Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (20): „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“

20. „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ – SWF 1986, 50 min.

Es war für den Intendanten schwierig gewesen, jemanden zu finden, dem er diese Aufgabe zumuten konnte. Die Plötzlichkeit, mit der ihm Murke einfiel, machte ihn misstrauisch. Der Intendant mochte Murke nicht. Er hat ihn zwar sofort engagiert – so wie ein Zoodirektor, dessen Liebe eigentlich den Kaninchen und Rehen gehört, natürlich auch Raubtiere anschafft, weil in einen Zoo eben Raubtiere gehören. Aber die Liebe des Intendanten gehörte eben doch den Kaninchen und Rehen. Und Murke war für ihn eine intellektuelle Bestie.

Der junge Redakteur Dr. Murke muss einen Funkbeitrag des großen Intellektuellen Bur-Malottke in Ordnung bringen. Der Meister fürchtet, man könne ihn der Mitschuld an der religiösen Überladung des Rundfunks anklagen und möchte das Wort „Gott“ nachträglich aus einem bereits produzierten Beitrag entfernt wissen. Da er sich nicht die Mühe machen will, den Text neu einzusprechen, muss nun 27mal die neue Formulierung „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ aufgenommen und in das Tonband eingeklebt werden, und zwar in der jeweiligen Deklinierung.
Dr. Murke macht das Beste aus diesem etwas demütigenden Auftrag …

“Dr. Murkes gesammeltes Schweigen” (1958) ist einmalig – und das nicht nur im Werk seines Autors Heinrich Böll. Der Text ist in seiner Vergnüglichkeit und in dem erhellenden Witz, der sich mit jeder neuen Lektüre wieder und wieder entfaltet, originell in des Wortes eigentlicher Bedeutung. Das hat auch mit seinem Thema zu tun. Da sich kaum jemand den Lebensraum eines öffentlich-rechtlichen Funkhauses als Kulisse für ein hintersinniges Gesellschaftsportrait gewählt hat, hat Böll alle Klischees für sich allein, die dieser skurrile Kosmos hergibt: die Hausordnung ebenso wie seine Insassen und deren Eitelkeiten, die Regularien, die Sprachregelung und die Infrastruktur – einschließlich der Flure, der Kantine und des Paternosters.
Was diese Satire weiterhin auszeichnet, ist die Unverwüstlichkeit, mit der sie sich in andere Medien hat adaptieren lassen, ohne Schaden zu nehmen. Zum Glück hat man bei ihrer Verfilmung* den Fehler vermieden, die Handlung auf abendfüllende Länge strecken zu wollen. Das 22 Jahre später entstandene Hörspiel ist also etwa gleich lang, hat aber den Vorteil, noch mehr vom Originaltext zu bewahren. Und wieder ist man verblüfft, wie gut diese hochgradig spezielle Geschichte aus dem Kulturbetrieb der jungen BRD, der die Kleinabfälle seiner NS-Vergangenheit aussortieren muss, als Parabel – d. h. als Volkstheater – funktioniert.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/01/05/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-57-dr-murkes-gesammeltes-schweigen/

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