Die schönsten Filme, die ich kenne (74): „Kulenkampffs Schuhe“

betr.: Die ARD-Dokumentation „Kulenkampffs Schuhe“ von Regina Schilling

Der Titel dieser autobiografischen Collage von Regina Schilling lässt eine Würdigung des großen Showmasters Hans Joachim Kulenkampff erwarten. Sie liefert darüberhinaus ein Sittengemälde der frühen BRD, ein packendes Familienportrait und – auch wenn man ein paar Jahre jünger ist – das eigene Leben in anderen Bildern.
In „Kulenkampffs Schuhe“ verwebt die Autorin die Biographien vier etwa gleichaltriger Männer: die der TV-Stars Hans Joachim Kulenkampff, Peter Alexander und Hans Rosenthal sowie ihres Vaters, der am Niederrhein eine Drogerie führte. Ihre Leben werden mit einer beeindruckend stimmig komponierten Auswahl von Showmomenten (die zudem wie neu aus dem Archiv kommen und nicht aus dem Youtube-Pixelsalat), Familienfotos und Super-8-Filmen bebildert. Als zusätzliche Illustration der väterlichen Firmengeschichte wird ein altes Fernsehspiel mit eingeflochten, in dem Horst Tappert einen Drogisten spielt. (Selbst dieser damals mehr als passable Schauspieler scheitert an der Unsprechbarkeit der Dialoge.) Wie Vater Schilling profitiert dieser Geschäftsmann zunächst vom Wirtschaftswunder, wird aber dann von einigen Gesetzesnovellen in die Verschuldung getrieben. Wir erleben die Entstehung der heutigen Leistungs- und Ellenbogengesellschaft und bekommen ungewöhnlicherweise die Kehrseite des westlichen Aufschwungs nach dem Krieg präsentiert. Vater Schilling ist nicht allein: auch Hans Rosenthal wird an Überarbeitung sterben. Das Publicity-Foto, das den überaus erfolgreichen Medienmacher an seinem Schreibtisch im RIAS zeigt, ist – wie alles, was wir hier sehen und hören – perfekt ausgewählt.

Christian Bienert, der Rosenthal-Assistent und langjährige Nachfolger in dessen bis heute laufender Radioshow „Sonntagsrätsel“, erzählte 2004 dem hr vom Arbeitsalltag des beliebten Showmasters.

Naturgemäß haben die vier ungleichen Männer alle den Zweiten Weltkrieg überlebt, und der Film handelt auch davon, wie man mit dieser Bürde weiterlebt. Der frühe Herztod ihres Vaters hat die Autorin um die Möglichkeit gebracht, mit ihm über Krieg und Nationalsozialismus zu sprechen. Die drei Stars gehen sehr unterschiedlich mit dem Thema um. In den legendären Samstagabendshows*, die Regina Schilling in ihren Kindertagen begeistert verfolgte, finden sich ein paar – mitunter versehentliche – Hinweise darauf. Der Ex-Soldat Hans Joachim Kulenkampff erlaubt sich hie und da einen Anti-Militärwitz oder überspielt den antisemitischen Ausrutscher eines Kandidaten. Peter Alexander legt seine übliche selbstbesoffene Rührseligkeit ausgerechnet in dem Moment ab, da er Krieg und Kriegsende eine behutsame Shownummer widmet. Der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal hat es stets abgelehnt, sich bei seiner Arbeit auch nur entfernt auf dieses Thema einzulassen**, erzählt jedoch im Interview sowie in seiner Biographie ganz offen vom ersten seiner „Zwei Leben in Deutschland“. Seine Show-Devise fasst er in einer Anmoderation seines größten Erfolges „Dalli Dalli“ zusammen: „Tempo ist unsere Devise, das heißt, Sie haben Zeit! Lassen Sie sich durch uns nicht anstecken!“ Es ist das Credo der versunkenen deutschen Samstagabendshow.

„Kulenkampffs Schuhe“ erzählt auch von der spät enthüllten Verstrickung einiger seiner Mitspieler in das Dritte Reich. Und von unzähligen anderen Dingen.
Es spricht einiges dafür, dass unsere heutige Republik ebenso skurril ist die damalige. Was wir bei dieser Rückschau empfinden, dürfte dem Eindruck entsprechen, den wir heute auf unsere europäischen Nachbarn machen.

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* „Dalli Dalli“ mit Hans Rosenthal lief nur kurzzeitig am Samstag und war eigentlich eine Donnerstagabendshow.
** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/05/06/bin-so-germanisch-depressiv/

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