„Ich war das Funkemariechen des Medienbetriebs“

betr.: 84. Geburtstag von Eberhard Storeck*

Die „Muppet Show“ war feuchter Traum und (aussichtslose) Inspirationsquelle praktisch aller TV-Redakteure, mit denen ich in den 80er und 90er Jahren in Sitzungen zusammentraf. Diese Sendung heute wiederzusehen, ist ein zweischneidiges Vergnügen. Sieht man sie auf Deutsch, vermisst man (zumindest in den Sketchen und Dialogen) die berühmten Originalstimmen der Gaststars. Sieht man das Original, fehlt die köstliche Bearbeitung von Eberhard Storeck. Ein Purist könnte nun einwenden, die Muppets (eigentlich ein Programm für Erwachsene mit einem männlichen Sprecher für Miss Piggy), könnten doch in einer kindgerechten deutschen Fassung unmöglich funktionieren. Wer so argumentiert, ist zu jung, um mit diesen Dingen aufgewachsen zu sein. (Und analysiert sie lieber, als sie tatsächlich anzuschauen.) (Und übersieht, dass die besagte Männerstimme kein subversiver Scherz war, sondern eine Miterledigung durch einen der Puppenspieler, die von Haus aus eben keine Sprecher waren).
Eberhard Storeck hat sich auf solche Diskussionen ohnehin nicht eingelassen. Wie sich das für die Synchronschaffenden seiner Generation gehört, hatte er andere Pläne gehabt, als deutsche Tonspuren zu schaffen bzw. Kinderaugen zum Leuchten zu bringen. Er ließ sich lange Zeit nur ungern zu seiner Arbeit interviewen.
Als es noch Vorspänne gab, konnte man im Vorabendprogramm häufig die Zeile lesen: „Buch und Dialogregie: Eberhard Storeck“. Ich erinnere mich, dass ich von irgendwoher sogar wusste, dass Storeck der Sprecher vieler Figuren war – der dicken Biene Willi, des Zwergs Snorre und des dänischen Kochs. Jedenfalls verehrte ich ihn – wie auch den Autor / Sprecher Hanns Dieter Hüsch, der den freitäglichen Stummfilm-Vorabend bertreute – für seine Neuerfindung der amerikanischen Trickfilmware und liebte sein markantes Sprecher-Ensemble, besonders Marianne Wischmann, die Miss Piggy und die blaue Elise synchronisierte.

Storeck ist ein protestantischer Ossi, preußisch erzogen und zunächst überzeugter Sozialist. Schon mit Mitte zwanzig kommen ihm Zweifel am Arbeiter- und Bauerstaat. Nach dem Studium von Theaterwissenschaften und Germanistik muss er zunächst Lehrer werden – denn die werden gebraucht. Zwei Jahre unterrichtet er in einer Blindenschule. Dann flieht er sowohl diesen Beruf als auch das naturgemäß heterosexuelle Familienleben. Er geht zur DEFA nach Ost-Berlin und wird in den dortigen Synchron-Ateliers zum Dialogbuchautor für russische Filme. Als er den Auftrag erhält, einem rübergemachten Kollegen in den Westen nachzureisen, um ihn zurückzuholen, weigert er sich, und die Stasi schikaniert ihn mit Drohungen und regelmäßigenVerhören. Er verliert seinen Job und den noch ausstehenden Lohn. 1957 fährt er mit der S-Bahn nach Tempelhof und fliegt in den Westen – unter Tränen, denn er verachtet das westliche System.

Storeck landet zunächst bei der Internationalen Film Union in Remagen, dann bei Beta-Film in München. Der enigmatische Filmrechtemogul Leo Kirch ist noch in seinem Frühstadium, ein hemdsärmeliger Selfmademan, der das Geld in einer schrabbeligen Aktentasche dabeihat. Die ersten Filme, die Kirch in verbeulten Filmdosen vor allem aus Frankreich und Italien mitbringt, sind die Frühwerke heutiger Klassiker: Pasolini oder Godard, außerdem Buñuel und Agnès Varda. Eberhard Storeck hat zunächst viel Hochkultur zu übersetzen, doch Leo Kirch strebt eine Rundumversorgung des deutschen Publikums an. Er kauft auch Serien fürs Fernsehen, und die sind „Leichte Muse“ und kommen aus Amerika.
Der linksintellektuelle Storeck überwindet sich. Dinge wie die zweihundert Folgen „Abenteuer Wildnis“ gehen ihm so gut von der Hand, dass er für die Neorealisten und die Nouvelle Vague bald keine Zeit mehr hat. Er bemüht sich auch um Hörspiele, doch in diese Kreise vermag er nicht vorzudringen.
Da er auch Komödie kann – er hat einige Filme der „Marx Brothers“ übersetzt – legt man ihm Ende der 60er Jahre „Bugs Bunny“ vor. Storeck wehrt sich mit Händen, Füßen und dem Hinweis: „Ich habe Bergman und Godard übersetzt, und ihr kommt mir mit so einem Pipifax!“ Sein Lebensgefährte überredet ihn, sich zu fügen: „Du kommst mir vor wie einer, der unbedingt den Hamlet spielen will und nicht wahrhaben will, dass er in Wirklichkeit ein Komiker ist.“

