Gute Kinderstube

betr.: 95. Geburtstag von Charles M. Schulz

„Unglücklicherweise haben wir Cartoonisten die Aufmerksamkeit des Publikums immer nur für sehr kurze Zeit“, klagte Charles M. Schulz, Vater der „Peanuts“. „Ich habe zwar jeden Tag ein sehr großes Publikum, aber immer nur für 16 Sekunden“. Ein Millionenpublikum, um genau zu sein.
Alles in allem dürfte Schulz mit dem Ergebnis zufrieden gewesen sein. Bis zum Februar 2000 (einen Tag nach seinem Tod) erschien jeden Tag ein solcher Comic-Strip – sonntags sogar ein 32sekündiger – insgesamt etwa 17.8000 davon, sämtlich von ihm persönlich geschrieben, gezeichnet und gelettert.
„Als die Peanuts 1950 zum ersten Mal erschienen, sahen sie ganz anders aus als heute. Damals war ein anderer Zeichenstil modern, und wahrscheinlich konnte ich es wohl noch nicht so gut. Heute schaue ich auf die Comics meiner Anfangszeit mit einer seltsamen Mischung aus Stolz und Scham zurück.“
Wenn wir, die wir nicht ganz so streng sein müssen, uns diese Strips anschauen, stellen wir fest, dass die Figuren in jenen frühen Zeiten der Entwicklung auch noch biologisch gealtert sind – wenn auch nicht alle im exakt gleichen Tempo. Als sie nach etwa zwei Jahren in ihrem Idealzustand steckenblieben, war auch das Konzept ausgereift: Schulkinder, die sich auf dem intellektuellen Niveau (einiger) Erwachsener befinden. (Damit ist zu diesem Thema freilich längst nicht alles gesagt …)

Innerhalb eines knappen Jahres war der zunächst nur „sanfte, kleine“ Charlie Brown mit all den Minderwertigkeitskomplexen ausgestattet, die ihm in der Schule so viel Verdruss und in der realen Welt solche Beliebtheit eintragen würden. Der gleichnamige real existierende Jugendfreund von Charles Schulz, Charles Brown aus Minneapolis, fand das gar nicht schmeichelhaft.
Auch Snoopy, der (bis zum Auftauchen von „Garfield“ 35 Jahre später) größte Hedonist im gezeichneten Tierreich, brauchte eine Weile, um zu sich selbst zu finden.
Schulz: „Snoopy veränderte sich, als ich lernte, ihn besser zu zeichnen. Früher saß er immer nur rum oder trottete allenfalls hinter den Kindern her. Als Snoopy eines Tages seine Spaghetti nicht schmeckten, kam mir die Idee, ihm eine Gedankenblase zu geben, und plötzlich bekam er Persönlichkeit. Jetzt konnte ich Gags erfinden, die vorher unmöglich gewesen wären, und ich bin überzeugt, dass das einen guten Teil des Erfolges ausgemacht hat.“
Noch erfolgreicher wurde der Beagle, als er davon zu träumen begann, das berühmte Flieger-As des Ersten Weltkriegs zu sein, das den „Roten Baron“ jagt – auf seiner ratternden Hundehütte.

Schulz

Dass Schulz verfügte, niemand außer ihm dürfe die „Peanuts“ zeichnen bzw. fortsetzen, hat der Qualität der Serie sicher genutzt, aber der eine oder andere faule Kompromiss kam zu Lebzeiten des Meisters doch noch zustande. In den zunächst sehr werkgetreuen Zeichentrickfilmen schlichen sich nach etwa zehn Jahren einige Stilbrüche ein. In Anlehnung an das Stilmittel, dass in den Comics niemals Erwachsene zu sehen sind – Schulz hat Idee gefallen, diese seien zu groß für das Strip-Format – sah man auch in der Filmversion zunächst keine solchen. In den Klassenzimmer-Szenen befand sich die Lehrerin Frl. Otmar immer im Off, und ihre Stimme wurde durch ein skurriles Gequake ersetzt. In dem TV-Special  „Sie ist eine Sportskanone (1980)“ hört man die Großen verständlich reden, zehn Jahre später in der rührseligen Episode „Der Große Kampf der kleinen Janice“ werfen sie Schatten auf die kleinen Helden. Zuletzt traten die erwachsenen Figuren ganz anstandslos ins Bild, was umso merkwürdiger war, als sie weiterhin nur Komparsenrollen spielten, auf die man ohne Weiteres hätte verzichten können.
An dieser Entwicklung lässt sich das geringer werdende Ansehen ablesen, dass die jungen Zuschauer in den Kreisen der Verantwortlichen genossen: man traute ihnen einfach nicht mehr zu, mit einem solchen Kunstgriff umzugehen.
Ich verstehe bis heute nicht, wie sich Charles M. Schulz darauf einlassen konnte.

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