Die schönsten Filme, die ich kenne (59): „Die Nacht der tausend Augen“*

Viele Glamour-Stars aus Hollywoods Glanzzeit fanden sich ab den 70er Jahren im Fernsehen oder in B-Filmen wieder. Wer besonders tief sank, der drehte diese außerhalb Hollywoods, z.B. in Deutschland oder südlich der mexikanischen Grenze. (Der Autor Christoph Dompke hat dieses Phänomen in „Alte Frauen in schlechten Filmen“ ergründet.) 1973 machte Liz Taylor ihren ersten Horrorfilm. Sie war zwar unmittelbar davor bereits in einer Reihe recht tollkühnerProjekte aufgetreten, doch das zeitgenössische Publikum wird „Die Nacht der tausend Augen“ schon vor dem Betreten des Kinos als einen besonderen Abstieg empfunden haben. Einige könnten immerhin bei dem Hinweis „nach einem Theaterstück von Lucille Fletcher“** stutzig geworden sein – im positiven Sinne.

Die reiche Londonerin Ellen Wheeler leidet unter Schlaflosigkeit. Von ihrem Fenster aus blickt sie auf ein verlassenes Grundstück auf der anderen Straßenseite. Im oberen Stockwerk der vermoderten Bruchbude will sie die Opfer eines Mordes erspäht haben, als ein nächtlicher Sturm die Fensterläden aufklappen ließ und Blitze den Raum erleuchteten. Ihr Ehemann John glaubt ihr nicht, doch er verständigt die Polizei. Die untersucht das Haus und findet nichts. Ellen bleibt bei ihrer Darstellung. Als sie immer wieder Alarm schlägt, hat der Zuseher drei Optionen: will man die durch ein früheres Eheerlebnis traumatisierte Dame in den Wahnsinn treiben, ist sie tatsächlich verrückt, oder hat sie am Ende recht? – Wie sich herausstellt, gibt es noch eine vierte Möglichkeit …

Ungeachtet seines Misserfolgs beim Publikum hat „Night Watch“ – ähnlich wie der Klassiker „Tanz der Vampire“ – die Vorzüge eines Genrefilms, der sich als Parodie verkleidet. Buchstäblich gegenüber von einem gotischen Gruselhaus sehen wir in einem luxuriösen, aber überladenen Ambiente eine moderne Ehe kaputtgehen. Die Rolle der zweifach Betrogenen und von Verrätern Umzingelten war nicht schmeichelhaft für die immer noch glamouröse Elizabeth Taylor, zumal sie auch den ermittelnden Beamten schrecklich auf die Nerven geht. Doch die Heldin wächst mit ihren Aufgaben. Sie wird sie Szene als (moralische) Siegerin verlassen, die alle Widrigkeiten in den Griff bekommen und sogar die zahlreichen Klischees im amüsantesten Sinne ausbalanciert hat: Gespenster (man weiß zunächst nicht, ob echt oder eingebildet), irre Flashbacks, nächtliches Blitzen und Donnergrollen, ein verlassenes, verrottetes Bauwerk sowie geduldig auf ihre Zweckentfremdung wartende Küchenmesser.
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* Nicht zu verwechseln mit „Die Nacht hat tausend Augen“, einem erheblichen älteren übersinnlichen Drama mit Edward G. Robinson
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/02/17/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-16-du-lebst-noch-105-minuten/.

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