Gleich als zweiten derartigen Auftrag bearbeitet Eberhard Storeck die Cartoons um einen rosaroten Panther, die mit der Trickfilm-Version des Kinohelden Inspektor Clouseau und den Abenteuern eines blauen Ameisenbären zu einer Show fürs ZDF-Kinderprogramm zusammengefügt werden. Er macht aus dem Ameisenbär ein Weibchen, wodurch die Sache erheblich komischer wird, montiert einen Abspann zusammen, textet dafür das Schlusslied „Wer hat an der Uhr gedreht?“ und unterlegt die stummen Panther-Filme mit gereimten Texten, die der Sean Connery- und Captain Kirk-Synchronsprecher Gert Günther Hoffman zu lesen bekommt.
Hier finden sich Reime von bleibender Gültigkeit: „Es pflegt der Mensch beim Wüten oder Hassen / wenn möglich Wut und Hass an Dingen auszulassen“ oder „Denn wer randvoll des süßen Weins / dem ist es wurscht, wenn’s schon halb eins“. Storeck spuckte solche Kleinodien aus wie eine Kette von Würstchen. Im kollektiven Gedächtnis werden jene bleiben, die Woche für Woche wiederholt werden, etwa: „Heute ist nicht alle Tage / Ich komm wieder, keine Frage!“ aus dem Abspann. Er ahnt es noch nicht, aber schon jetzt hat er seinen ersten Klassiker geschaffen und sich die Rückkehr in die Hochkultur zugemauert.

Mitte der 70er Jahre folgen “Die Biene Maja“ und „Wickie und die starken Männer“, die ersten jener ZDF-Koproduktionen, die mit reduzierten Mitteln in Japan gezeichnet werden. Jede davon hat 52 Folgen, was ihnen beim jugendlichen Publikum den Eindruck einbringt, endlos zu laufen. Noch immer ist Storecks Widerwille groß, obwohl ihm der weitsichtige Hinweis bereits dargetan wird, dieses Zeug könnte seine Altersversorgung sein.

Für den besten Freund der goldigen Biene Maja (die zu unrecht im Vorspannlied als „frech“ bezeichnet wird) wird ein Junge ins Studio gebeten, der beim Casting noch als Idealbesetzung erschienen war. Bei den Aufnahmen versagt er, so dass Storeck sporadisch einspringt, um die Dispo zu retten. Diese Zwischenlösung erregt bei allen (außer ihm selbst) großes Gelächter, und die Redakteurin sagt den seltenen Satz: „Prima, das isses!“
Die faule, ängstliche, verfressene Drohne Willi wird zum großen Sympathieträger, heimlichen Star und Geldverdiener der Serie.
Eberhard Storecks Verschmelzung mit der ungeliebten Wundertat ist perfekt, als er im Willi-Kostüm eine Auftrittsserie hinlegen muss. (Ich erinnere mich an eine Übertragung von der Berliner Funkausstellung, bei der er einen seiner Flügel unterm Arm hatte. Die Dinger brachen ständig ab, wie er mir erzählte.) Das Lied hat er natürlich selbst geschrieben: „Ich bin der faule Willi / Ein jeder Mann mich kennt / Der superfaule Willi / der so gerne pennt.“ Er erntet dafür eine Goldene Schallplatte.
Es ist sicher nicht überraschend: Eberhard Storeck brauchte seine Stimme für diesen Part nur unwesentlich zu verstellen. Angeblich hat er – als Regisseur durfte er das – einige der Willi-Texte sogar Mikrofon improvisiert.

