Tausend nackte Frauen

betr.: „Das war Schwermetall“ (Band 1) (Edition Alfons)

„Schwermetall“ war Anfang der 80er Jahre in der BRD die natürliche Fortsetzung von „Fix und Foxi“ – während in Frankreich die von Knirpsen zu Halbstarken gereiften Comicleser von „Pilote“ zu „Métal Hurlant“ wechseln konnten. Hier wie dort waren es vor allem frankobelgische Künstler, die uns präsentiert wurden.* Sie bespielten die Genres Krimi, Fantasy und Science-Fiction, und es wimmelte von barbusigen Damen; „Schwermetall“ bot Comics für Erwachsene.

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Von „Schwermetall“ strahlten die prachtvollsten Titelseiten im gesamten deutschen Blätterwald herab. Was den Autor dazu bewogen hat, ausgerechnet dieses Motiv (Caza weit unterhalb seiner Möglichkeiten) als Cover für sein fabelhaftes Buch auszuwählen, gehört zu den ungelösten Rätseln der darin beschworenen fremden Welten.

Achim Schnurrer, langjähriger Chefredakteur des Magazins und Gründer des ErlangerComic Salons“, hat soeben den ersten von zwei Bänden vorgelegt, die die Geschichte der Publikation erzählen, zunächst die Jahre 1980 bis ‘88.
Das Buch behandelt im Vorspiel die amerikanische Underground-Szene und schildert in ungewohnten Bildern auch ein Stück bundesrepublikanischer Geschichte. Dabei bringt es eine Reihe von Kunststücken fertig. Biografische und drucktechnische Erläuterungen werden fließend in die Schilderung eingebunden, deren Gerüst die Dokumentation der ersten 99 Ausgaben mit Titelseite und Inhaltsverzeichnis bilden. So gut wie nie verfällt der Autor dabei in altlinkes Gejammer – und die Versuchung wäre groß angesichts des gesellschaftspolitischen Hintergrunds.

Es gibt ganz wenig zu meckern. Die Titel und Schöpfer der erfreulich zahlreichen Ausschnitte aus den Comic-Serien muss der Leser selbst erraten (ein paar winzige Ziffern hätten Abhilfe geschaffen), und ausgerechnet der hochspannende Ricardo Rinaldi wird mit dem Verweis auf eine längst vergriffene Publikation des Autors abgefrühstückt. (Rinaldi war ein Kauka-Mitarbeiter – der beste, der jemals „Lupo“ gezeichnet hat, und der Schöpfer der Serie „Die Pichelsteiner“ – und versah die Bonbonpapierchen des Süßwarenherstellers Storck mit hinreißenden Comic-Abenteuern um den dusseligen Bären Schleck, bevor er für „Schwermetall“ einige Titelseiten zeichnete.)
Die meisten übrigen Kritikpunkte sind nicht des Chronisten Schuld, sondern spiegeln den Lauf der Welt.
Mit dem Abgang des Gründungs-Chefredakteurs Raymond Martin und als Folge seiner Verfehlungen, kommen dem Magazin die Künstler der Gründungszeit* abhanden. „Schwermetall“ wird ab 1985 zu einem wichtigen Schaufenster der deutschen Comic-Szene, was ja eine wirklich feine Sache ist. Leider ist das Magazin von diesem Zeitpunkt an wirklich „achtziger“ – auch, was das ausländische Material betrifft.
U.a. kam mir mein seinerzeitiger Eindruck, der im Buch mehrfach seliggesprochene Hamburger Zeichner Chris Scheuer sei eher ein sensationeller Werbegrafiker als ein passabler Geschichtenerzähler, machtvoll wieder zu Bewusstsein.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/07/14/ein-laechelnder-spuk-aus-der-vergangenheit/

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