„Ich las genug!“ – Übersetzungen aus der Negativ-Zone

betr.: Marvel Comic Collection Nr. 109: „Die Inhumans“ (Panini / Hachette) / Comic-Übersetzungen

Wenn es um Comic-Übersetzungen geht, wird gern das löbliche Beispiel bemüht – also fast immer Dr. Erika Fuchs, manchmal auch die fabelhafte Gudrun Penndorf. Die HIT-Comics des BSV-Verlags, die mitunter vom Druckerei-Personal nebenbei übersetzt werden mussten, oder Rolf Kaukas berühmter Sündenfall mit „Siggi und Babarras“ sind umgekehrt viel beschmunzelt und getadelt worden. Der folgende Beitrag nähert sich diesem insgesamt unterschätzten Beruf mittels einer weiteren skeptischen Würdigung. Anlass ist eine heute erscheinende neue Vergleichsmöglichkeit.

Seit ihrem ersten Auftauchen bei den „Fantastischen Vier“* sind die „Nichtmenschen“ eine Art erzählerische Schlagader im Marvel-Universum. Ihre Entstehungsgeschichte wurde kurz nach ihrem Debüt von Jack Kirby in einigen Fünfseitern erzählt. Hierin wird die irdische Existenz dieser Außenseiter auf das kosmische Volk der Kree zurückgeführt und so mit unzähligen Serien und Heldenschicksalen verknüpft. Seit heute kann man diese Vorgeschichte endlich umfassend und bibliophil nachlesen.

Inhu_exz1980Ein prähistorisches Marvel-Ereignis, übermittelt von Hajo F. Breuer, Condor Verlag 1980 (oben) und fabelhaft neu übersetzt von Horus W. Odenthal im besprochenen Band (unten). Die ersten vier Kapitel, bei denen Zeichner Kirby auch als Autor fungierte, erschienen sporadisch bei Condor.
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Hajo F. Breuer durfte etwas erleben, was mir als jugendlichem Heftchenleser wie ein Traum erscheinen musste: er wuchs nicht nur mit den Williams-Marvelheften auf und schrieb Leserbriefe, die abgedruckt und ausdrücklich gelobt wurden. Als wenige Jahre später der Williams Verlag sein Superhelden-Programm nach schrittweisem Abbau endgültig einstellte, konnte er ab 1979 an der unmittelbar einsetzenden Fortführung des deutschen Marvel-Angebots im Condor-Verlag mitwirken, fachliche Artikel schreiben (die nunmehr in allen Publikationen obligatorisch waren) und sogar als Übersetzer arbeiten.
Nun war der Condor das Gegenteil von Williams: bis auf den zuletzt erfolgreichsten Titel „Die Spinne“ („Spider-Man“), der ein eigenes Magazin bekam, wurde das Programm denkbar leserunfreundlich verabreicht: in zahllosen Sonderheften, Alben und einer Vielzahl ununterscheidbarer Anthologien, die „Marvel Universe-Comic“ oder „Marvel Top Classics – Super-Album“ hießen und in denen die Serien in unerfindlicher Mischung und Reihenfolge verabreicht wurden. Hinzu kamen die Taschenbuchreihen, die zwar einzelnen Protagonisten viel Raum geben, aber das Format um fast ein Drittel verkleinerten, so dass die Sprechblasen nur noch stichwortartige Hinweise fassten.

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Kein Platz für Heldenworte: Szene aus „The Avengers“ #12: „This Hostage Earth!“ (Januar 1965) bei Williams in der Übersetzung von Boris Vladov (November 1974) und im Condor-Taschenbuch „Die Rächer“ Nr. 2 (1979), verkleinert von 15 auf 11 cm Satzspiegelbreite – und entsprechend knapp formuliert von Hajo F. Breuer. Die gelegentlichen Nachdrucke von Silver Age-Marvels bei Condor ermöglichen den direkten Vergleich.
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Die Cover dieser Produkte zierten krude Collagen, die in der Regel nachgezeichnet waren, in den Sprechblasen erschien nicht länger das stilechte Handlettering, sondern der billigere Maschinensatz, und wie zum Hohn entschied sich der Verlag für einen besonders engen, mickrigen Schrifttyp (siehe unten). Einzig die Colorierung der Condor-Publikationen konnte sich meistens sehen lassen.

