Die schönsten Filme, die ich kenne (84): „Sein oder Nichtsein“

Aus cineastischer Sicht bedarf kein Film von Ernst Lubitsch (1892-1947) irgendeiner Verteidigung oder Fürsprache, und doch steht sein witzigstes und konsequentestes Werk ein wenig abseits. Der berühmte „Lubitsch-Touch“ beruht zu einem erheblichen Teil auf dem künstlerischen Spannungsfeld zwischen Romantik und der offenherzigen Frechheit, mit der sexuelle und partnerschaftliche Aspekte dargestellt werden – und das in einer Zeit, in der sich auf der Leinwand noch niemand ausziehen durfte. Immer wieder wird die satirisch gefärbte Ost-West-Romanze „Ninotchka“ als Lubitschs Meisterwerk bezeichnet, wobei wir es hier auch mit dem Herzstück des Kultes um Greta Garbo zu tun haben (was in der Nachbetrachtung gerne vermengt wird). Lubitschs Drehbuchautor und junger Kollege Billy Wilder, der sich stets auf Lubitsch als Vorbild und Maß aller Dinge berief, war mir mit dem Pfeffer seiner eigenen Dialoge und den Abgründen, die er auslotete, immer näher als Lubitsch. Eine Ausnahme ist „Sein oder Nichtsein“. Hier steckt Lubitsch alle in die Tasche!

Warschau im Spätsommer 1939 – Ein Theaterensemble probt „Gestapo“, ein hochaktuelles Nazi-Stück. Das Star-Ehepaar des Hauses hat in der laufenden Shakespeare-Aufführung ein Problem: Hamlet-Darsteller Joseph Tura muss Abend für Abend ertragen, dass ein schneidiger Offizier während seines Monologs die Vorstellung verlässt. Er zweifelt an seiner Wirkung, wäre aber vermutlich noch weniger erbaut, wenn er wüsste, dass sich dieser Mann mit seiner Frau Maria in der Garderobe trifft.
Mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen werden diese und andere Eifersüchteleien unterbrochen, so auch die Ambitionen des Hitler-Darstellers aus „Gestapo“, der in „Hamlet“ nur einen Spieß tragen darf.
Der junge Offizier, ein Flieger namens Sobinsky, schließt sich in England dem polnischen Geschwader der Royal Air Force an. Bei einem Kameradschaftsabend in London lernt er den renommierten polnischen Widerstandskämpfer Professor Siletzky kennen. Dieser berichtet von seiner bevorstehenden Reise nach Polen und bietet den Fliegeroffizieren an, ihren Angehörigen persönliche Nachrichten zu übergeben. Arglos werden ihm die Adressen mitgeteilt. Sobinsky trägt ihm Grüße an Maria Tura auf und wird stutzig, als der Professor offensichtlich noch nie etwas von dieser Berühmtheit gehört hat.
In Wahrheit will Siletzky die Adressen freilich dem Feind übergeben. Sobinsky erklärt sich bereit, mit dem Fallschirm über Warschau abzuspringen, um den Verräter abzufangen. Zwar gelingt es ihm, die Freiheitskämpfer – unter ihnen die Schauspielertruppe – zu warnen, doch Siletzky kommt hinter den Plan und wird bei einem Zusammentreffen erschossen. Die Schauspieler müssen nun die Adressen sicherstellen, ehe sie der Gestapo übergeben werden können. Dabei machen sie sich nicht nur die Ähnlichkeit Joseph Turas mit dem toten Siletzky, sondern auch ihren Fundus an Nazi-Uniformen zunutze.
Bei der heiklen Mission profitieren sie von ihrem Improvisationstalent und drohen mehrfach an ihrer Eitelkeit zu scheitern …

Bereits während des deutschen Vormarschs in der Sowjetunion herausgekommen, ist „Sein oder Nichtsein“ bis heute die treffendste Hitler-Satire und der bei aller Dramatik komischste Film, der je über den realen Horror des Totalitarismus gedreht worden ist. Selbst Chaplins „Der große Diktator“, der 1940 die Hitler-Darstellung in Hollywood überhaupt erst möglich machte (noch ehe die USA in den Krieg eingetreten waren), wirkt neben „To Be Or Not To Be“ wie ein flehentlicher Appell, eine Bitte um die Wiederherstellung der Demokratie, nachdem die Komödie bereits kapituliert hat.
Die eingangs bedauerte Einordnung von „Sein oder Nichtsein“ verweist auf seine zeitgenössische Rezeption. Schon Chaplin hatte es mit seinem „Diktator“ zunächst nicht leicht bei Publikum und Kritik. Lubitsch sah sich anderthalb Jahre später echter Feindseligkeit ausgesetzt, ihm wurden Zynismus und eine Verhöhnung der Polen vorgeworfen. Besonders übel nahm man ihm die Äußerung eines NS-Mannes: „Was der (Tura) mit Shakespeare gemacht hat, machen wir jetzt mit Polen!“ Das sei nun eben der Humor der Nazis, nicht sein persönlicher, entgegnete Lubitsch – es half ihm nicht.

Die Handlung dieses Films, der an der Gefährlichkeit des NS-Regimes nie einen Zweifel aufkommen lässt, ist so verwickelt und halsbrecherisch wie die Verfolgungsjagd in „French Connection“ und zugleich von einer Anarchie wie man sie sonst allenfalls in den Destruktions-Choreographien von Laurel und Hardy findet. Wer sich „Sein oder Nichtsein“ heute anschaut, dem werden zuallererst einige Motive von Tarantinos „Inglorious Basterds“ auffallen. Doch während Tarantino das Thema „Deutsche“ und „Nationalsozialismus“ behandelt, ohne sich um Zeit- und Lokalkolorit zu scheren – finster dreinblickende Chargen aus deutschen Landen in NS-Uniform reichen ihm (und uns!) völlig aus – kennt Lubitsch sein Personal genau: die Deutschen wie die Polen, die Juden wie auch die Nazis, die Militärs wie auch das skurrile Schauspielervölkchen. Die Schönste seiner zahllosen Befindlichkeits-Pointen liefert er zum Schluss: das polnische Ensemble hat glücklich ein Flugzeug gekapert. Nur zwei Nazis sind noch an Bord: die jugendlichen Piloten, die annehmen, Hitler und seine engsten Vertrauten nach Berlin zu befördern. Um sich ihrer zu entledigen, werden sie zum (falschen) Führer bestellt, der Ihnen befiehlt, ohne Fallschirm abzuspringen. Prompt und überglücklich gehorchen sie ihm.

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