Die Marvels wie sie wirklich waren: Die Gruft von Graf Dracula (3)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben. 

Dracula 
von  Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/ (Fortsetzung vom 22.6.2019)

„Klinge“ und Co.

In Deutschland erschienen die ersten 33 Dracula-Episoden im Williams Verlag, bis die Serie zusammen mit „Hulk“, „Thor“, „Frankenstein“ und den erst im Jahr zuvor gestarteten „Dr. Strange“, „Der Eiserne“ und DCs „Grüne Laterne“ eingestellt wurde. Leider endete die Erzählung dadurch mit einem offenen Schluss und der unerfüllten Ankündigung eines „speziellen Gast-Stars“.
Die meisten der 33 deutschen Storys übersetzte Hartmut Huff, die ersten neun stammen von Wolfgang J. Fuchs, der entweder gar nicht oder unter dem Pseudonym „Walter Bassing“ in den Credits aufgeführt wurde. In „Dracula“ Nr. 10 führte Boris Vladoff den Charakter Blade unter dem Namen „Klinge“ ein, obwohl auf dem Cover der Originalname zu lesen war. Dies wurde aber schon bald darauf vom MMT (Mighty Marvel Team) unter der Leitung von Kirsten Isele geändert, und Blade, der Spider-Man-Gegenspieler Kraven der Jäger („Nemrod“) und Dr. Doom („Dr. Unheil“ bzw. „Dr. Untergang“) bekamen Titel und Würde zurück.

MMT sagt Sorry_17. Produktion
Kirsten Isele als Umtäuferin, gestaltet von Williams‘ umstrittenem Hausgrafiker „Frobenius“  (17. Produktion)

Wie in allen Fällen veröffentlichte Williams auch hier nur die Hauptserie. Zwar gab es von „Dracula“  keine Annuals, doch endete die Nr. 33 mit einem Cliffhanger und der Williams-Leser musste auf den Genuss des „Showdown Of Blood“, der mit „Eine Kugel für einen Toten!“ in der Abschlussnummer angekündigt wurde, ebenso verzichten wie auf die Magazin-Serien „Dracula Lives!“ und „Tomb Of Dracula“, die Giant-Size Ausgaben und vor allem auf „Werewolf By Night“ # 15, dessen Handlung zwischen „Dracula“ Nr. 18 und 19 spielt.

Dracula auf dem Prüfstand

Per Entscheidung Nr. 2521 und 2522 verfügte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften am 11.10.1974 eine Indizierung der jeweiligen Nr. 5 der Williams-Serien „Dracula“ und „Frankenstein“. Die Hefte wurden daraufhin an die Grossisten zurückgeschickt, da sie nun nicht mehr im üblichen Rahmen vertrieben werden durften. Mit Erstauslieferung im Mai 1974 blieb dennoch genug Zeit, um die Hefte in weiten Teilen Deutschlands zu verbreiten. Nur die südlichen Bundesländer hatten eben Pech. Kurioserweise landeten Exemplare von Dracula Nr. 5 in den Österreich-Varianten der Williams-Sammelbandreihe „Marvel Superband Superhelden“, und wurden so als Quasi- Remittenden zweitverwertet. Die weitere Serie blieb ohne Indizierung und vom Verlag ungekürzt. Anders sah es bei Frankenstein aus. Das Monster musste hier und da Einbußen im Umfang hinnehmen. Interessant auch die Tatsache, dass die indizierte Ausgabe von Frankenstein eine bereits in den USA retuschierte Szene enthält, da die Zusatzstory „Sie warten im Kerker“, bedingt durch den Comics Code, bei ihrer Wiederveröffentlichung (das Original war in der Pre-Code Ära erschienen) an einer Stelle deutlich abgeschwächt werden musste. Die beiden deutschen Hefte jedenfalls wurden mit den Nummern 3820 und 3821 in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen. Das Urteil blieb jedoch nicht ohne Folgen. Redakteur und Übersetzer Hartmut Huff verhöhnte die Maßnahmen der BPS bereits im Oktober 1974, der Abdruck erfolgte jedoch aufgrund des Produktionsvorlaufs von sechs Monaten erst in „Dracula“ Nr. 16. in der Story um ein Skelett, das auf dem Friedhof umgebettet wurde und nun sein richtiges Grab zurückverlangt, finden sich folgende Zitate: „Das Ding schert sich nicht um die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften! Es hat, was es will – und das allein ist wichtig – nicht die Zensur!“ (Seite 3) und „—und in diesem Augenblick durchzuckt einziger Gedanke ihre beiden Hirne …: Nie wieder die verbotenen Marvel-Comics lesen können! Und darum ist ihr Tod zweenfach schmerzhaft!“ (Seite 5).

Auch die Szenen der Folgeseiten waren stark abgeschwächt. Das als „Ding“ bezeichnete Skelett wirft angeblich „mit faulem Obst“, Dracula „bittet zum Tanz“, und schließlich stellt sich die Frage: „oder hatte Dracula etwa Mundgeruch??“. Ob die beiden Opfer des Skeletts: „Karle Martin und Gordo Brown (beide übelst beleumundet)“ wohl etwas mit der Indizierung zu tun hatten? Jedenfalls stellt diese Selbstironie einen Höhepunkt deutscher Übersetzungskunst dar. Hartmut Huff versteht es, die Spannung der Geschichte aufrecht zu erhalten und gleichzeitig die Lächerlichkeit einer Behörde aufzuzeigen, deren Leitsatz lautet: „Eine Zensur findet nicht statt“.

Colan_zensiertAuf mindestens fünf Seiten zensiert: “Sanctuary” aus „Tomb Of Dracula“ # 5. Gene Colan selbst macht diese Maßnahme laut eigener Aussage nichts aus.

Nicht nur die Islamisten verhüllen ihre Frauen. Auch die US-Amerikaner neigen dazu. Bei Brüsten kann es zwar nicht monströs genug sein, aber bitte nicht in der Öffentlichkeit. Jüngster Aufreger bei den Marvel-Fans ist das ToD-Essential Vol. 4, von dem man meinen sollte, dass es nicht gerade auf der Wunschliste amerikanischer Teenies steht. Wie schon bei „Conan (The Frost Giant’s Daughter)” handelt es sich um eine Übernahme aus dem Magazin-Format. Für die Comic Books gelten eben andere, strengere Regeln.
1980 jedenfalls durfte Draculas Tochter Lilith im Magazin „Tomb Of Dracula“ # 5 die gänzliche Pracht ihrer Oberweite noch auf mehreren Seiten zur Schau stellen.
Man muss es Marvel aber hoch anrechnen, den vierten Essential-Band überhaupt gebracht zu haben. Vereint er doch fast sämtliche Dracula-Magazingeschichten in chronologischer Erzählreihenfolge. Ebenfalls enthalten ist die in Deutschland ausgelassene Seite aus „Frankenstein“ Nr. 7.
Forts. folgt

 

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