Wer war’s diesmal?

betr.: 36. Jahrestag der Erstausstrahlung von „Who Done It?“ („Wer schoß auf J. R.?“)*

Die Generation vor mir hat sich mehrheitlich und zur selben Zeit am Fernseher versammelt, als die Mondlandung übertragen wurde. Die Zeiten ändern sich: meine Generation hatte ein vergleichbares Erlebnis der virtuellen Gemeinschaft an jenem Abend, als der Attentäter auf den großen Bösewicht aus „Dallas“ (eine der beliebtesten Figuren der Fernsehgeschichte) enthüllt wurde. Über die Einlieferung dieses fiktiven Charakters ins Krankenhaus war mit Bildern berichtet worden, die in ihrer dokumentarischen Unschärfe aussahen wie aus einer reißerischen „Stern“-Fotostrecke. Ich war beeindruckt von dieser Chuzpe – zumal sie auch bei mir funktionierte.

Der Cliffhanger der vorangegangenen Folge, da die Schüsse abgegeben wurden, war etwas Besonderes. Wir Bundesrepublikaner kannten die Unterteilung von Serien in Staffeln noch nicht, es gab keine quälende Sommerpause, in die wir auf dem Wellenkamm dramatischer Ereignisse geschickt wurden. Dieses Phänomen – für unsere amerikanischen Freunde längst ein alter Hut – schmeckten wir erstmals, als auf J. R. geschossen wurde. Aber auch für die USA bedeutete dieses Ereignis einen Fortschritt. Obwohl sicher niemand ernsthaft daran gedacht haben dürfte, den quotenbringenden Super-Fiesling J. R. sterben zu lassen, war von nun an die Idee in der Welt, das traditionelle Staffel-Finale zu nutzen, um sich einzelner Charaktere und ihrer Darsteller zu entledigen. Unvergessen sind zwei Finaletti der nächsten großen Öl-Oper „Der Denver-Clan“: die brennende Blockhütte bei Staffel 5 und das Massaker auf der königlichen Hochzeit in Staffel 5 – beide mit (möglichen) Todesopfern.
Die Schauspieler – unter ihnen viele untergegangene Filmstars – versuchten, dieser Bedrohung auf kreative Weise zu begegnen. Gina Lollobrigida meinte es besonders schlau anzustellen, als sie bei „Falcon Crest“ einstieg, einer Seifenoper, in der es nicht um Öl sondern um Wein ging. Sie ließ eine Klausel in den Vertrag aufnehmen, die es der Produktion untersagte, sie zum Ende der Staffel rauszuschmeißen. Als sie sich als Fehlbesetzung erwies, wurde sie schon in der laufenden Staffel abgeschossen – das war laut Vertragstext nämlich erlaubt.

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* Die deutschen Zuschauer erlebten diese Nerve-Zerreißprobe im Mai 1982.

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