Broadway’s Like That (18): „White Christmas“

5. Mr. American Music – Irving Berlin (1) (Fortsetzung vom 12. Juli)

Drei große Hymnen auf das Showgeschäft hat das Broadway-Musical hervorgebracht: „That’s Entertainment!“ von Howard Dietz & Arthur Schwartz, „Ev’rything’s Coming Up Roses“ aus „Gypsy“ und – die meist gespielte davon – „There’s No Business Like Show Business“ aus dem Western-Musical „Annie Get Your Gun“. Wie den meisten Evergreens aus großen Film- oder Theaterereignissen, haftet auch dieser Nummer die Anekdote an, sie hätte um ein Haar gar nicht stattgefunden. Weil der Produzent von „Annie Get Your Gun“ – der berühmte Broadway-Komponist Richard Rodgers – beim Zuhören offenbar sehr konzentriert geschaut und Irving Berlin diesen Blick als Missfallen missdeutet hatte, erbot er sich, den betreffenden Song zu streichen. Glücklicherweise konnte er daran gehindert werden.
Irving Berlin hat noch einen weiteren Jahrhundert-Hit geschaffen, der sich von seinem Ursprung völlig emanzipiert hat: „White Christmas“, das erste nicht-kirchliche Weihnachtslied. Dieser Song ist stark mit der Biographie des Komponisten verbunden.

Weihnachten ist das Fest der Rituale, und für die Kosaken gehörte im späten 19. Jahrhundert ein zünftiges antijüdisches Pogrom  – neben viel Alkoholgenuß – zur Tradition. Auch das Haus der Familie Baline im sibirischen Tjumen ging bei einem solchen in Flammen auf. 1893 flohen die Balines in die USA und landeten, wie so viele Einwanderer, in der New Yorker Lower East Side, wo sie in den nächsten Jahren in Armut lebten.*
Knapp 50 Jahre später notierte der jüngste Baline-Sohn Israel seine Wunsch-Version von Weihnachten: „I’m dreaming of a white Christmas, just like the ones I used to know“ – und schuf damit das vielleicht kitschigste, bestimmt aber das populärste Weihnachtslied der Welt.

„White Christmas“ – 1942 veröffentlicht – machte seinen Schöpfer, der sich nun Irving Berlin nannte, endgültig zum erfolgreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.
Bis heute verkaufte sich allein die von Bing Crosby gesungene „Christmas“-Fassung weit über 30 Millionen mal und schlägt damit locker andere Berlin-Hits wie „Cheek To Cheek“ oder „There’s No Business Like Show Business“.
Gott hat Moses die zehn Gebote gegeben, und dann gab er Irving Berlin White Christmas”, flachste der Schriftsteller Philip Roth.
Der amerikanische Journalist Jody Rosen weist in seiner Berlin-Biografie „White Christmas“ auch auf die unterschwellige Traurigkeit des gleichnamigen Songklassikers hin, die diesen zum „trübseligsten, bluesartigsten Song macht, der je in der Maskerade eines Weihnachtsliedes dahergekommen ist“.

In seinem extrem langen und fruchtbaren Leben – er starb 1989 im Alter von 101 Jahren und hinterließ um die 1000 Songs, zu denen er ebenfalls die Texte geschrieben hatte – hat Berlin alle Bereiche der Popularmusik bedient, sei es Tin Pan Alley (also die Schlagerindustrie), den Broadway oder Hollywood. Später tauchte seine Musik im Fernsehen, in der Werbung und immer wieder in den Charts auf.

TACODiesen späten Charterfolg von „Puttin‘ On The Ritz“ mußte Irving Berlin noch persönlich miterleben. Er dürfte diese Interpretation, in der noch andere seiner Hits angespielt werden, nicht goutiert haben.

Einen ausgeprägten Personalstil wie etwa Gershwin oder Porter besitzt der vielseitige Berlin weniger, es sei denn, dass seine Songs meist außerordentlich geradlinig und einfach wirken, ohne es freilich auch immer zu sein.
Schon Gershwin sah in Berlin neben Kern eines seiner musikalischen Vorbilder, und bis heute scheint Berlin in Amerika wie eine Ikone verehrt zu werden. Offenbar repräsentiert seine Musik wie keine andere das Selbstbild der Amerikaner, die ihm neben „White Christmas“ auch „God Bless America“ verdanken.

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* In dem Trickfilm-Musical „An American Tail“ (1986) wird das Szenario der Vertreibung durch die zaristischen Horden dem Helden, dem Mäuserich Feivel, in die Biographie geschrieben. (Siehe dazu den Blog vom 23. Juni 2015.) Auch die musikalisch aufgegriffene Inschrift auf dem Sockel der Freiheitsstatue, die den kleinen Emigranten – noch im Bau befindlich – willkommen heißt, verweist auf Irving Berlin: diesen Text sollte er später vertonen.

Forts. folgt

 

 

 

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