Seide, die manches enthüllt –
das langsame Vorspiel zum Bacchanal,
das allnächtlich brutal alle Räume erfüllt.

Hier wird laut gelacht, dort tanzt man besessen,
hier wird hasardiert, dort trinkt man zuviel.
Ein altes Klavier begleitet indessen
mit Liedern von gestern das närrische Spiel.

Immer lauter, lauter: Summen und Brummen
aus Dutzenden Kehlen, ein Grölen hebt an;
Wo bleibt da die Freude? Sie schwärmen und Lärmen
im ganzen Gebäude, so laut jeder kann.

Doch dann geht’s nicht mehr! –
Die Laute verwehen.
Man greift nach dem Glas,
verschüttet den Rest.
Man gähnt,
man verfällt,
man schläft im Stehen.
So endet das große rauschende Fest.

Der Morgen bricht an, und bald sieht die Sonne
den Schauplatz der Wonne, umdüstert von Weh.
Die Lebemänner, die Schwärmer und Lärmer
sind leiser und heiser und möchten nur Tee.

Und schleichen sie fort – unrasiert und verlegen
ernüchtert vom Licht, vom Tagesgebraus –
ruft ihnen der Straßenkehrer entgegen:
„Ohé! Da gehen die Lumpen nach Haus!“
Ohé! Ohé!
Da gehen die Lumpen nach Haus.

 

RONDEAU – A minuit sonnant commence
„La Vie Parisienne“
Paroles de Henri Meilhac, musique de Jacques Offenbach
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