Geschichte des Komiker-Handwerks (52)

Wer liest, der bleibt – Dichtergesang, literarisches Kabarett und  Poetry Slam (2)

Fortsetzung vom 21.9.2020

Bereits mit dem Ende des Lecture Circuit* emanzipierten sich die Stand-Up Comedians von diesen Ursprüngen. Ihr Spiel wurde freier und körperlicher, was sie vom Schauspiel übernahmen. Unter den Humoristen der jungen Bundesrepublik bildete sich ein Typus heraus, der diese antike Tradition wieder aufleben ließ.

Hanns Dieter Hüsch, der in seiner langen Karriere kaum eine Humortradition ausgelassen hat, machte das literarische Kabarett schließlich zu seinem wichtigsten Betätigungsfeld. Nach seiner Definition geht es „dabei nicht um Parodien auf literarische Strömungen oder Stile, sondern um den Versuch, dem Kabarett eine gewissen literarischen Anspruch zu geben, wie das in den 20er Jahren üblich war. Klabund, Mehring, Ringelnatz … – das waren natürlich die Leute, die ich in meiner Jugend gelesen habe!“ (Hüsch ist Jahrgang 1920.) „Angefangen hat es mit Kurt Tucholsky – is‘ klar. Dann gab es eine Gottfried-Benn-Phase, selbstverständlich eine Brecht-Phase – wie bei den meisten Kollegen, eine Beckett-Phase … In den letzten Jahren lasse ich mich immer wieder von Thomas Bernhard faszinieren, dessen Stücke und Prosatexte viel Kabarettistisches haben.“ Doch Hüsch beeilte sich, hinzuzufügen: „Mit den E-Literaten will ich aber gar nicht in Berührung kommen – so wie die E-Literaten ihrerseits die Nähe von uns Tingeltangel-Satirikern nicht schätzen.“
Hüsch liebte den allgemeineren Begriff „Kleinkunst“, den er unablässig nicht nur auf sich, sondern auf seine gesamte Zunft (Kabarett und Chanson) anwendete.

In den 70er Jahren nahm Hüsch hinter einer primitiven Hammond-Orgel Platz (einer Philicorda, auch Schweine-Orgel genannt), die ihm jederzeit erlaubte, sich bei seinen Chansons selbst zu begleiten oder ein akkordisches Underscoring unter seine Texte zu legen. Mit der Zeit nahm der musikalische Teil einen immer kleineren Raum ein, doch der Meister blieb hinter seinem Instrument sitzen. Schließlich war er wegen einer lebenslangen Gehbehinderung ohnehin nicht sehr agil.
Er kultivierte das Spielen vom Blatt (wobei er seine Texte natürlich auswendig konnte) und den mimischen Dialog mit dem Publikum, während er den Manuskriptstapel wie ein Requisit behandelte und immer wieder hingebungsvoll geraderückte.
Zuletzt trug er auf seinem angestammten Platz vor allem Texte vor, die in Aufbau und Inhalt wie Comedy-Monologe angelegt waren und die ihm seine strengeren Verehrer als „Petitessen“ verübelten.

In der heutigen Szene hat sich mit Torsten Sträter ein Vertreter des literarischen Kabaretts als Star etabliert. Der Cloudrapper Rin ist einer von denen, die die musikalische Variante bedienen: „Ich esse Butter-Chicken, Bitch, ich kann jetzt kochen (kein ALDI)“, lässt er uns in „Bass“ (2017) wissen.
Doch längst hat sich eine Kultur aufgemacht, die die Idee des literarischen Vortrags schon im Namen trägt: Poetry Slam.

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* Siehe dazu Folge (3): „Die Komik der Sozialreportage“ unter  https://blog.montyarnold.de/2020/03/17/geschichte-des-komiker-handwerks-3/

Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“

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