Die schönsten Comics, die ich kenne (21): „Call Him Destiny Or Call Him Death“

… aus der Serie „The Sub-Mariner“, Marvel Comics April 1968, ein einmaliges Sonderheft gemeinsam mit „Iron Man“, Text: Roy Thomas, Zeichnungen: Gene Colan, Reinzeichnung: Frank Giacoia. Wiederveröffentlicht in “Marvel Masterworks: The Sub-Mariner”-Sammelband Nr. 2, Juni 2007, keine deutsche Übersetzung

Was bisher geschah: Namor, der Held von Atlantis, wird von Alpträumen geplagt.* Ein altes, böses Gesicht mit sperrigen Zähnen und einem extravaganten Kopfputz flüstert ihm Schmähungen zu und verspricht ihm, von nun an jede Nacht wiederzukommen. Nach dem Erwachen quält ihn das Gefühl, diesem unangenehmen Menschen schon einmal begegnet zu sein. Die Alpträume wiederholen sich tatsächlich immerzu, und so bricht unser flugtüchtiger Monarch auf, um ihnen auf den Grund zu gehen. Sein Nachtmahr lockt ihn ins ewige Eis, wo er ihm schließlich persönlich gegenübertritt – und in eine Falle …
Hier beginnt das „Special Once-In-A-Lifetime-Issue“ mit je einer Episode „Iron Man and Sub-Mariner“. Besonders die Zweitere verdient eine Erinnerung.

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Dieser Erzschurke hat seinen Ursprung auf dem Jahrmarkt. (Copyright 1968 by Marvel Comics)

Bei den Marvel Comics des Silver Age war viel Handlung auf engem Raum nichts Ungewöhnliches, besonders seit Roy Thomas im „Haus der Ideen“ Szenarios schrieb. Er liebte literarische Anspielungen. Während sein Herr und Meister Stan Lee eher willkürlich im europäischen Mythenschatz herumgeschaufelt hatte, waren es bei Thomas konkrete Anspielungen, mitunter präzise Zitate, denen der Heftchenleser in den Kampfpausen seiner Lieblinge nachspüren konnte. (Der Zeichner Gene Colan wurde später als Betreuer der beliebten „Dracula“-Reihe zum Spezialisten für märchenhafte Sujets.)
Mit dem Erzverbrecher Paul Schicksal erschuf Roy Thomas – möglicherweise unbewusst – eine Thomas-Bernhard-Figur mit Superkräften, einen Griesgram mit teilweise angeborenen, teilweise hinzuerworbenen Fähigkeiten, die ihm die praktische Auslebung seiner Menschenverachtung ermöglichten. Ehe sich Schicksal die ganze Menschheit vorknöpft, fokussiert er seine Abscheu in einer Art Generalprobe auf Prinz Namor. Für die eigentliche Aktion wird er später das Amt des US-Präsidenten anstreben.*

Das Heft erzählt in Rückblenden das Vorleben dieses Mannes, eines ehemaligen Schaustellers. Er nannte sich Mentallo und war Gedankenleser auf den billigen Jahrmärkten der Jahrhundertwende. Ähnlich dem Kafka’schen Hungerkünstler ist er kein Scharlatan: er kann tatsächlich in die Hirne seiner kleinbürgerlichen Fans hineinzusehen. Was Mentallo dort vorfindet, nährt seinen Hass ebenso wie der Unglaube der Zuschauer an seinen Fähigkeiten. Die will er zum Ausbruch aus dem Tingeltangel nutzen. Zum Glück für den Leser und zum Schaden des Protagonisten ist er nicht bloß an Geld interessiert. Er strebt nach einer Macht gleich der „des Menschen über die Ameisen“. (Ob er sich der Ironie dieses Vergleichs bewusst ist?)
Der Jahrmarkt verschlägt ihn in eine Stadt, deren Bibliothek reichhaltige vergriffene Literatur zum Thema Zauberei hütet. Mehrere der Bücher sprechen von den „Uralten“, die in der Antarktis gelebt und die Kunst der Telepathie beherrscht haben sollen. Mentallo schließt sich einer Südpol-Expedition an, um mit Hilfe seines feinen Sensoriums die Reste jener versunkenen Zivilisation aufzuspüren. Der Eisbrecher heißt „Oracle“ und sein Kapitän Leonard McKenzie. Die Expedition wird Mentallo einen magischen Helm in die Hände spielen, sein Käpt’n wird wenig später mit einer gewissen atlantäischen Königstochter zusammentreffen.*

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Nach der Lawine ist vor der Verwandlung! Mentallos letzte Sekunden … (Copyright 1968 by Marvel Comics)

„Call Him Destiny Or Call Him Death“ ist nur ein Kapitel eines übergreifenden Abenteuers mit Prinz Namor, dennoch gibt es hier mit der Destiny-Story eine Art Stück im Stück. Hätte ich es schon in meiner Jugend gelesen, ich hätte vermutlich von einer Verfilmung geträumt. Da die deutschen Fans es nicht zu lesen bekamen, lernte ich es erst mit Jahrzehnten Verspätung kennen und überließ es mit Freuden meinem Kopfkino.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2016/10/01/aquarius-prinz-namor-der-held-von-atlantis-die-deutsche-chronologie-von-marvels-sub-mariner/

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