Die schönsten Comics, die ich kenne (10): „Tom Patapom“

„Tom Patapom“ in „Der Unterwasser-Tyrann“
(„Le pirate des abîmes“)
Text und Zeichnungen: Leone Cimpellin
Erschienen  in der Zeitschrift „Tchak!“ Nr. 11 (Dezember 1969), deutsch im Magazin „Felix“ Nr. 727 – 729 (14. – 28. September 1972)

Tom Patapom ist ein französischer Lausebengel des 17. Jahrhunderts. Er reißt von zu Hause aus, und es verschlägt ihn buchstäblich um die Welt (und in den Orbit).
Das Heimweh kommt schnell und erbarmungslos, doch mit der Rückreise will es lange nichts werden. Tom gerät immer wieder in schlechte Gesellschaft und große Gefahr, doch er findet auch Freunde – episodenweise.

Pirates d'AbimeDer verschüchterte Tom hat ständig Gründe für einen Nervenzusammenbruch. Dies ist der triftigste aus seinem Abenteuer mit Oskar, dem abscheulichen Roboter.

In der Hoffnung, endlich sein geliebtes Frankreich wiederzusehen, hat sich Tom Patapom am Ende seines Abenteuers in der Bananenrepublik San Papagayo auf einem Segler eingeschifft. Mitten im Atlantik wird das Schiff von einem tückischen Strudel in die Tiefe gerissen. Die Besatzung landet zu ihrem größten Erstaunen in einer gläsernen Unterwasser-Höhle. Seit Jahren führt hier der Roboter Oskar sein strenges Regiment. Die Mannschaften der gekaperten Schiffe macht er sich mit einem Hypnoseblick gefügig und vergrößert damit ständig seine Privatarmee. Tom gelingt es, sich rechtzeitig von seinen gefangenen Kameraden abzusondern und macht die Bekanntschaft von Hummerauge. Der Pirat und Untergrundkämpfer (im doppelten Wortsinne) befiehlt Tom, sich unter die willenlose Dienerschaft zu mischen und Oskar abzuschalten. Er weiß wie das geht, denn er hat Oskar einst gebaut …

Tom Patapom begegnete mir zu Grundschulzeiten in der Heftreihe „Felix“. Der sommersprossige Hosenmatz ist heute niemandem mehr ein Begriff, ebenso sein Zeichner Leone Cimpellin*. Eine andere Serie in „Felix“, die ich persönlich stinklangweilig fand, machte dagegen eine derartige Karriere, dass sie ein eigenes Heft bekam: „Bessy“ (ein kluger Hund, der dem Collie aus der beinahe gleichnamigen TV-Serie „Lassie“ aufs Haar gleicht). „Tom Patapom“ war weitaus mehr nach meinem Geschmack, und besonders die verstörenden Ereignisse um den schrecklichen Oskar blieben mir unvergessen.
Dieser im letzten Schrei des ancient régime gekleidete Superbösewicht ist erkennbar am Monster von Frankenstein, Käpt’n Nemo und (über den Umweg Dr. Doom) an Richard III geschult – für die Heftchenleser immer nur das Beste! Ursprünglich war er als Schachroboter gedacht, der dem frühpensionierten Piraten Hummerauge in seinem Unterwasserversteck Gesellschaft leisten sollte. („Ich habe sein Gehirn aus den Bestandteilen eines automatischen Korkenziehers und einer Kuckcucksuhr zusammengesetzt!“ prahlt der Ingenieur.) Leider brannte ihm eine Sicherung durch, und er wurde zum Superschurken. (Genaugenommen blieb ihm nichts anderes übrig, denn er war ein lausiger Schachspieler.) Damit kommt noch eine kulturgeschichtliche Anspielung hinzu: auf den sagenhaften „Schachtürken“, der 1769 die feine europäische und russische Gesellschaft in Atem hielt.
„Der Unterwasser-Tyrann“ ragte aus allen Hochsee-Abenteuern meiner Kindheit heraus – all die malerischen Adventsvierteiler eingeschlossen.
Beim Finale der Geschichte („Inzwischen erobern sich Meer und Fische die gläserne Unterwasseröhle zurück. Gleichgültig starrt Oskar auf die Vorgänge um sich herum. Er ist nur noch regloser Edelschrott.“) bildete sich auf meinem Rücken eine Gänsehaut, die bald wieder verschwand – aber ich spüre sie bis heute.

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* Näheres findet sich unter https://blog.montyarnold.de/2015/06/06/kaeptn-nemo-2-0/

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