Die Marvels wie sie wirklich waren: Vince Colletta

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier leicht aktualisiert wiederzugeben. 

Vince Colletta – Der erstaunliche Inker
von  Daniel Wamsler und Monty Arnold
http://dassagtenuff.blogspot.com/ 

Vince Colletta war zunächst ein Zeichner, dessen besonderes Händchen für schöne Frauen es ihm ermöglichte, die Liebes-Comics von Atlas fast im Alleingang zu illustrieren. Er war schnell und lieferte in kürzester Zeit professionell aussehende Arbeiten, weshalb nebenbei auch die Herausgeber von Charlton und Dell gerne auf ihn zurückgriffen, insbesondere wenn ihnen die Deadlines im Nacken saßen. Zu seinem Assistenteam gehörten Joe Sinnott und Dick Giordano. In den 60er Jahren arbeitete Colletta ausschließlich als Inker für Marvel. In diese Zeit fallen seine heute populärsten und umstrittensten Arbeiten.

Im vorigen Kapitel klang an, dass Gene Colan mit der Arbeit von Vince Colletta nicht besonders zufrieden war, woraufhin dieser von „Dracula“ abgezogen wurde. Auch Neal Adams hatte wohl ein Abkommen mit DC, dass Colletta niemals an seine Zeichnungen dürfe. Die Meinungen über ihn gehen weit auseinander. Da sind zum einen die Fans, die seine Strichführung bei Jack Kirbys „Thor“ und den „Tales Of Asgard“ besonders schätzen, zum anderen die Kritiker, die ihm vorwerfen, Details weggelassen und zu dünne Tuschefedern verwendet zu haben. Letzteres macht sich besonders bei den aktuellen Ausgaben der „Thor Masterworks“ bemerkbar. Auch hieß es, Colletta sei neben seiner Arbeit für die Comic-Verlage zwielichtigen Geschäften nachgegangen, indem er neben seinem Zeichen-Studio noch ein Studio ganz anderer Art betrieben haben soll. Eine Menge junger Mädchen seien da ein und aus gegangen. Ob dort nur Foto-Shootings stattfanden, weiß nicht einmal die Gerüchteküche. Jedenfalls will sie wissen, seinen Job als Art Director bei DC von 1976 bis 1979 habe Colletta hauptsächlich  Beziehungen und seinen Ruf verdankt, besonders schnell zu sein. Das zeichnerische Können sei da Nebensache gewesen. – Colletta war mit Jack Kirby zu DC gewechselt, allerdings ohne ihn weiter als Reinzeichner zu betreuen.

Während sich Gene Colan bei der Verlagsleitung, sprich Stan Lee, über Collettas abgelieferte Arbeit beschwerte, sah sich Jack Kirby nie das Endresultat an. Statt bei Erledigtem zu verweilen, konzentrierte er sich auf seinen nächsten Auftrag. Schließlich hatte er eine Familie zu versorgen. Angesichts dieses Umstandes macht auch Kirbys Aussage Sinn, Stan Lee hätte nie auch nur eine einzige Zeile verfasst. Zumindest hatte Kirby nie etwas davon gesehen. In einem TV-Interview merkte John Romita an: „Sie redeten aneinander vorbei, keiner hörte dem anderen richtig zu!“. Lee, Romita und Kirby hatten dieselbe Strecke bei der Heimfahrt vom Marvel Office, so dass Romita Zeuge diverser Plot-Besprechungen seiner beiden Kollegen wurde.

Doch zurück zu Vince Colletta. Seine Unbeliebtheit bei den Fans liegt weniger an dem, was er tuschte, sondern vielmehr an dem, was er nicht tuschte. Das nachfolgende Beispiel aus Thor # 154 (Seite 11) spricht für sich selbst …

Da waren’s nur noch sieben: Zweimal Seite 11 aus „Thor“ # 154 („Die Spinne“ Nr. 145, Panini-Schuber „Spider-Man – Das fehlende Jahr“), oben Jack Kirbys Bleistiftzeichnung, unten das Endresultat nach Vince Collettas Bearbeitung. Das Entfernen der Bewegungslinien und Lokis Schweifspitze nimmt zusätzliche Dynamik.

Doch Vince Colletta tuschte weiter. In den 80er Jahren betreute er verschiedene Serien für Marvel und DC. Er starb 1991.

Dieser Beitrag wurde unter Comic, Marvel, Medienkunde abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.