Eigentlich ein Krimi

betr.: Start der britischen Miniserie „Jekyll“ vor 9 Jahren

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Ein Doppelgänger, der niemandem ähnlich sieht

Der Brite Robert Louis Stevenson hatte bereits seinen Klassiker „Die Schatzinsel“ („Treasure Island“)* abgeliefert, als ihm 1886 sein wirklicher Durchbruch gelang. Es war eine kurze Erzählung mit dem Titel „The Strange Case Of Dr. Jekyll And Mr. Hyde“, von der in sechs Monaten 40.000 Exemplare verkauft wurden. Selbst von den amerikanischen Raubdrucken konnte der Autor profitieren, denn seine Popularität wuchs dadurch erheblich.
Die erste Fassung der Geschichte „about a fellow who was two fellows“ hatte er in drei Tagen geschrieben und nach einem Verriß durch seine Frau Fanny verbrannt. In weiteren drei Tagen entstand die neue und endgültige Fassung. Eigentlich sollte dies eine Kriminalgeschichte sein – mit den obligatorischen viktorianischen Horror-Elementen. Der Stoff war aber im Handumdrehen so populär, dass alle Leser von vorneherein um des Rätsels Lösung wußten, dass die beiden Titelhelden ein und dieselbe Person sind. Und noch etwas geschah im Zuge des großen Erfolgs, das dem Autor nicht recht gewesen ist: eine Bühnenfassung des Stoffes, die schon wenige Jahre nach der Buchveröffentlichung herauskam, etablierte die bis heutige übliche – falsche! – Aussprache des Namens „Jekyll“. Für den Schotten Stevenson hätte der Held im Englischen wie „Jeekyl“ ausgesprochen werden müssen.
Die bereits in der Stummfilmzeit entsetzende und bis in unsere Tage andauernde Flut von Verfilmungen verfestigte dieses Übel. Der Sender arte widmete diesem Medienphänomen einen ganzen Dokumentarfilm**, in dem die unüberschaubare Vielzahl der Kinofassungen immerhin ungefähr deutlich wird.

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Hoch die Phiole! – Ein kleiner Aufmarsch einiger Jekylls der Filmgeschichte, unten links Stan Laurel.

Inzwischen führt das siamesische Zwillingspaar aus Akademiker und Wüstling ein crossmediales Eigenleben in einer Reihe von Parodien (Jerry Lewis stellte eine der besten her), Adaptionen (z.B. im Fernsehen und im Musical), Gastauftritten (so in „Daredevil“ oder „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“) und Paraphrasen. Der letzte große Wurf aus dieser Reihe ist die Kinokarriere des Hyde-Wiedergängers „Der unglaubliche Hulk“. (Die Darstellung rascher Mutationsprozesse wie bei Stevenson spielt in einer Vielzahl von Marvel-Comics eine große Rolle und gehörte stets zu deren Markenzeichen.)

Was sonst?

Robert Louis Stevenson starb früh an Tuberkulose, hinterließ uns aber eine 35bändige Gesamtausgabe, deren Inhalt im Schatten der beiden großen Hits inzwischen unterging. Das gilt auch für den „Flaschenkobold“, eine faustische Parabel, die zunächst in der Sprache der Opolu-Insulaner herauskam. Dort hatte Stevenson seinen Lebensabend verbracht.
Noch in den 30er Jahren waren diese Bücher immerhin so präsent, dass George Orwell den Helden seines Romans „Die Wonnen der Aspidistra“, einen Buchhändler, seine Verachtung darüber ausdrücken läßt: „Gesammelte Briefe von Robert Louis Stevenson. Ha, ha! Das ist gut. Gesammelte Briefe von Robert Louis Stevenson. Der Schnitt des Buches war staubgeschwärzt. Staub bist du, und zum Staub mußt du zurückkehren. Gordon trat leicht gegen Stevensons steifleinene Kehrseite. Wie steht’s, alter Hochstapler? Mausetot bist du wie nur je ein Schotte.“
Der Schauspieler Sir Alec Guinness hat diese Briefesammlung trotzdem gelesen: „Eine fesselnde und im großen und ganzen wunderbare Lektüre. Allerdings werden mir allmählich Mrs. Fanny Stevensons ständiger Durchfall und Louis‘ Bluthusten ein wenig zuviel. (…) Ich hoffe, dass die beiden ihre finanziellen Nöte bald überwinden. Das ständige Borgen ist wirklich peinlich. Höchste Zeit, immerhin schreiben wir das Jahr 1883, dass er endlich das große Geld verdient.“
So kam es dann ja auch.

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* Das Hörbuch von Harry Rowohlt in der erstmals ungekürzten Übersetzung  von Andreas Nohl – erschienen bei halbstark – war ein unerwartetes Vergnügen für mich, der mit zwei Dutzend „Schatzinsel“-Verfilmungen im Fernsehen aufgewachsen ist.
** „Jekyll und Hyde – Das Andere in uns“, arte / SWR 2011 (52 min.)

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