Naughty but Proper

betr.: 65. Todestag von Gertrude Lawrence

„Star!“ ist ein Biopic über den britischen Theaterstar Gertrude Lawrence (– Theaterstar ist freilich eine schlimme Vereinfachung, die im Laufe der folgenden Zeilen ein wenig korrigiert werden soll). Dieses nur 54 Jahre währende Leben war so prall und reich, dass besagter Film insgesamt für zu lang befunden wurde – obwohl er sich  auf den künstlerischen Aspekt konzentriert und das Beziehungsleben auf die heterosexuelle Seite beschränkt.
“Star!“ hat seine 12 Millionen Dollar Produktionskosten nicht annähernd eingespielt. Für Menschen, die solides Entertainment schätzen ist er, 1968 von Alleskönner Robert Wise inszeniert, trotzdem unbedingt sehenswert.

Hauptdarstellerin Julie Andrews versucht schlauerweise nicht, Gertrude Lawrence zu imitieren. Sie vermittelt uns einen Eindruck, wie es so zugegangen sein mag in dieser Welt, die im Vaudeville begann und über glanzvolle Londoner Revuen bis an den Broadway führte*. Zu Beginn sehen wir sie mit ihren Eltern in der Londoner Music Hall die Arbeiterklasse belustigen: ein besoffenes, lautes, mit Obst werfendes „Ungeheuer ohne Kopf“ (wie Chaplin dieses Publikum beschrieb). Julie / Gertie steigt aus der Nummer aus, schmeißt das Obst zurück und bringt den Saal auf Linie – sehr zum Missfallen ihrer Kollegen.

Noel+Gertie
Gertrude Lawrence mit ihrem ergebensten Autor und Spielpartner Noël Coward auf einem Tonträger, der sogar noch lieferbar ist.

In den folgenden knapp drei Stunden erleben wir eine Reihe musikalischer Darbietungen, die man auch von der unerschrockenen Julie Andrews nicht erwartet hätte. Zwei der Höhepunkte sind Cole Porters „The Physician“ und das Finale aus Kurt Weills Psychoanalyse-Musical „Lady In The Dark“, die legendäre „Saga Of Jenny“.

Der wichtigste Mann im Leben der Gertrude Lawrence dürfte ihr früher Autor und Spielpartner Noël Coward gewesen sein, dem sie im Gegenzug eine Grenzerfahrung zufügte. Von Lilli Palmer befragt, ob er jemals mit einer Frau geschlafen habe, antwortete Coward „mit seiner abgehackten, leicht verschnupften Stimme“: „Niemals! Niemals. Ein einziges Mal ist ein weibliches Wesen tätig geworden. Das war natürlich Gertie. Sie war zwölf, ich war elf. Wir waren beide Engel im Weihnachtsmärchen. Mit Flügeln, was die Sache erschwerte. Das Ganze fand in der Damentoilette hinter den Kulissen statt. Seither bin ich nie mehr vom Pfad der Tugend abgewichen.“
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* Zu ihrem letzten und größten Erfolg in New York siehe https://blog.montyarnold.de/2016/12/25/broadways-like-that-38-getrude-lawrence-am-broadway/

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