Die wiedergefundene Textstelle: „Yacht ‚Paradise'“

betr.: 13. Todestag von Stanislaw Lem

Es ist rührend, was es im Internet alles nicht gibt, sogar zu anerkannten Größen wie Stanislaw Lem – der der Philosoph, der streitlustige Kritiker, Erfinder neuer Genres, Sprachkünstler und Romancier von Weltrang gilt vielen als der Science-Fiction-Autor schlechthin. Im September „feiert“ er seinen Hundertsten, und dann kommt ja vielleicht noch das eine oder andere dazu.

Bisher schier nicht aufzufinden ist sein Stück „Jacht ‚Paradise'“. Ich habe immerhin diese kurze Textpassage daraus aufgetrieben (und das ist auch schon alles). Sie spielt an Deck der titelgebenden Jacht. Ich weiß nicht einmal, wie die vier unsympathischen Kommissköppe heißen, die diesen Dialog führen. Also: schreibt mir, Freunde!

.       Genosse #3 General, Ihr Nachname ist mit goldenen Buchstaben
in die Geschichte der USA gemeißelt! Sie waren einer
der ersten auf Hiroshima-Gebiet, richtig?
.       General Ja! Ich habe die Stadt zwei Tage nach der
Kapitulation besichtigt.
.       Genosse #2 Und Sie waren am Ort der Explosion? Das muss
wirklich eine tolle Aussicht gewesen sein! Alles so …
veratomiert. – Ich beneide Sie! – Später gab es die sogenannten Hiroshima-Andenken.
Für ein schönes Exemplar musste man ordentlich
was hinlegen! Und es waren Unmengen von
Fälschungen im Umlauf!
.       General Aber diese Kleinigkeit ist mit Sicherheit authentisch!
.       Genosse #2 Was ist das? Ein Knochen?
.       General Nein! Das ist eine Rassel. Ein ganz gewöhnliches
Kinderspielzeug … vorsichtig!
.       Genosse #4 Was ist daran so Besonderes?
.       General Ich möchte die Herren auf die vier dunklen Flecken
hinweisen.
.       Genosse #2 Stimmt. Sie sehen aus wie Fingerabdrücke.
.       General Das ist die Spur einer Kinderhand. Im Moment der
Explosion wurde sie verkohlt.
.       Genosse #2 Und das Kind?
.       General Tja, das Kind auch. Das hier ist alles, was von ihm
übrig geblieben ist.
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Stanislaw Lem, geb. am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg), lebte zuletzt in Krakau, wo er am 27. März 2006 starb. Er studierte von 1939-41 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945-48 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie. Stanislaw Lem zählt heute zu den erfolgreichsten und meist übersetzten Autoren Polens. Viele seiner Werke wurden verfilmt.

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