Die Arbeit wird Eberhard Storeck zumindest dadurch erleichtert, dass er seiner Fantasie freien Lauf lassen darf. Einiges davon – „Larry’s Showtime“ mit den TV-Sketchen von Jerry Lewis, “Trickfilmzeit mit Adelheid“ oder der abendfüllende Cartoon „Die Dschungel-Olympiade“ – ist heute vollständig vergessen, aber der Autor wird zu einem derartigen Spezialisten dieses Fachs, dass alle damit zu ihm kommen. Für einen reinen Gedichtband, wie ihn sich etwa der Diogenes Verlag gewünscht hat, fehlt ihm die Zeit.
Bei der „Muppet Show“ ist er zumindest regelmäßig als Songtexter gefordert. Das Repertoire besteht aus den berühmten Nummern des „Great American Songbook“, und während die Gesangseinlagen der Stars im O-Ton zu hören sind, singen die Puppen auf Deutsch. Muppet-Vater Jim Henson ist vom Ergebnis so angetan, dass er auch die Folgeformate „Muppet Babies“, „Die Fraggles“ sowie die Kinofilme mit den Muppets von Storeck bearbeiten lässt.
Dass er die Zeit nach den Muppets gern als „das Ende meiner ernstzunehmenden Karriere“ bezeichnet, lässt darauf schließen, dass er mit der Kinderstunde nach amerikanischer Vorlage zumindest seinen Frieden geschlossen hat.

Doch das Niveau des Kinderfernsehens sinkt, und der Meister  betreut Live-Action wie „Magnum“ und „Golden Girls“. Reine Actionserien lehnt er ab. Von „Baywatch“, wo er „schwachsinnige Dialoge in gutes Deutsch übertragen“ muss, erholt er sich mit der Lektüre von Theodor Fontane. „Das ist für mich wie Händewaschen“. Ausserdem wird er als Pächter des traditionsreichen Feriendomizils „Haus Ahrenshoop“ auf Sylt zum Hotelier. Ende der 80er Jahre zieht er in ein kleines Dorf bei Flensburg und bewirtschaftet einen alten Friesenhof.
Als ich ihn im Studio Hamburg als Regisseur erleben darf, ist ihm auch das schon zu mühsam geworden. „Ich sehe zwar aus wie Anfang 60, aber ich bin‘s nun mal nicht“, meint er. Ich weiche in den Pausen nicht von seiner Seite, um Kabinettstückchen wie „Die Bürgschaft auf die Melodie An der schönen blauen Donau“ nicht zu verpassen. Oder Anekdoten aus seiner Synchronarbeit.

Meine Generation hat unendlich davon profitiert, dass man die mediale Kinderbetreuung jener Jahre so gern in die Hände humanistisch gebildeter Schöngeister legte. (Ich danke Gott, dass Eberhard Storeck nicht im Regietheater gelandet ist!) Die Karriere der „Micky Maus“-Übersetzerin Dr. Erika Fuchs ist ein weiteres Beispiel dafür, es gibt noch viele andere.
Und welch ein Glück, dass uns kein Smartphone den Blick für all die Wonne versprerren konnte.

Nachträge:

Auf den untenstehenden freundlichen Hinweis eines Lesers antwortet die „F. A. Z.“ in einem Artikel vom 25.9.2018 mit der Hoffnung, es könnte sich bei dem Verstorbenen um einen anderen Eberhard Storeck handeln. Mein Facebook-Faksimile dieses Artikels wurde von meiner Kollegin Tanja Dohse mit einer Erinnerung beantwortet:

Facebook

Ich hab ihn vor vielen Jahren im Studio Hamburg erlebt , da führte er Regie bei einer Serie in der die Hauptrollen von Kindern gesprochen wurden und er hat in fast jeder Mittagspause für sie alle gekocht. Das hat mich schwer beeindruckt! Ich selbst hatte nur eine kleine Rolle und durfte leider nicht mitessen. So sind mir Eberhards Kochkünste verwehrt geblieben. Schade! 

_________________
* Eine Kostprobe seiner Reime für den „Rosaroten Panther“ findet sich unter https://blog.montyarnold.de/2016/06/14/the-hippest-cat/.

Dieser Beitrag wurde unter Fernsehen, Hommage, Medienkunde, Mikrofonarbeit, Monty Arnold - Biographisches abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten auf „Ich war das Funkemariechen des Medienbetriebs“

  1. Knut Thielsen sagt:

    Herr Eberhard Storeck ist am 02.02.2015 in Berlin verstorben und wurde auf dem Friedhof in Keitum/Sylt beigesetzt

  2. Pingback: Notlandung auf Suburbia - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

  3. Pingback: Tierhaargespräche - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>