Die Marvels wie sie wirklich waren: Die Gruft von Graf Dracula (2)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben. 

Dracula 
von  Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

Gruft von Graf Dracula #1
Nach „Die Spinne“ Nr. 1 das zweitbegehrteste Williams-Heft in Sammlerkreisen: „Die Gruft von Graf Dracula“. Während Gene Colan für den Inhalt verantwortlich zeichnete, setzte Neal Adams das Titelbild in Szene.

Im Januar 1974 startete der Williams Verlag zusammen mit sechs weiteren Serien die Marvel-Adaption von Bram Stokers* Klassiker „Dracula“ Mit der Produktionsnummer 6506 001 sollte der in den USA im April 1972 zum Leben erweckte Vampir nun sein Unwesen auch in Deutschland treiben.
Einer der Gründe, warum der amerikanische Verlag Horrorgestalten wie Dracula und Frankensteins Monster auferstehen ließ, ist simpler Natur: die Autoren Mary Shelley und Bram Stoker waren lange tot und ihr Werk damit gemeinfrei. Zudem waren die Richtlinien der Comics Code Authority Anfang der Siebziger gelockert worden, was zu ganzen Scharen von Gruselfiguren wie „Swamp Thing“ und „Werewolf By Night“ in den Comic-Heften führte.

Untrennbar mit Marvels „Tomb Of Dracula“ ist Zeichner Gene Colan verbunden, der die Serie von Anfang bis Ende gestaltete. Gene hatte zuvor unter anderem an „Daredevil“, „Captain America“, „Iron Man“ und „Sub-Mariner“ (unter dem Pseudonym „Adam Austin“) gearbeitet. „Dracula“ wollte er unbedingt machen, nachdem er mitbekommen hatte, dass Marvel eine Comic-Serie über den berühmtesten aller Vampire plante. Doch Stan Lee hatte den Zeichner für Dracula bereits ausgewählt, was er Gene aber nicht mitteilte und stattdessen einfach mit „Jaja!“ auf dessen Anfrage antwortete. Als Colan erfuhr, dass Lee den Job an Bill Everett vergeben hatte, war er frustriert. Nur auf Drängen seiner Frau Adrienne riss er sich zusammen, setzte sich auf seine vier Buchstaben und fertigte eine Charakterstudie des Vampirs auf einer „Probeseite“, die er schließlich an Stan Lee übersandte. Obwohl er keinen Sinn in dieser unbezahlten Arbeit sah, hatte Colan intensiv an den Zeichnungen gearbeitet. Seine Mühe wurde belohnt.

Von Anfang an hatte der Zeichner eine genaue Vorstellung des Blutsaugers im Kopf. Als Kind hatte er den Schauspieler Jack Palance in der Rolle von Dr. Jekyll und Mr. Hyde im Fernsehen gesehen, und Jack war für ihn der Inbegriff all dessen, was Dracula seiner Meinung nach ausmachte. Bewaffnet mit einer  Polaroidkamera setzte er sich vor den Fernseher und hielt das fest, was ihm später als Vorlage diente. Er knipste den Schauspieler aus verschiedenen Positionen und Winkeln, die er anschließend auf Papier übertrug. Trotz seiner Vorlage blieb Dracula ein eigener Charakter, den lediglich eine gewisse optische Ähnlichkeit mit Jack Palance verbindet. Colan inkte die Erstausgabe selbst. Da er damit Probleme (vor allem zeitliche) hatte, blieb es bei diesem einen Versuch. Um sich ToD voll widmen zu können, gab Gene die Serie „Daredevil“ zugunsten von Dracula ab.

