Belohnungsaufschub

Es waren die frühen Tage des Privatfernsehens, und ich war noch ganz neu in Hamburg. In der Synchronbranche herrschte eine fröhliche Goldgräberzeit, die nur wenig gemein hatte mit der heutigen Hochphase, die der Boom der Streaming-Angebote ausgelöst hat.
Ein befreundeter Schauspieler lud mich ein, ihn und ein paar Kollegen zu einer Sprachaufnahme zu begleiten. Es handelte sich um einen sogenannten „Mengentag“, eine Synchron-Session also, bei der kleine und allerkleinste Zwischenrufe, Einzelbemerkungen und Sätze wie „Jawoll! Auf sie mit Gebrüll!“ von weniger geachteten Stimmwundern eingesprochen werden.
Zu fünft erreichten wir die „Alster Studios“, und alle außer mir waren ausgebildete Schauspieler. Sollte mich das ein wenig eingeschüchtert haben, hielt es nicht lange vor. Solche Meriten galten hier nichts, wie sehr bald deutlich wurde. Gemeinsam synchronisierten wir nun die Kampfpausen und Zwischenspiele einiger Folgen der eine Actionserie, so etwas wie „MacGyver“. Unser temperamentvoller Spielleiters sprang hinter der Glasscheibe im Dreieck und schmähte meine Kollegen für Unsicherheiten und Anfängerfehler. Es war kein Jähzorn, es war eine Dauer-Dampfbestrahlung, die selbst Louis de Funès nicht lange durchgehalten hätte.
Nach einer Stunde war der Regisseur unglücklich mit unseren Aktionslauten und hielt eine feurige Ansprache: „Pornos!“ brüllte er. „Pornos, sage ich! Ihr müsst Pornos machen, Leute! Por-nos, Por-nos, Por-nos! Da lernt man, Gefühle zu zeigen!“
Nach einer besonders üblen persönlichen Abschlachtung sagte ein Kollege – den ich noch aus Saarbrücker Tagen kannte, wo er am Staatstheater gewirkt hatte – halblaut-respektvoll zu mir: „Ja, der ist wirklich ein ganz Genauer!“

Ach, tatsächlich? War das „Genauigkeit“, die ich hier erlebte? „Präzision“? Ging es hier einem glühenden Sachverwalter der Leichten Muse um das bestmögliche Ergebnis, um die Sache? War hier ein Perfektionist am Werk, der zunächst das Allermeiste von sich selbst verlangte? Kannte hier jemand den Unterschied zwischen einer fähigen Person, die einen schlechten Tag hat, und einem Stümper, der das Gelingen eines Kunstwerkes ausbremst? Reizte hier jemand unser Potenzial aus und molk besondere Leistungen aus uns heraus?
Mitnichten! Hier hatte einer ein Biotop gefunden, einen abgelegenen Seitenarm des Kongo, an dem er sich wie Colonel Kurtz aufführen konnte. Die pulverisierten Würstchen, die zuletzt am Mikrofon standen, waren kaum noch in der Lage, überzeugend im Hintergrund zu murmeln.

Vor wenigen Jahren durfte ich einem Vortrag des inzwischen verstorbenen Synchron-Altmeisters Ottokar Runze lauschen. Er vermittelte einen freundlicheren Ansatz. Sein Resümee lautete übrigens, nach vier bis fünf Stunden habe ein Sprecher sich in einer Weise ausgegeben, dass ein Weitermachen ziemlich sinnlos sei. Zumindest wenn man an die Ergebnisse einen gewissen Anspruch habe. Er habe bei seinen Dispositionen immer darauf geachtet, diese Arbeitsdauer pro Teilnehmer nicht zu überschreiten.
So etwas erzählt von ihm zu bekommen, ist natürlich nicht dasselbe, wie unter seiner Leitung zu arbeiten. Doch es fühlte sich aufrichtig an.

Als ich Jahre später selbst zum Teil der Sprecherszene wurde – ich hatte das Glück, über Erfolge in der Funk- und TV-Werbung in diesen Kreis aufgenommen zu werden -, merkte ich rasch, dass meine vereinzelte Dschungel-Erfahrung sehr untypisch für die Hamburger Verhältnisse war. Die Umgangsformen in den hiesigen Synchronateliers und Tonstudios sind überaus angenehm (vor allem, wenn man die Berliner Verhältnisse kennt). Typisch und richtig an diesem Erlebnis aber war, dass man in der „Menge“ keinen Blumentopf gewinnen kann, und ich habe mich auch nicht wieder dafür bereitgefunden.
Heute heißen solche Aufnahmetage „Ensemble“, und noch immer werden die Probanden mit dem Hinweis erfreut, diese Arbeit sei ein idealer Weg, Erfahrungen zu sammeln und sich für größere Aufgaben zu empfehlen. Das erstere mag stimmen.

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