Filmszenen zum Davonlaufen (1): Einführende Worte

betr.: Michael Haneke / Steven Spielberg

Missglückte Filmszenen kommen in zwei Ausführungen daher. Da gibt es diese ergötzlichen Fehlleistungen, die geeignet sind, ein ansonsten geglücktes, ja makelloses Filmvergnügen zu beschädigen oder gar völlig zu versauen; vergleichbar dem törichten Fleck, der ein komplettes Gemälde ruiniert. Je nach Genre und Ambition kann solch ein Moment in der Wahrnehmung des Publikums auch zum Höhepunkt mutieren.*
Und dann gibt es die andere Sorte: den allerschlimmsten vieler schlimmen Momente. Diese sind nur der coup de grâce für ein ohnehin aussichtsloses Unterfangen, ihre unmittelbare Greifbarkeit ein erlösendes Signal für den Zuschauer, der ansonsten noch vergeblich gehofft hätte, das betreffende Machwerk möge sich zum Besseren wenden. Man kann kapitulieren, den Abend verloren geben und beispielsweise lachen, wenn schon keine Rührung erzeugt wird.
Der feine Unterschied zwischen diesen beiden Varianten ist überaus lustvoll.

Anfang Oktober rügte der Regisseur Michael Haneke im „Süddeutsche Zeitung Magazin“ eine Sequenz aus dem ansonsten über jeden kritischen Einwand erhabenen Holocaust-Drama „Schindlers Liste“: „Ich habe gesagt, dass dieser Film eine Zumutung ist, weil er mit unzulässigen Effekten arbeitet. Sie kennen doch die Szene, wo man für ein paar Sekunden nicht weiß, ob aus den Duschköpfen Wasser oder Gas kommt. Das geht einfach nicht, das ist illegitim, eine Frage des Taktes und des Respekts. Man kann alles sagen, aber nicht auf jede Weise. Und für so ein Thema muss man einen anderen Weg finden, sonst ist man naiv, dumm oder kalkuliert.“
Das Gefühl, es mit einem „kalkulierenden“ Filmemacher zu tun zu haben, hat mich (nicht unbedingt Michael Haneke!) bei jedem Film von Steven Spielberg seit „Jaws“ beschlichen. Auch deshalb fand ich das Statement so befreiend.

In dieser Reihe soll es um die Würdigung beider Gattungen vergeigter Kinomomente gehen: den punktuellen Ausrutscher und den exemplarischen Missgriff. Welcher Fall jeweils vorliegt, mag der Leser entscheiden.

_____________
* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2014/09/23/abfall-ist-rohstoff-was-ist-trash/

Forts. folgt

Dieser Beitrag wurde unter Film, Medienphilosophie abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>