Technicolor für die Ohren – Die Kunstkopf-Stereophonie (3/3)

Fortsetzung vom 5.9.2021

Ein anderer Mangel ist inzwischen längst überwunden. Die frühen Kunstkopf-Aufnahmen klingen mangelhaft, wenn man sie am Lautsprecher hört („sub-optimal“, wie man heute sagen würde): ihr Klang ist hohl, und sie wirken untersteuert. Man vergleiche „Demolition“ oder diese Aufnahme von einem Kunstkopf-Live-Album des Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch …

„Kunstkopf, nicht Kindskopf“ aus „Nachtvorstellung“, Hamburger Schauspielhaus 1976

… mit diesem Trailer zu einem erratischen Beitrag von 2013.

Radiotrailer für das Kunstkopf-Hörspiel „Der Kauf“ von Paul Plamper.*

Wer eines der späten Kunstkopf-Hörspiele am Lautsprecher verfolgt, verpasst zwar den grandiosen Effekt, hat aber darüberhinaus ein ungetrübtes Hörerlebnis.

Die Kunstkopf-Produktionen gingen mehr und mehr zurück. Heute kann mit dem Begriff, selbst auf den Fluren der Funkhäuser, kaum noch jemand etwas anfangen.
In den 90er Jahren entstanden so viele Titel wie im ersten Jahr nach der Einführung. Die letzten versprengten Produktionen hatten häufig Performancecharakter, es war viel vom „Stadtraum“ die Rede, in den etwas gesetzt werde, von „Aktionen“, von Projekten mit gesellschaftspoltischer Relevanz. Dabei würde jede Erzählung vom klassisch erzählten Kammerspiel bis zur phantastischen Geschichte von diesen klanglichen Vorzügen profitieren.  Dann verschwand der „augenlose Kopf“ vollständig aus den Hörspielstudios. Zum Glück wurde er nicht verschrottet wie die die Bandmaschinen und die alten Mikrofone. Es ist theoretisch möglich, ihn wieder herauszusuchen.  
Zumal sich die Rezeptionsbedingungen in den letzten 50 Jahren gewaltig verändert haben. Die Nutzung von Kopfhörern ist in unserer Zeit der mobilen Abspielgeräte, die auch auf Mediatheken zugreifen können, nicht mehr die Ausnahme, sondern der Regelfall.
Andererseits ist unsere Produktionsmentalität heute von jenem frühen Morgen in Zehlendorf denkbar weit entfernt. An eine „ökonomische“ Arbeitsweise wie sie mittlerweile bei Hörspiel-Aufnahmen für Tonträger üblich ist – das auch im Synchron geläufige „Ixen“ einzelner Sprecher, die erst später zusammengemischt werden, die Möglichkeit, einzelne Sprecher auszutauschen weil einer der zahlreichen Mitverantwortlichen es wünscht, das Mogeln, um einzelne Fehlleistungen zu retuschieren … – ist bei einer Kunstkopf-Produktion von vorneherein ausgeschlossen.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2021/06/30/paul-plamper-der-kauf/

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Eine Antwort auf Technicolor für die Ohren – Die Kunstkopf-Stereophonie (3/3)

  1. slowtiger sagt:

    Einer Kunstkopf-Musikproduktion bin ich nie begegnet, aber es gab in den 80ern Platten mit dem Aufkleber „specially mixed for headphones“ (zB Rupert Hine „Waving Not Drowning“).

    Interessanterweise hat Apple gerade eine Technik vorgestellt, die es Kopfhörerbenutzern ermöglicht, sich im Zimmer zu bewegen und zu drehen und dabei die Musik stets so zu hören, als käme sie aus ortsfesten Lautsprechern. Wäre mal das Experiment wert, dieses System mit Kunstkopf-Aufnahmen zu füttern …

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