Die schönsten Filme, die ich kenne (64): „Le Grand Restaurant“*

Aus dem 5-Sterne-Nobelrestaurant des ehrgeizigen Cholerikers Septime ist ein südamerikanischer Staatschef entführt worden. Nun hat der Gastronom nicht nur einen Skandal an der Backe, er wird auch noch verdächtigt – und dazu gezwungen, an der Aufklärung der Affäre mitzuhelfen. Er bekommt es mit einer Terroristengruppe und einer rassigen Agentin zu tun und wird schließlich selbst entführt.

Louis de Funès‘ deutlich am Mitte der 60er Jahre florierenden Spionagekino orientierte Genreparodie könnte einen Heidenspaß machen, wie wir aus der „Fantomas“-Reihe wissen. Tut sie aber nicht. „Scharfe Kurven für Madame“* ist über weite Strecken eine Enttäuschung. Man könnte (müsste) sie als vermurkstes Nebenwerk gnädig dem Vergessen anheimgeben – schließlich drehte de Funès im selben Jahr noch vier weitere Filme –, gäbe es darin nicht ein 30minütiges Vorspiel. Um die Story zu motivieren, erleben wir den Starkomiker zu Beginn in einer handlungslosen Sketch-Revue als diktatorischen Vorgesetzten (also im Normalzustand). Was de Funès hier abfeuert, ist selbst für seine Verhältnisse abenteuerlich: eine Montage, in der er ein gutes Dutzend Erzähltechniken der Komödie bedient, von der Gesellschaftssatire bis zum (Sahnetorten-)Slapstick, von der Militärklamotte bis zum gespielten (Kellner-)Witz. Er lacht (unter Qualen) über die versemmelten Kalauer seiner hochwohlgeborenen Gäste und drangsaliert sein Personal nach Feierabend in einem eigens eingerichteten Theatersaal im Stil einer Kortner-Probe. Wie seine Söhne uns überliefert haben (und wie wir uns ohnehin alle schon dachten), war de Funès in „Louis, der Spaghettikoch“* nicht weniger pingelig als der von ihm verkörperte Chef. Für das Servierer-Ballett (eine Art Straf-Exerzieren für ungezogene Angestellte) engagierte er eine Choreographin, bei der alles „genauso sitzen“ musste „wie bei der ‚West Side Story‘“. Als ihm eine Szene, in der er von prominenten Gästen genötigt wird, ein geheimes Kochrezept preiszugeben, nicht würzig genug erschien, kam er auf die Idee, sich mittels eines Schattenspiels dabei in Adolf Hitler zu verwandeln. (Die „Muskatnuss, Herrr Müller!“-Szene ist naturgemäß die populärste im ganzen Film).

Louis de Funès mischte sich stets in die Drehbücher ein, aber in „Oskar hat die Hosen voll“* scheint sich das vollständig auf die gastronomische Prelude-Sequenz beschränkt zu haben. Ihr gebührt ein Platz nicht nur in der Cinémathèque francaise sondern in der französischen Nationalbibliothek und im Parthenon der Schönen Künste. Danach kann man getrost aussteigen und sich einem der rundum geglückten Werke des Meisters zuwenden.** – Es sei denn, man gerät an die sagenumwobene DEFA-Synchronfassung, die der westlichen weit überlegen sein soll.

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* Unter diesen Titeln war und ist der Film heute unterwegs.
** … z.B. https://blog.montyarnold.de/2017/12/07/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-hibernatus/

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