In dieser schweren Zeit hätte Hajo F. Breuer auf seinem Posten zumindest kleine Wunder bewirken können; auf die Auswahl der Geschichten hatte er freilich keinen Einfluss. Doch seine Leistungen als Übersetzer fallen noch hinter die problematischen Bearbeitungen des BSV-Verlags zurück, in deren Marvel-Heften neben legendären Stilblüten zumindest von Zeit zu Zeit anständige Übersetzungen geboten wurden. Breuer hatte Germanistik, Anglistik und Philosophie studiert, doch obwohl er als Williams-Leser von den Eindeutschungen des hochgebildeten Scherzbolds Hartmut Huff geprägt war und ihm zuweilen dank des größeren Album-Formats mehr Platz zur Verfügung stand, sind seine Übertragungen bürokratisch und ungelenk. Breuer hatte eine Vorliebe für das Präteritum, eine Vergangenheitsform, die in Sprechblasen fast nie funktioniert. Wenn es im Original z.B. heißt „I killed him“, sollte es im Deutschen etwa heißen: „Ich habe ihn umgebracht“ und nicht „Ich tötete ihn“, weil so einfach kein Mensch redet. (Der Satz: „Schweig! Ich hörte genug!“ klingt selbst aus dem Munde eines Raum-Androiden etwas geschraubt.) Wo es die Höflichkeit des Texters und Übersetzers allgemein gebietet, die unvermeidlichen Funktionstexte (im Dialog versteckte Erklärungen oder Hinweise auf ein früheres Ereignis) diskret zu einzubinden, wirft Breuer diese dem Leser geflissentlich vor die Füße („Zeit, unseren Sohn zu besuchen. Wir veränderten seine Genstruktur. Was ist das Ergebnis?“ sagt der Forscher zu seiner Frau).

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Das Finale aus dem „Silver Surfer“ #15, „The Flame And The Fury“ (April 1970): einmal in der Condor-Version von Hajo F. Breuer (1980) und einmal in der bibliophilen „Marvel Klassik“ des Panini Verlags, übersetzt von Mike Strittmatter (September 1999).
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Es mag den Liebhaber trösten, dass Breuers Versäumnis in eine Zeit fällt, in der auch die Originale aus den USA merklich nachließen. (Kann man bei den Zeichnungen noch von einer Weiterentwicklung sprechen, so ließ sich die Qualität der früheren Dramaturgie über einen so langen Zeitraum und nach dem Abgang der alten Garde einfach nicht mehr aufrecht erhalten.) Sie waren andererseits besonders bedauerlich, weil wir heute annehmen dürfen, dass Breuer bei Condor einer der wenigen wirklichen Fans der Marvel-Comics war. Sein Chef Christian M. Biehler betonte im Interview mit Daniel Wamsler* mehrfach, er habe sich für die Inhalte persönlich nicht interessiert und nur den kaufmännischen Aspekt im Auge gehabt. Das ist begreiflich, aber aus Sicht des Käufers nicht voneinander zu trennen. Die Condor-Marvels ließen diese lebenssatte Poesie so gründlich vermissen, dass sich der Qualitätsvorsprung zu DC auflöste und ich einmal verstört das Heft zuklappte, um mich zu vergewissern, dass ich nicht aus Versehen ein „Superman“-Comic in der Hand habe. Ich hörte auf, diese Sachen zu lesen, und bald auch, sie zu sammeln (- gerade weil meine Marvel-Begeisterung nicht nachgelassen hatte). Das taten auch andere Leser – soviel zum Thema „kaufmännischer Aspekt“.

1983 endete Hajo F. Breuers Zeit bei Condor. Er schilderte die Gründe so: „Die Artikel wurden pro Manuskriptseite à 2.000 Anschläge mit 40 D-Mark bezahlt. Nach Einführung der Künstlersozialkasse wollte Herr Biehler diesen Satz auf 20 D-Mark kürzen. Das habe ich dann nicht mehr mitgemacht.“*
Diese Arbeitsbedingungen erklären die Redundanz von Breuers Artikeln, nicht aber die drangvolle Ökonomie seines Wortschatzes, welche auch die Übersetzungen kennzeichnet.
Nach seinem Ausscheiden bei Condor betreute er als Chefredakteur einige DC-Comics und gab eine Science-Fiction-Buchreihe heraus. Kurz vor seinem frühen Tod im Jahre 2014 trat er für die AfD bei Kommunalwahlen in Mönchengladbach an. Das ist nicht ohne Ironie, hatte sich doch einst der streitbare Comic-Fachautor Andreas C. Knigge juristisch mit ihm balgen müssen, nachdem er Hajo F. Breuer in seinem Fanzine als „Comic-Rechtsaußen“ beschimpft hatte.

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* Nachzulesen in Daniel Wamslers Fanzine „Das sagte Nuff“ Nr. 7.

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