Begehung eines Brettspiels

betr.: „Schachnovelle“ von Philipp Stölzl

Stefan Zweigs „Schachnovelle“ ist wieder im Kino zu sehen. Als Remake ist diese Bearbeitung durchaus willkommen, denn Gerd Oswalds Verfilmung von 1960 ist ein im Sinne der Vorlage ungenießbares Kuriosum: Opas Kino hat tief Luft geholt und eine Mammutbesetzung, die von Weltstars wie Claire Bloom veredelt wird, in eine hübsche Dekoration gestellt. Die Spielleitung schafft es nicht, aus den vielen Mitwirkenden ein Ensemble zu bilden, also macht jeder, was er für richtig hält. Mario Adorf als Schachmeister etwa agiert wie der Bösewicht in einem Weihnachtsmärchen.
Philipp Stölzls neue Verfilmung habe ich noch nicht gesehen, aber der Trailer und die publizierten Standfotos lassen eine überproduzierte Kitsch-Orgie befürchten.

Wenn süß die Abendsonne in die Verhörstube fällt … Über unsere Kino-Ästhetik wird man sich in ein paar Jahren vermutlich kaputtlachen.

Für alle, die große Literatur lieben, sie aber nicht einfach selber lesen wollen, ist die beste Art, diesen Stoff kennenzulernen, möglicherweise die Lesung von Curd Jürgens. Der grandiose Schauspieler ist 1960 an seiner Hauptrolle in dem Oswald-Film gescheitert (weil nicht optimal besetzt und von der Regie schmählich im Stich gelassen), gestaltet den Text aber mit jenem Einfühlungsvermögen, das ihn zur lebenden Legende werden ließ.
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»Schach! Schach dem König!« An Bord eines Passagierdampfers von New York nach Buenos Aires wird Schach gespielt. Was als harmloser Zeitvertreib wohlhabender Reisender beginnt, ruft in Dr. B. traumatische Erinnerungen an seine Zeit als Gefangener der Gestapo in Österreich wach. Stefan Zweigs letztes und wohl bekanntestes Werk beschäftigt sich mit psychischen Abgründen und perfiden Foltermethoden. (Klappentext der Buchausgabe)

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