Die Marvels wie sie wirklich waren: Gene Colan (1)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier leicht aktualisiert wiederzugeben. 

Ein Mann ohne Furcht – Teufelskerl Gene Colan
von  Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/ 

Privatfoto, Gene Colan beim Skizzieren am Kaffeetisch. – Aus: The Gene Colan Treasury (1996).

Eugene Jules Colan, Jahrgang 1926, wurde in Deutschland hauptsächlich durch seine Arbeit an Daredevil (Devil-Man / Der Dämon) bekannt. Sein Name steht auch Synonym für Marvels Dracula, da er den König der Vampire von Anfang bis Ende der Serie zeichnete. Auch Dr. Strange und dessen mystische Welten wusste er perfekt in Szene zu setzen. Etwas weniger Beachtung fanden seine Einsätze bei Iron Man (Der Eiserne), Sub-Mariner (Aquarius), Captain Marvel und Captain America, die hierzulande entweder nur als Zweitstorys oder gar nicht veröffentlicht wurden. Ein paar frühe Marvel Mystery-Storys gehen ebenfalls auf sein Konto, welche die deutschen Verlage zum Teil als Lückenfüller in den Hit Comics und bei Williams (vor allem bei „Dracula“ und „Frankenstein“) brachten. Außen vor bleiben die Abenteuer von „Howard The Duck“, den man in Deutschland eigentlich nur aus dem gleichnamigen Film von Steven Spielberg kannte, bis Panini ihm 2016 einen seiner hübschen Hardcover-Bände widmete.



Gene zeichnete nicht nur für Marvel, sondern auch für den Verlagskonkurrenten DC Comics. So stammen z.B. alle „Hopalong Cassidy“-Stories in den „Sheriff Klassikern“ des bsv von ihm. Für Wirbel sorgte vor allem, als er sich mit Herausgeber Jim Shooter überwarf und sich 1981 komplett von Marvel trennte, um bei DC „Batman“ und „Wonder Woman“ („Wundergirl“) zu übernehmen. Mit seiner Frau Adrienne lebte Gene jahrelang in Florida, doch das „stürmische Wetter“ trieb die beiden zurück nach New York. Trotz seines hohen Alters ist Gene immer noch Gast zahlreicher Conventions und arbeitet hauptsächlich im Auftrag von Comic-Fans an sogenannten „Commissions“, siehe Abbildung. Umso schöner, dass er die Zeit fand ein paar Fragen für „Das sagte Nuff“ zu beantworten.

Eröffnungsseite der Episode aus „Sheriff Klassiker“ Nr. 174.

Daniel Wamsler: Bei all den Interviews, die Du in der Vergangenheit gegeben hast, gibt es da überhaupt noch Fragen, die man Dir noch nicht gestellt hat, oder die Du gerne gestellt bekämst?

Gene Colan: Sagen wir’s mal so, ich bin immer glücklich, die Fragen beantworten zu können, die mir gerade gestellt werden, besonders wenn jemand neugierig auf das ist, was ich mache oder gemacht habe.

Du hast mir erzählt, dass deine Vorfahren aus Deutschland stammen. Von wo genau kommen deine Ahnen?

Richtig, deutsch sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits. Allerdings wurden sowohl meine Eltern als auch meine Großeltern in New York City geboren. Meine Vorfahren gehörten zu den ersten Siedlern, die hierher nach Amerika kamen. Leider habe ich keinerlei Ahnung, wer meine Urgroßeltern waren oder aus welcher Stadt sie ursprünglich kamen.

Warst du oft in Deutschland? Wo gefällt es dir am besten?

Ich war nur einmal in den 60er Jahren in Deutschland. Ich mochte die Schönheit des Landes und die Warmherzigkeit der Leute. Ich kann mich erinnern, dass es meiner Frau Adrienne nicht gut ging, als wir ein Restaurant in Frankfurt besuchten. Es war beeindruckend, wie man sich dort um sie kümmerte. Ich kann mich auch an einen Aufenthalt in München erinnern, wo wir uns eine riesige Bierhalle anschauten, wirklich großartig. Noch mehr beeindruckt haben mich allerdings die kleinen romantischen Städte und Dörfer und die Landschaft. Ich glaube, das war in der Nähe von Rothenburg. Wunderschön, fast wie gemalt. Und … Blumen, überall Blumen und Blumentöpfe, das gefiel mir sehr.

Eine von Gene Colans Auftragsarbeiten, den sogenannten Commissions. Viele Comic-Künstler der alten Garde verdienen heute mit den Zeichnungen für Fans mehr, als ihnen die Verlage für ihre Originalseiten je bezahlten. Der Auftraggeber (nicht Gardena, auch wenn es den Anschein erweckt) machte sich einen Traum wahr und ließ Genes Pencils von John Byrne inken.

Lass uns über deine Karriere sprechen. Wann genau hast du angefangen, im Comic Business zu arbeiten?

1946.

Bist du Autodidakt oder hattest du Unterricht an der Kunstschule?

Hauptsächlich ersteres. Ich habe, seit ich drei Jahre alt war, versucht alles zu zeichnen, was ich sah. Mit dreizehn, ich lebte damals in New York City, spazierte ich zu DC Comics. Man zeigte mir, wo die Künstler arbeiteten und ich sah zum ersten Mal echte Comic Art. Ich war gleichermaßen erfreut und betrübt. Erfreut, weil ich nie zuvor etwas Schöneres als diese Originalzeichnungen gesehen hatte. Betrübt andererseits, weil mir klar wurde, dass mir nichts anderes übrig blieb, als deren Rat zu befolgen und auf die Kunstschule zu gehen. Also schrieb ich mich in die „Art Student’s League“ ein und verbrachte dort einige Jahre.

Danach hast du zuerst für DC und dann Marvel gearbeitet, richtig?

Nicht ganz, erst Marvel, dann DC und schließlich beides. In den Achtzigern fing ich an, auch für die Independent-Schiene zu arbeiten, z.B. für „Dark Horse“. (Anm.: u.a. an einer 3teiligen Miniserie über „Dracula“ von 1998, zusammen mit Marv Wolfman)

Dein Stil unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem anderer Zeichner. Bei „Hopalong Cassidy“ hast du viele verschiedene Winkel und Perspektiven benutzt, um die Spannung der Story zu verstärken.

Richtig. Da gab es immer Action und ich hatte mir extra ein großes Fotoarchiv angelegt, mit Personen und allem sonst erdenklichen aus allen möglichen Blickwinkeln. Das hat geholfen … Falls ich mal keine Referenz für eine meiner Zeichnungen hatte, überredete ich einfach jemanden, sich in Pose zu setzen oder posierte selbst.

Bei Marvel warst du, nennen wir es mal „sehr experimentierfreudig“. Ich denke da an außergewöhnliche Panelaufteilungen und Seitenlayouts, Spiegelungen in Türknaufen oder Wasserpfützen …

Das war damals kein bewusstes Zeitgeist-Experiment. Nur ließ Marvel den Künstlern mehr Freiheit als andere Verlage. So hatte man die Möglichkeit, seinen eigenen Stil zu finden. Meiner war es, mit den Zeichnungen Kinofilme in Comicform zu erzählen.*

„FOOM!“ # 13 (Frühjahr 1976), zu dem Gene Colan das Daredevil-Cover beisteuerte.

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* Ein vielbeachtetes Beispiel sahen wir im letzten Kapitel unter https://blog.montyarnold.de/2019/10/31/captain-america/

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