Die Story

Dracula_Eröffnungsseite_E+D

Frank Drake, ein direkter Nachfahre Graf Draculas erbt ein Schloss in Transsylvanien. Zusammen mit seiner Geliebten Jean und seinem besten Freund Clifton macht er sich auf den Weg dorthin. Es kommt, wie es kommen muss: Clifton findet den Sarg und zieht Van Helsings Pfahl aus der Brust der verwesten Vampir-Leiche. Dracula erwacht und schlägt erbittert zu. Clifton wird in einen Schacht gestoßen und soll später die Rolle des willenlosen Sklaven (wie Renfield in Bram Stokers Originalvorlage) übernehmen. Durch Draculas Biss wird Jean ebenfalls zum Vampir und Frank zwangsläufig zum Jäger. Wie im Marvel Universum üblich, zieht der Graf zuerst nach London und schließlich nach Boston um.

Zu Anfang der Serie gaben sich Autoren und Inker die Klinke in die Hand. Gene Colan tat sich schwer, denn Vince Colletta gelang es nicht richtig, die düstere Stimmung einzufangen (worauf Colan ihn ablehnte) und auch Ernie Chan war nicht der beste Reinzeichner für Dracula. Zufrieden war er erst, als Tom Palmer, mit dem Gene lange Zeit „Daredevil“ gemacht hatte, einstieg. Palmers erste Arbeit für Marvel waren die Bleistiftzeichnungen für „Dr. Strange“ # 168 (dt. Nr. 1 bei Williams), getuscht von Dan Adkins. Obwohl seine Zeichnungen weit über Durchschnitt waren, entschied sich Palmer dafür, lieber die Arbeiten anderer Künstler zu inken. Auch hier klappte die Zusammenarbeit mit Gene Colan perfekt und es erschienen etwa zehn Dr. Strange-Ausgaben des Dreamteams Colan/Palmer.

Angefangen mit Gerry Conway wechselte nach jeweils zwei Ausgaben auch der Autor der Dracula-Serie. Nacheinander kamen Archie Goodwin, Gardner Fox und zuletzt Marv Wolfman zum Zuge. Goodwin brachte Rachel Van Helsing und den Inder Taj ein. Wolfman blieb und erfand Blade, den Vampir-Killer. Ebenfalls Marvel-typisch, ein Charakter von dunkler Hautfarbe. Es war Anfang der 70er Jahre noch immer unüblich, Schwarze in Comics zu zeigen. Marvel war Vorreiter mit Figuren wie Black Panther, Joe „Robbie“ Robertson, Luke Cage und … Blade!

Colans und Wolfmans Engagement sollte sich auszahlen. „Dracula“ blieb als einziger Gruseltitel erfolgreich, während andere etwa zum selben Zeitpunkt gestarteten Serien dieses Genres nacheinander eingingen. Die ToD-Titelbilder stammten zum Großteil von Gil Kane und Tom Palmer. Auch Kane verstand es, die notwendige düstere und bedrohliche Stimmung einzufangen. Das Cover von ToD# 1 fertigte Neal Adams, dessen Vampir im Gegensatz zu Colans Version keinen Kinnbart trug. Ab der dritten Ausgabe verschwand der „Goatie“ dann auch im Innenteil. Nachdem Jim Shooter Hauptverantwortlicher bei Marvel geworden war, versuchte er Einfluss auf „Dracula“ zu nehmen und die Serie nach seiner Vorstellung umzukrempeln. Gene und Marv beschlossen deshalb, die Reihe mit ToD # 70 und einem großen Knall in einer extradicken Ausgabe zu beenden.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2019/04/20/wer-war-bram-stoker-2/

Forts. folgt

 

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2 Antworten auf Die Marvels wie sie wirklich waren: Die Gruft von Graf Dracula (2)

  1. Felix Schroeder sagt:

    Ja, muss es auch sein. Colan war Jungfrau und somit dem Echten, Guten und Wahrem verpflichtet. (Frei nach Dennis Scheck, dem comicfreundlichsten Literaturkritiker). Dracula war und ist ein Hammer, mehr will ich gar nicht sagen

  2. Pingback: Die Marvels wie sie wirklich waren - Übersicht - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

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