Keine Vorkenntnisse nötig – Die Wirkung der gelungenen Parodie (2)

Fortsetzung vom 19.7.2018

Eine ganz ähnliche komödiantische Meisterleistung wie Sellers‘ Version von „A Hard Day’s Night“ ist „I’m Tired“ aus der Mel Brooks-Komödie „Blazing Saddles“. Auch hier bin ich bei jedem Wiederhören verblüfft, wie viel von ihrer Überraschung („Novelty“) die Gangs bewahren und wie makellos diese Nummer gearbeitet ist. (Auf der Langstrecke eines kompletten Films ist Mel Brooks viel weniger sorgsam.)
In diesem Falle waren mir die parodistischen Schichtstufen von vorneherein klar:
Madeline Kahn spielt eine von Marlene Dietrich kaum zu unterscheidende Saloon-Sängerin, die sich darüber beklagt, aufgrund ihrer Unwiderstehlichkeit immerfort Sex haben zu müssen. Schon die originale Marlene hat diese Schattenseite ihres Sex-Appeals offenbart: sie war eine „fleißige“, „gehorsame“ Preußin, die hin und wieder den Verkehr mit ihren Verehrern ertrug, um sie nicht allesamt vor den Kopf zu stoßen. In Hitchcocks „Die rote Lola“ (in dem sie sich praktisch selbst spielt) thematisiert sie dieses Gefühl beim Vortrag des Cole Porter-Songs „I’m The Laziest Gal In Town“. Es ist ein leiser Vorgeschmack auf die Selbstironie, die diese Künstlerin zehn Jahre später bei ihren Konzerten an den Tag legen sollte.

Lazigal

In „I’m Tired“ schlüpft Madeline Kahn in eine Paraderolle der Diva. In dem komödiantischen Western „Der große Bluff“ ist Marlene als singende, schäkernde Bardame aufgetreten und hat später in „In 80 Tagen um die Welt“ diesen Auftritt parodiert. Mehr noch bezieht sich Madeline Kahn jedoch auf Marlene Dietrichs möglicherweise beste und komplexeste Kabarett-Performance: „Black Market“ aus dem Trümmerfilm „Eine auswärtige Affäre“. In diesem Chanson bietet Marlene in einem stimmungsvollen Kellerkabarett ihre Liebesdienste zum Austausch gegen Naturalien an.* (Nebenbei wird noch eine klassische Zote von Mae West adaptiert.)
„I’m Tired Of Being Admired“ macht sich über all das mit sardonischer Boshaftigkeit her und versäumt natürlich nicht, auch den schiefen Gesang des Originals millimetergenau zu rekonstruieren.
Muss man die Vorlage denn nicht kennen, um sich darüber zu amüsieren?
Sicher nicht. Hier kommt mir eher der umgekehrte Gedanke: als Liebhaber und aufrichtiger Bewunderer der echten Marlene müsste ich „I’m Tired“ und seiner Interpretin eigentlich böse sein – ein Problem, dass ich mit 12, 13 Jahren nicht gehabt hätte.
Selbstverständlich bin ich überhaupt nicht böse. Ich fange vielleicht irgendwann damit an, wenn ich mit dem Lachen fertig bin.

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* Siehe auch https://blog.montyarnold.de/2015/01/18/ist-ein-chanson/

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Eine Antwort auf Keine Vorkenntnisse nötig – Die Wirkung der gelungenen Parodie (2)

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