Filmszenen zum Davonlaufen (2): Am Mikrofon „Mrs. Doubtfire“

Unter dem Logo des Filmstudios und den ersten Bildern ist die berühmte Arie aus „Figaros Hochzeit“ zu hören. Der Film beginnt mit dem Blick auf eine Leinwand, auf der ein Cartoon im ChuckJones-Stil gezeigt wird. Der Sänger erweist sich als ein kleiner Papagei, der in seinen Käfig Rossini singt.
Als die Kamera zurückzoomt wissen wir es noch genauer: Robin Williams, der für seine Stimmkünste gefeierte Hauptdarsteller des Films, steht im Synchronstudio und leiht dem virtuosen Vogel seine Stimme. (Wie üblich, wenn Synchronarbeit im Kino gezeigt wird, gibt es keinen Einzähler – der Sprecher spricht oder singt minutenlang lippensynchron aufs Bild. Aber vielleicht war Robin Williams so verteufelt gut, dass er auf derartige technische Hilfsmittel nicht angewiesen war.) Während die Arie unter den Titeln zuendegesungen, pirscht sich ein Kater an den Vogelkäfig heran. Natürlich spricht Robin Williams auch den Kater. Er begrüßt den Papagei, öffnet das Türchen, nimmt ihn von der Schaukel und trägt ihn in die Küche. Alles Kreischen und Um-Hilfe-Rufen des kleinen Vogels nützt nichts. Während der Kater die Vorbereitungen trifft, quasseln die beiden miteinander, es fallen Punchlines wie: „Nachmittagssnacks haben keine Bürgerrechte“. Dennoch bietet der Kater seiner Beute eine „letzte Zigarette“ an. Nun läuft der Sprecher zur moralischen Hochform auf. Während der Vogel die Zigarette annimmt und behaglich qualmt, weicht Robin Williams vom Text ab und improvisiert einen Anti-Nikotin-Text auf die Szene. Der Dialogregisseur, der diesen zivilen Ungehorsam wohl schon häufiger erlebt hat, bricht die Aufnahme ab.
„Die Zeile steht nicht im Skript, warum tust du sowas?“
Robin Williams nimmt den Kopfhörer ab. „Ich finde, dass ich die Situation kommentieren sollte“, sagt er nun mit seiner normalen Stimme.
„Welche Situation?“
„Ich meine, dass man Patchy dem Papagei ‘ne Zigarette in den Schnabel schiebt, ist einfach nicht zu verantworten!“
Der Regisseur geht tatsächlich darauf ein: „Das ist’n Zeichentrickfilm, verstehst du, und kein Gesundheitsmagazin für’s Fernsehen!“
„Lou, Millionen Kinder sehen das! Das ist, als würdest du jedem ’ne Packung in die Hand drücken uns sagen: Rauchen entspannt!“
Lou versucht es nun mit einem technischen Argument: „Du kannst Patchy doch nicht sprechen lassen, wenn sich sein Schnabel nicht bewegt!“
Das hat er nun davon: auch Williams packt jetzt die Profi-Keule aus: „Dann ist es ein Overlay, ein innerer Monolog. Sowas wie die Stimme Gottes, das wär‘ noch besser: ‚Tu’s nicht, Patchy, rauche nicht!“
Als der Regisseur nun eine abfällige Bemerkung über Schauspielermarotten macht, zieht der Künstler das Personal hinter der Glasscheibe mit in die Sache rein. Das funktioniert nicht. Die Techniker sind sogar zu dritt, und alle rauchen.
Lou droht dem Künstler an, ihn auszutauschen, wenn er nicht damit aufhört, „Gandhi zu spielen“, und Robin Williams schmeißt hin und geht – voll Todesverachtung, erhobenen Hauptes und nicht, ohne sich ein letztes Mal die Stimme verstellt und Schweinchen Dick zitiert zu haben (- eine Anspielung, die in der deutschen Synchronfassung nicht funktioniert).
Nun erst beginnt der eigentliche Film, in dem der wackere Humorist noch ganz andere Sorgen hat.

Von all den Szenen, die sich Robin Williams hat in seine Drehbücher schreiben lassen, um sich seinen Fans als das wirklich alleredelste moralische Unterseeboot der Welt hinzuhalten, selbst wenn es ihn Kopf und Kragen kostet, finde ich diese besonders ärgerlich.
Vielleicht, weil sie so sehr an die Bigotterie einer Nation erinnert, die mit gewissen Darstellungen Riesenprobleme hat (gleichgeschlechtliche Zärtlichkeiten zum Beispiel), während es kein Problem darstellt, sich auf der Leinwand gegenseitig über den Haufen zu schießen. Schlimmer noch finde ich, wie hier der Beruf des Entertainers im Allgemeinen und des Sprechers im Besonderen verunglimpft wird, denn ein solches Betragen in einer derartigen Situation ist nicht nur völlig überzogen, es wird auch keineswegs – wie die Szene impliziert – mehrmals geduldet, bis endlich jemand die Konsequenzen zieht. Im übrigen kann jeder Sprecher einen derartigen Job auch im Vorfeld ablehnen und muss den Gandhi nicht während der Produktion spielen.

Dem Publikum soll mit dieser Szene wohl zweierlei klar gemacht werden: dass dieser Mann (seine) Kinder über alles liebt, und dass er nun vor lauter Lauterkeit keinen Job mehr hat, weshalb er sich als Kindermädchen in den Haushalt seiner geschiedenen Frau einschleichen kann.
Braucht man als Zuschauer einer romantischen Familienkomödie wirklich eine solche Vorgeschichte, um zu kapieren, dass ein geschiedener Mann gerne seine Kinder wiedersehen möchte?
Vielleicht in Hollywood.

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