Sprechen am Mikrofon – Woran man einen (un)seriösen Anbieter erkennt

Zunächst einmal gilt die alte römische Spruchweisheit von der Welt, die gern betrogen sein will. In unserem Falle bedeutet das: zumindest die Mehrheit der am Sprecherberuf und somit an einem Mikrofonsprechkurs Interessierten will weniger in den Genuss einer tatsächlichen Schulung kommen, die auf eine berufliche (Neu-)Orientierung ausgerichtet ist. Die meisten möchten einfach ein lustiges Wochenende haben, mal für etwas Ungewohntes gelobt werden oder folgenlos in der Annahme bestärkt werden, Synchronsprecher täten im Grunde auch nichts anderes, wir alle, die wir ja auch jeden Tag reden (so als sei „Sprechen“ und „Reden“ dasselbe). Insofern haben auch nicht-seriöse Veranstalter solcher Kurse ihren Platz im Leben.
Wer es mit der Belegung einer solchen Weiterbildung ernst meint, der kann an fünf besonders deutlichen Merkmalen erkennen, ob er den richtigen Anbieter gewählt hat.

1. Die Aufforderung „Bringt gern eure Texte selber mit“
Das ist zunächst einmal irreführend, weil professionelle Sprecher niemals ihr Material selber aussuchen bzw. mitbringen. Weiterhin ist nicht jeder Text gleich gut geeignet, an das Thema herangeführt zu werden. (Selbst mitgebrachte Texte sind sowieso ungeeignet, weil man sie in der Regel schon kennt, und das ist bei Sprecherjobs vielfach nicht gegeben.) Und schließlich ist diese Aufforderung ein Indiz für faules Arbeiten. Wer also sagt: „Schreibt selber was!“ oder eine zufällig herumliegende Illustrierte aufs Pult packt, hatte zur Vorbereitung des Kurses offensichtlich keine Lust.
Hinreißend auch dieser (häufig beobachtete) Fall: In einem „Hörspielkurs“ wird eine Szene aus „TKKG“ eingesprochen. Die entstandene Aufnahme wird den Teilnehmern dann „aus rechtlichen Gründen“ vorenthalten. Warum er es unterlassen hat, ein eigenes Skript herzustellen – z.B. die Bearbeitung einer Sequenz aus einer gemeinfreien Vorlage – wird der Veranstalter in der Regel praktischerweise nicht gefragt.

2. Die Aufforderung „Mach’s nochmal!“
Wenn ein Take nicht zu gebrauchen ist, gibt es dafür immer einen konkreten und benennbaren Grund. Daraus ergibt sich,

was zu tun ist, um den Fehler beim nächsten Anlauf zu beheben. Die Formulierung dieser korrigierenden Vorgehensweise nennt man „Regieanweisung“. Es einfach nochmal zu machen, klingt zwar nach kuscheligem Pfadfinder-Wochenende, ist aber nicht nur sinnlos (weil ein schlicht wiederholter Satz in der Regel auch den Fehler wiederholt) sondern sogar kontraproduktiv: je öfter man den eigenen Fehler selber hört, desto mehr prägt er sich ein und setzt sich im (Muskel)gedächtnis fest.* Wer ohne Anleitung autodidaktisch übt, läuft vor allem aus diesem Grund Gefahr, seine Fehler und Marotten zu kultivieren.

3. Der Programmpunkt „Wir sprechen Nachrichten.“
Nachrichtensprechen ist ein scheinbar naheliegendes Thema, weil es nach dem Synchronsprechen jenes Medienphänomen ist, bei dem die Sprechertätigkeit für den Laien am auffälligsten (am sichtbarsten) ist. Daher wird es mit dem „Sprechen am Mikrofon“ gern assoziiert bzw. verwechselt. Das Sprechen von Nachrichten wird jedoch grundsätzlich nicht an Sprecher delegiert, sondern stets von Journalisten (etwa den „Redakteuren im Studio“) erledigt, die innerhalb ihrer Arbeit auch eine Sprecherausbildung haben. Also: schlechtes Arbeitsmaterial.

4. Das inflationäre Lob „Tolldu! Gaaanz toll!“
In eine Zwickmühle gerät jeder Anbieter eines solchen Seminars: Kritik macht schnell unbeliebt, besonders wenn sie zutrifft. Es gilt, eine gute Balance zwischen Kritik und Aufmunterung zu finden, aber Fehler müssen unmissverständlich und ohne Angst und Gefälligkeit benannt werden (siehe Punkt 2). Spätestens, wenn im Laufe eines Kurses alle immerzu „toll“ sind, wird sich hier um eine Pflicht herumgedrückt, für die der Veranstalter bezahlt wird.

5. Die Auslobung „Produktion eines Sprecherdemos in einer Stunde“ (o. Ä.)
Es gibt Versprechungen, die sind einfach zu schön um wahr zu sein. Selbst ein Profi, der bestens vorbereitet ins Studio kommt, muss – um ein umfassendes Demo zu schaffen – in einer Stunde ziemlich flott und konzentriert sein. Einem Anfänger so etwas zu versprechen, ist, als wollte man dem Besucher eines Sportstudios nach dem ersten Training einen Schwarzenegger-Körper in Aussicht stellen. Wer einen Kurs zum Thema „Sprecherdemo“ besucht, nimmt nach einem guten Wochenende vielleicht zwei bis drei gelungene Takes mit nach Hause und hat über die, die ihm noch fehlen, schon einiges gelernt. Mehr ist nicht drin!

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* Dass solche Misslichkeiten auch die Größten aus unserer Mitte nicht verschonen, belegt dieses Beispiel: https://blog.montyarnold.de/2015/03/11/zittern-unterm-mikrofongalgen/

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